# taz.de -- Rückblick auf einen besonderen Sommer: WM, Weltflucht und eine Liebe, die verloren schien
> Nicht alles war schlecht in diesem Katastrophensommer. Es gibt immer
> etwas zu entdecken, weiß unsere Autorin. Und wenn es nur der Spaß am
> Leben ist.
(IMG) Bild: Eine unverbindliche Liebe auf Zeit: Fußball-WM 2026
Diesen Sommer ist etwas Merkwürdiges passiert. Ich habe meine Begeisterung
für den Fußball entdeckt. Nein, ich muss anders beginnen. Diesen Sommer ist
etwas Merkwürdiges passiert, das doch ganz gewöhnlich war. Ich habe bei der
[1][Fußball-WM] mitgefiebert und dabei meine Begeisterung für den Fußball
wiederentdeckt.
Jetzt, da die Fußball-Videos endgültig aus meinem Instagram-Reels-Feed
verschwunden sind, scheint mir der richtige Moment, zurückzublicken. Was
war da los?
Vorher müssen Sie aber diese Geschichte über mich kennen: Während eines
Praktikums bei einem Radiosender in Berlin musste ich einmal in ein
Fußballstadion, in die [2][Alte Försterei.] Es war das erste und letzte
Mal, dass ich in einem Stadion war. Ich erinnere mich noch, dass ich die
Stimmung dort überhaupt nicht als verbindend empfand. Im Gegenteil. Als die
Fans plötzlich gleichzeitig sangen, spürte ich Beklemmung. Was für andere
vermutlich ein Moment von Gemeinschaft war, fühlte sich für mich nach einer
gruseligen Masse an.
Dabei ist es gerade eine der großen Leistungen des Sports, dass Menschen
zusammenkommen, die sich sonst nie begegnen würden. Aber Gemeinschaft hat
eben immer zwei Seiten. Sie kann Menschen miteinander verbinden und sie
kann eine Grenze zwischen denen ziehen, die dazugehören, und denen, die es
nicht tun. Wo ein starkes Wir entsteht, entsteht beinahe zwangsläufig auch
ein „die Anderen“.
## Eine unverbindliche Liebe auf Zeit
Vermutlich war meine Begeisterung deshalb immer auf große Meisterschaften
beschränkt. Eine unverbindliche Liebe auf Zeit. Heute mit der einen
Mannschaft mitfiebern und beim nächsten Spiel plötzlich für ihren Gegner
sein.
Dann kam also dieser Sommer. In meinem Leben hatte sich viel verändert. Ich
war umgezogen, ein Neuanfang. Vieles war offen. Der Sport dagegen gab mir
Struktur: Ich wusste, wo ich die meisten Abende verbringen würde, traf
Freunde, lernte neue Menschen kennen.
Dabei war diese Weltmeisterschaft denkbar ungeeignet dafür, sie einfach
unbeschwert zu nennen. Sie war die größte WM, die es je gegeben hatte, mit
Ticketpreisen, die für viele Fans unerschwinglich waren. Und trotzdem saß
ich da und schaute. Mehr noch: Ich war begeistert. Mich faszinierte
plötzlich, wie stark Mannschaften sein können, die nicht zu den üblichen
Favoriten zählen. Ich diskutierte über Trinkpausen, Fouls und
Aufstellungen, als wäre ich Bundestrainer.
Eine mögliche Erklärung für meine Begeisterung findet sich bei dem
Soziologen Norbert Elias. In seinem [3][Text über den Fußballsport, den
Suhrkamp im Juni neu aufgelegt hat,] beschreibt er das Spiel als eine
„Figuration von Menschen, die in einer kontrollierten Spannung zueinander
stehen“. Fußball, so lässt sich sein Gedanke zusammenfassen, ist eine
zivilisatorische Leistung: Menschen dürfen sich bekämpfen, ohne sich
tatsächlich zu bekämpfen. Sie dürfen Aggression, Hoffnung, Enttäuschung und
Triumph ausleben – innerhalb eines Regelwerks, das diese Gefühle begrenzt.
Mit jedem Tag, den ich abends Fußball schaute, rückte auch der Herbst
näher. Mit ihm die Landtagswahlen und die Sorge vor den Folgen eines
AfD-Wahlerfolgs. Diese WM war wohl auch eine Realitätsflucht. Nicht weil
die Welt unbeschwert gewesen wäre. Sondern weil wir uns für eine Weile so
verhalten konnten, als wäre sie es. Nicht umsonst haben manche
Kommentatoren kritisiert, wie politische Themen in dieser Zeit in den
Hintergrund rückten.
Ob ich meine Begeisterung im Nachhinein nicht überinterpretiere? Unbedingt.
Vielleicht hat es mich gerührt, wenn sich ein Freund dafür entschied, bis
tief in die Nacht ein Spiel mit mir zu schauen, obwohl er am nächsten
Morgen wieder früh zur Arbeit musste. Vielleicht hatte ich einfach Spaß.
Ist das nicht die viel schönere Erklärung?
28 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Zweifelhafter-Videobeweis-im-WM-Finale/!6202600
(DIR) [2] /Trainerin-Nachfolge-bei-Union-Berlin/!6178950
(DIR) [3] https://www.suhrkamp.de/buch/norbert-elias-der-fussballsport-im-prozess-der-zivilisation-t-9783518588611
## AUTOREN
(DIR) Erica Zingher
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