# taz.de -- Gedenken am 7. Oktober: Ein ganz normaler Tag der Schatten
> Was darf, was kann der 7. Oktober sein? Wie lässt er sich angemessen
> begehen? Unsere Autorin testet den Tag des Pogroms auf mögliche
> Verhaltensweisen.
(IMG) Bild: „Was darf dieser 7. Oktober für mich sein?“ Gedenkfeier auf dem Bebelplatz in Berlin am 7. Oktober
Am 7. Oktober dieser Woche saß ich in einem Behandlungszimmer, mir
gegenüber mein Arzt, der nach einer Weile fragte: „Ihr Name, ist der
eigentlich jüdisch?“
Früher wäre ich deswegen furchtbar sauer gewesen. Was für eine
Grenzüberschreitung! Unprofessionell!
Jetzt kam mir die paranoide Lesart in den Sinn, dass das kein Zufall sein
konnte, ausgerechnet am Jahrestag des Hamas-Massakers in Israel. Aber dann
fiel mir ein, dass ich schon viel schlimmere Dinge in Praxen erlebt hatte.
Mein Gynäkologe, der mich „kleene Frau“ nannte. Seine Kollegin, die mir
vorgeschlagen hatte, gegen meine chronischen Schmerzen doch einfach
schwanger zu werden.
Die Frage nach meinem jüdischen Nachnamen am 7. Oktober war also eine ganz
gewöhnliche Situation, entschied ich. Und das beruhigte mich. Ich
verschränkte also die Hände, lächelte den Arzt an und antwortete: „Dasselbe
habe ich mich bei Ihrem Namen auch schon gefragt.“
## Nun zu den Suggestivfragen
Irritiert wandte er den Blick ab, starrte nur auf den Computerbildschirm
vor sich, wie er es die meiste Zeit tat, wenn ich bei ihm war. Er starrte
und tippte immer, und er stellte mir Suggestivfragen: „[1][Die Schmerzen]
sind jetzt aber viel weniger, oder?“ und „Es ist ja jetzt besser als
früher, stimmt’s?“ – was mich wahnsinnig macht, ich bin ja Journalistin.
Später lief ich durch den Osten von Berlin. Ging in meinen
Lieblingsbuchladen und kaufte vier Bücher. Ich spazierte durch einen Park,
aß Kaiserschmarrn, er war mittelmäßig, die Kellnerin unverschämt
berlinerisch. Also alles ganz normal.
Was darf dieser 7. Oktober für mich sein?, hatte ich mich zuvor gefragt.
Und wie verbringt man ihn richtig oder angemessen?
Ich wünschte mir einen bedeutungslosen Tag und versuchte zu verstehen,
weshalb. Ich dachte: Das Erschütternde an Katastrophen ist auch, dass sie
einem unbedeutenden, alltäglichen Tag plötzlich Bedeutung verleihen.
Ich meine nicht das sehr menschliche Bedürfnis, dem eigenen Leben Bedeutung
zu geben. Das Leben der meisten Menschen ist im besten Sinne historisch
unbedeutsam und gerade deshalb wunderschön, denn es verlangt nichts. Eine
Katastrophe aber, wie der 7. Oktober eine war, verlangt fortan von den
Betroffenen, sich zu verhalten. Sie erlaubt keine Gleichgültigkeit mehr;
sie verändert die Bedingungen, unter denen man lebt, das Vertrauen in die
Welt, das eigene Sicherheitsgefühl. Sie macht einen Tag zur Zäsur. Sie
nimmt dem Leben seine Leichtigkeit, einem Tag seine Unschuld.
Ich sah mich nicht auf dem Bebelplatz in Berlin, wo ein offizielles
Gedenken stattfand, mit Politikerreden, die sich alle vorhersagen lassen.
Dabei lehne ich öffentliches Gedenken nicht ab. Es ist wichtig. Ja, ich
fordere es sogar ein. Aber für mich persönlich? Ich fühlte mich davon nicht
abgeholt.
Die letzten Jahrestage habe ich zusammen mit Freunden, Vertrauten
verbracht. Wir haben [2][der noch verschleppten Geiseln] gedacht, haben
Namen verlesen, wir waren einfach zusammen, um nicht allein zu sein. Doch
an diesem Jahrestag waren zum ersten Mal alle Geiseln frei. Endlich.
Hier in Deutschland, wo man mit diesem erlebten Bruch sehr isoliert ist,
sind der 6. Oktober und auch der 8. Oktober so voll von Veränderung, in
jedem Bereich des Lebens hat sich etwas verschoben wie auch in mir selbst.
Konnte ich also einen Tag verbringen, der so ohne Sinn und Ziel war, wie
auch der 7. Oktober 2023, ein Samstag, hätte damals verlaufen sollen?
Zu Hause erschrak ich an diesem Abend nicht das einzige Mal vor einem
Schatten im Augenwinkel, während ich auf den Wasserkocher wartete. Es war,
als ließe meine Kraft, diesen Tag zu etwas zu machen, das er niemals sein
würde, nach. Die dunklen Schatten kehrten zurück.
10 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Erica Zingher
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