# taz.de -- Linkspartei und Antisemitismus: Das Ass im Ärmel
       
       > Ein guter Jude ist einer, der alles so sieht wie ein guter deutscher
       > Linker. Das ist leichter als in der eigenen Partei antifaschistisch zu
       > handeln.
       
 (IMG) Bild: Berlin Mitte, Skyline mit Neuer Synagoge: „Wer als Jude durch diese Zeiten kommen will, muss ein großes Stück Verdrängung an den Tag legen“
       
       War es eigentlich Zufall, dass die [1][Debatte darüber, ob Antisemitismus
       in der Berliner Linken nun ein ernstes Problem oder doch eher ein kleiner
       Betriebsunfall irgendwo im Berliner Bezirk Neukölln sei], ausgerechnet an
       Jom Kippur an Fahrt aufnahm, dem höchsten jüdischen Feiertag? Es war ja
       Abgeordnetenhauswahl in Berlin, und viele Juden saßen zu diesem Zeitpunkt
       entweder in der Synagoge oder zusammen mit Familie und Freunden, das Handy
       jedenfalls weit weg.
       
       Ein alberner Scherz, den mir mein etwas fiebriges Gehirn
       zusammenfantasierte, als ich hustend auf der Couch lag, das Handy natürlich
       nicht weit weg, und diesen Irrsinn verfolgte. Der Kern aber stimmt:
       Antisemitismus braucht die Juden nicht. Also auch die Debatte darüber
       nicht.
       
       Das erleben wir gerade wieder. Dabei könnte die Linke diese Debatte
       ziemlich schnell beenden, vielleicht davon profitieren, indem sie Taten
       folgen lassen würde. Zeit und Anlässe zu reagieren hatte sie genug. Das
       wäre doch mal eine starke Ansage Richtung [2][Friedrich Merz], der das
       Versagen der Linken auf ebenso peinliche Art und Weise auszunutzen
       versucht. 
       
       Die Linke versteht sich ausdrücklich als antifaschistische Partei, als
       eine, die gegen jede Form der Menschenfeindlichkeit kämpft. Dazu gehört der
       Kampf gegen Antisemitismus. Wer sich daran messen lassen will, muss sich
       nicht nur erklären, sondern Konsequenzen ziehen, wenn Antisemitismus im
       eigenen Laden auftritt. Wie soll eine Partei, die ihre Leute nicht im Griff
       hat, die sich von einem Bezirksverband vorführen lässt, denn sonst
       regieren? 
       
       ## So schließt sich der Kreis
       
       Es gibt kaum eine Partei, die den Kampf gegen Antisemitismus und Juden als
       solche nicht schon einmal für politische Zwecke instrumentalisiert hat. Der
       Fingerzeig auf andere, sich als Opfer einer Medienkampagne darzustellen,
       ist aber kein Krisenmanagement. Es hinterlässt den Eindruck: Uns ist das
       Thema egal. Antisemiten sind immer die anderen.
       
       Nach den Reaktionen vieler Linker auf den 7. Oktober, das Hamas-Massaker in
       Israel, war ich abgeklärt. Und doch lässt mich diesmal nicht los, wie
       leichtfertig jetzt nach der Wahl antisemitische Ausfälle innerhalb der
       Berliner Linke-Partei zu einem unwichtigen Nebenwiderspruch erklärt werden.
       Wie reflexhaft abgewehrt wird, statt Antisemitismus und den Umgang damit
       als etwas zu betrachten, das mit dem eigenen linken Selbstverständnis nicht
       zusammengeht. 
       
       Es wäre ein Leichtes, die Betroffenheitskarte zu spielen: von eigenen
       Erlebnissen zu berichten oder zu erklären, dass die meisten der in
       Deutschland lebenden Juden Antizionismus und Antisemitismus von links nicht
       aus Artikeln kennen. Die älteren Generationen haben darunter in ihren
       Herkunftsländern gelitten. Geschichten, mit denen die Jüngeren aufgewachsen
       sind – und die sich für sie später an den Universitäten oder in politischen
       Gruppen wiederholt haben. So schließt sich der Kreis.
       
       Aber sobald ich diese Karte gespielt hätte, würde ein guter deutscher
       Linker womöglich sagen: Ja, aus deiner Perspektive ist das natürlich
       verständlich. Als Jüdin, ja klar. Als ginge es nur um Befindlichkeiten.
       
       Und vielleicht würde der gute deutsche Linke dann sein Ass im Ärmel
       ausspielen: einen Juden präsentieren, der das ganz anders sieht als ich,
       nämlich so wie er selbst, wie der gute deutsche Linke.
       
       Einmal mehr zeigt sich: Juden werden in diesem Land wie Pappaufsteller
       behandelt. Sie werden hin und her geschoben, wie es gerade passt. Ob sie
       dabei eine Delle erleiden? Sei’s drum.
       
       Wer als Jude durch diese Zeiten kommen will, muss ein großes Stück
       Verdrängung an den Tag legen. Oder Humor. Der Musiker Igor Levit postet
       jeden Morgen eine jüdische Anekdote auf Instagram. Meine liebste erzähle
       ich Ihnen vielleicht beim nächsten Mal.
       
       26 Sep 2026
       
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