# taz.de -- Homofeinde gegen türkischen Musiker: Verhaftet wegen sexy
       
       > Am Ende schwingen zwei Männer die Hüften. Für die AKP und ihre
       > „Familienpolitik“ ist das Musikvideo von Mabel Matiz ein Problem. Aber es
       > gibt eine Antwort.
       
 (IMG) Bild: Wer solche Sichtbarkeit unter Verdacht stellt, muss Homosexualität gar nicht erst verbieten
       
       Gegen Ende von [1][Mabel Matiz]’ Musikvideo „Ha Leylim“ – eine poetische,
       sehnsüchtige Bezeichnung für die geliebte Person – geht ein Mann im
       hellblauen Anzug leicht in die Knie, die Arme weit geöffnet. Ihm gegenüber
       steht ein weiterer Mann: blondierte Haare, gelbe Schlaghose, gepunktetes
       Hemd. Die beiden tanzen, ihre Hüften bewegen sich im Takt. Um sie herum
       liegen Menschen verstreut im Gras, als wäre die Feier irgendwann einfach
       auf der Wiese versackt. Eine schöne, leicht entrückte Szene. Was die
       Staatsanwaltschaft Istanbul sieht, sind hauptsächlich die schwingenden
       Hüften zweier Männer.
       
       Genauer: „sich wiederholende Arm- und Hüftbewegungen“. Die sind der
       Staatsanwaltschaft so wichtig, dass sie es bis in die Anklageschrift gegen
       Mabel Matiz und den Regisseur Sinan Tuncay geschafft haben. Die Bewegungen
       werden darin sinngemäß als für Männer unangemessen beziehungsweise
       „unmännlich“ bewertet – ein Verstoß gegen die öffentliche Moral! Wegen
       „Unzüchtigkeit“ drohen Matiz und Tuncay nun bis zu drei Jahre Haft.
       
       Für Matiz ist es allerdings nicht das erste Mal, dass seine Kunst auf diese
       Weise gelesen wird. Der Sänger gehört zu den erfolgreichsten Popstars der
       [2][Türkei], seine Songs laufen im Radio, seine Videos werden millionenfach
       geklickt, seine Konzerte sind ausverkauft. Er ist offen homosexuell – und
       damit seit Jahren im Visier einer AKP-Regierung, die queere Sichtbarkeit
       zunehmend zum politischen Feindbild macht.
       
       Bereits sein Song „Perperişan“ brachte Matiz 2025 ein Verfahren wegen
       „Unzüchtigkeit“ ein. Wieder ging es um einen Liebestext, wieder um die
       Frage, wie dieser zu verstehen sei. Im Mai dieses Jahres geriet Matiz dann
       im Zuge einer Drogenrazzia gegen Menschen aus der Unterhaltungsbranche ins
       Visier der Behörden.
       
       Und jetzt „Ha Leylim“. Nach der Veröffentlichung musste Matiz erneut bei
       der Staatsanwaltschaft aussagen. Gegen ihn wurde eine Ausreisesperre
       verhängt. „Es ist ungerecht, dass ich meine Werke ständig vor Gericht
       erklären muss“, sagte Matiz.
       
       Dieses „ständig“ ist hier eben entscheidend. Denn Matiz’ Kunst darf
       offenbar nicht einfach mehrdeutig sein. Ein Liebeslied, ein Musikvideo,
       zwei Männer beim Tanzen – alles wird auf eine Bedeutung hin abgeklopft.
       Matiz selbst sagt, seinen Werken würden aufgrund seiner Identität
       systematisch kriminelle Bedeutungen zugeschrieben.
       
       Dass das gerade jetzt passiert, ist kein Zufall. „Ailem Güvende“ – „Meine
       Familie ist sicher“ – nennt die türkische Regierung ihre derzeitige
       Kampagne, mit der sie vermeintliche Familienwerte verteidigen will. Der
       Name verrät einiges. Denn wer verspricht, die Familie in Sicherheit zu
       bringen, muss auch eine Gefahr benennen, vor der sie geschützt werden soll.
       
       [3][Und diese Gefahr sind einmal mehr die vermeintlich anderen: Menschen,
       deren Liebe, Körper oder Beziehungen nicht in das staatlich gewünschte Bild
       von Familie passen]. Queere Menschen. Auf der einen Seite das Eigene,
       Schützenswerte. Auf der anderen das angeblich Unmoralische, vor dem es
       geschützt werden muss.
       
       Homosexualität muss gar nicht verboten werden, wenn ihre Sichtbarkeit
       ständig unter Verdacht steht. Wenn ein Lied erklärt, ein Tanz
       gerechtfertigt und eine Hüftbewegung im Zweifel vor Gericht verteidigt
       werden muss.
       
       Solche Verfahren richten sich nicht nur gegen diejenigen, die tatsächlich
       vor Gericht stehen. Sie zeigen auch allen anderen, was passieren kann, wenn
       man sichtbar wird.
       
       Nur geht diese Rechnung bei „Ha Leylim“ gerade nicht so ganz auf. Auf
       Social Media nämlich solidarisieren sich immer mehr Menschen, auch aus der
       Diaspora, und tanzen genau jene Sequenz nach. Genau das ist die schönste
       Antwort auf diese ganze Absurdität. Bleibt der Staatsanwaltschaft
       eigentlich nur noch ein Problem: Wie klagt man gegen Tausende schwingende
       Hüften gleichzeitig?
       
       5 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kunstszene-in-Istanbul/!6122256
 (DIR) [2] /Tuerkei/!t5404167
 (DIR) [3] /Razzien-in-der-Tuerkei/!6212782
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Derya Türkmen
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt LGBTQIA
 (DIR) talkshow
 (DIR) Türkei
 (DIR) Musikvideo
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Social-Auswahl
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Türkisches Nachrichtenportal gesperrt: Türkei immer abgehängter
       
       Mit der Sperrung des Online-Nachrichtenportals T24 wird die Öffentlichkeit
       weiter drangsaliert. Es geht um Inhalte mit angeblicher „LGBT-Propaganda“.
       
 (DIR) Türkeibesuch von Hendrik Wüst: Visa für Geschäftsleute, Schulterklopfen für Opposition
       
       Bei seiner Türkeireise kann NRWs Ministerpräsident schnellere Visaverfahren
       ankündigen. Opposition und Zivilgesellschaft trifft er am Ende auch noch.
       
 (DIR) Nach Witzen über Erdoğan: 19 Monate Haft für Satiriker
       
       Der türkische Satiriker Deniz Göktaş scherzt über den Präsidenten und
       erhält prompt die Quittung. Vor Gericht lässt er sich nicht einschüchtern.