# taz.de -- Razzien in der Türkei: Schlag gegen die LGBTIQ+-Community
       
       > In der Türkei wird gegen queere Vereine und Institutionen ermittelt.
       > Derweil wurde der Istanbuler Oberbürgermeister Ekrem İmamoğlu zum zweiten
       > Mal verurteilt.
       
 (IMG) Bild: Menschen nehmen an einem Marsch zur Unterstützung von Transpersonen während der Pride-Woche 2026 in Istanbul teil
       
       In der Nacht von Samstag auf Sonntag ist die türkische Polizei mit bislang
       beispiellosen Razzien gegen die LGBTIQ+-Community des Landes vorgegangen.
       In 15 Städten durchsuchte die Polizei Clubs, Lokale und andere Treffpunkte
       der Community. Schon zuvor war von LGBTIQ+-Vereinen berichtet worden, dass
       ihre Konten in den sozialen Medien geschlossen und Vorstandsmitglieder
       festgenommen wurden.
       
       Im Auftrag der Istanbuler Generalstaatsanwaltschaft wurde in praktisch
       allen Großstädten und an einigen Urlaubsorten an der Mittelmeerküste gegen
       alle vorgegangen, die mit der Regenbogenflagge in Verbindung gebracht
       werden konnten. Gegen 169 Verdächtige wird ermittelt, zwischen 26 und 50
       Personen wurden bereits verhaftet.
       
       Neben den öffentlich als schwule oder queere Treffpunkte bekannten Kneipen
       geht es vor allem um neun Vereine, die sich für die Interessen der
       LGBTIQ+-Community einsetzen. Der größte und bekannteste davon ist der
       Istanbuler Kaos-Verein. Dort wurden allein rund 20 Mitglieder verhaftet.
       Alle Vorstandsmitglieder wurden in der Nacht zu Hause verhaftet. Betroffen
       sind aber auch die Vereine an den großen Universitäten, bei denen ebenfalls
       Razzien stattfanden und Clubs gesperrt wurden.
       
       Die gesamte Operation läuft unter dem Namen „Sicherheit für meine Familie“.
       Die Staatsanwaltschaft wirft den gesuchten oder bereits verhafteten
       Personen vor, sie hätten versucht, Minderjährige zu beeinflussen und in
       ihren Dunstkreis hineinzuziehen. Homosexualität ist in der Türkei im
       Unterschied zu anderen muslimischen Ländern nicht offiziell verboten, wird
       aber von der islamischen Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan immer
       [1][stärker verpönt und kriminalisiert].
       
       Sechs von den Vereinen, gegen die nun Razzien durchgeführt wurden, wird
       darüber hinaus vorgeworfen, sie hätten Gelder aus dem Ausland bezogen.
       Neben Vereinen, die sich international für Solidarität mit der
       LGBTIQ+-Community engagieren und die an die türkischen Vereine Spenden
       geschickt haben sollen, wird auch dem deutschen Konsulat, der US-Botschaft
       und der französischen Botschaft vorgeworfen, Gelder an Vereine überwiesen
       zu haben. Die Deutschen sollen in drei Tranchen insgesamt 42.000 Euro
       überwiesen haben. Insgesamt sollen über einen nicht genannten Zeitraum
       knapp 3,5 Millionen Dollar geflossen sein.
       
       ## İmamoğlu zum zweiten Mal verurteilt
       
       Bereits am Freitagabend wurde der Istanbuler Oberbürgermeister [2][Ekrem
       İmamoğlu] zum zweiten Mal verurteilt. Dabei handelte es sich um eines von
       mehreren Bagatellverfahren, die die Staatsanwaltschaft neben seinem
       Hauptverfahren wegen Korruption gegen ihn führt. Es ging wie schon bei
       seiner ersten Verurteilung um eine angebliche Beleidigung. Während es bei
       seiner ersten Verurteilung 2023 um die Beleidigung der zentralen
       Wahlkommission ging, soll er in diesem Verfahren einen Kommunalpolitiker
       der AKP beleidigt haben.
       
       Obwohl ihn zwei Gerichte in dieser Sache freigesprochen hatten, setzte die
       Staatsanwaltschaft die Verfolgung so lange fort, bis sie nun einen Richter
       gefunden hat, der bereit war, İmamoğlu schuldig zu sprechen und zu zwei
       Jahren Haft zu verurteilen. Der Richter verhängte wie gewünscht auch noch
       ein Politikverbot, was dazu führen kann, dass İmamoğlu nun auch formal
       seinen Bürgermeisterposten verliert und im Stadtparlament neu gewählt
       werden könnte.
       
       Wie man dann trotz einer [3][Mehrheit der Opposition] dennoch den Posten
       für sich gewinnen kann, hat Erdoğans AKP gerade in dem besonders wichtigen
       Istanbuler Stadtbezirk Üsküdar vorgeführt. Nachdem die
       Bezirksbürgermeisterin Sinem Dedetas verhaftet worden war, wählte die
       Mehrheit der Yeni Parti eine Vertreterin, was von der AKP angefochten
       wurde. Dann wurden mehrere Yeni-Parti-Mitglieder des Stadtrates verhaftet,
       was in einem zweiten Wahlgang immer noch nicht für eine Mehrheit für die
       AKP reichte.
       
       Die AKP fand einen Richter, der die Wahl für ungültig erklärte und einen
       erneuten Wahlgang ansetzte. Der wurde von der Yeni Parti zunächst
       boykottiert. Nach massivem Druck auf einzelne Stadtratsmitglieder fand der
       AKP-Kandidat dann im vierten Wahlgang seine Mehrheit. Üsküdar, der
       Wohnbezirk von Präsident Erdoğan und seiner Familie, wird jetzt wieder von
       der AKP regiert.
       
       13 Sep 2026
       
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