# taz.de -- Eigene Überzeugungen herausfordern: Moralische Gewissheiten in der Abenddämmerung
> Der Film „Staatschutz“ von Faraz Shariat kommt gänzlich ohne Ambivalenzen
> aus. Wieso trauen wir uns so wenig zu, uns selbst zu hinterfragen?
(IMG) Bild: Freiluftkino in der Abenddämmerung –
Seit einer Weile treibt mich mal wieder die Frage um, wie viel wir uns
eigentlich noch zumuten? Gesellschaftlich, politisch, in der Kunst? Was
holt uns aus unserer Selbstzufriedenheit heraus? Und warum, so mein
zunehmender Eindruck, geht der Zeitgeist in folgende Richtung: sich bloß
nicht irritieren, bloß nicht herausfordern lassen.
Zugegeben, große Fragen. Aber ich erkläre Ihnen gleich, wie ich darauf
komme, es hängt nämlich mit zwei Dingen zusammen: Zum einen habe ich einen
Roman geschrieben, was für mich persönlich natürlich eine große Sache ist.
Und ich hoffe, dabei nicht nur einen Zeitgeist reproduziert zu haben. Zum
anderen lässt mich ein Kinobesuch aus dem Sommer nicht los.
Ich war in diesem Sommer ziemlich häufig im Freiluftkino. Es gibt ja kaum
Schöneres, als in der Abenddämmerung Filme zu schauen (abgesehen von den
Mücken). Und der Film muss stimmen. Bei „Staatsschutz“ von Faraz Shariat
war ich nicht überzeugt. Genauer gesagt: Ich musste mich beherrschen, die
Vorführung nicht vorzeitig zu verlassen.
Der Film erzählt von einer Staatsanwältin, die, nach einem rechtsextremen
Anschlag auf sich, selbst erlebt, wie schleppend die eigene Behörde
ermittelt und die schließlich beginnt, selbst aktiv zu werden. Es geht um
Rassismus, rechte Strukturen in der Justiz, institutionelles Versagen.
Wichtige Themen, die genug Anknüpfungspunkte in der Realität bieten. Doch
ich saß da und stöhnte vor mich hin: So einfach darf man es sich nicht
machen.
Eine [1][einzige kritische Filmkritik] formulierte meinen Einwand ähnlich:
Der Film sei frei von Ambivalenzen. Eine moralisch einwandfreie Haltung
allein mache noch keinen überzeugenden Film. Genau das ärgerte mich. Ich
fühlte mich manipuliert. Die Guten waren gut, die Bösen böse. Es gab
Antworten, keine Fragen, nichts zu entschlüsseln, keinen Moment der
Überraschung.
## Mehr als nur einfache Botschaften
Dabei ist es doch gerade das, was einen Film interessant macht: Wenn er uns
mehr zutraut, als nur einfache Botschaften zu verstehen. Wenn er riskiert,
dass wir uns nicht sofort zurechtfinden, uns aufregen und später nach Hause
gehen, ohne alles verstanden zu haben.
Das Publikum jedenfalls gab großen Applaus. Bestätigte dieser meine Ahnung,
dass sich die Masse gerne in ihren moralischen Überzeugungen einrichtet,
solange die Kunst sie ihr nur deutlich genug zurückspiegelt?
Weltpolitisch mangelt es nicht an Dingen, [2][über die sich der Kopf
schütteln lässt]. Auch hierzulande nicht. Wer [3][politische Debatten]
verfolgt, Gespräche im Internet, könnte den Eindruck gewinnen, dass es oft
weniger ums Nachdenken als ums Bestätigtwerden geht. Für eine produktive
politische Analyse, für eine Praxis, für Kunst, die mehr sein will als nur
die pure Wiederholung bereits gefasster Überzeugungen, müssen wir aber
bereit sein, uns herauszufordern, uns selbst in Frage zu stellen. Oder
wollen das die meisten womöglich gar nicht?
Auf diesen Gedanken brachte mich eine zufällige Bekanntschaft aus dem im
weitesten Sinne künstlerischen Umfeld. Die Menschen, sagte sie, wollten die
meiste Zeit nicht gestört werden. Unterhalten lassen sie sich gern. Aber
sobald etwas zum Nachdenken zwingt, ihre Ordnung infrage stellt, wird es
schwierig. Dann regieren Abwehr, Empörung.
Natürlich ist das sehr kulturpessimistisch und vielleicht auch ein bisschen
ungerecht. Auch ich möchte hin und wieder unterhalten werden und nicht
ständig in eine existenzielle Krise gestürzt werden. Doch wenn mir nicht
einmal die Kunst etwas zumutet, wenn nichts mehr rätselhaft bleiben darf,
wird irgendwann auch das Denken trivial.
Dann bleibe ich stecken in einem langweiligen Selbstgespräch. Und von
diesen Selbstgesprächen habe ich in meinen Kolumnen schließlich genug.
27 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.filmstarts.de/kritiken/1000007308/kritik.html
(DIR) [2] /Gedenken-am-7-Oktober/!6220234
(DIR) [3] /Linkspartei-und-Antisemitismus/!6211065
## AUTOREN
(DIR) Erica Zingher
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