# taz.de -- Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt: Die Stunde der gewählten Demokraten
       
       > Demos und Demokratie verteidigen schön und gut. Aber jetzt braucht es
       > überzeugendes Handeln von unseren gewählten demokratischen Politikern.
       
 (IMG) Bild: Als Reaktion auf das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt demonstrieren hunderte Menschen in Köln gegen Rechts
       
       Lasha war freundlich und großzügig, er fuhr mich und meine Freundin in
       seine Wohnung, die wir in Tbilisi angemietet hatten. Ein Stalinbau,
       herrschaftliche, hohe Decken. Lashas Großvater, Künstler, habe die Wohnung
       1937 bekommen, erzählte er uns. Wir stutzten. Während des Großen Terrors in
       der Sowjetunion? Der Repressionen? Ach, Repressionen, sagte Lasha, als wäre
       das nur ein unwichtiger Moment der Geschichte.
       
       Er regte sich darüber auf, wie dreckig die Stadt geworden sei und dass die
       Menschen keinen Anstand mehr hätten. Überall Kameras, forderte er. Wer Müll
       auf die Straße werfe, müsse eine Strafe zahlen. Dann sagte er, dass es ja
       in Deutschland sauber sei. Na ja, nicht überall…, murmelte ich müde. Das
       liege bestimmt an den Flüchtlingen, erwiderte er. Seit die da seien, sei es
       dreckig. Wir erklärten ihm, dass das nicht stimme. Er war ehrlich
       überrascht.
       
       Was für eine unangenehme Mischung aus Geschichtsverharmlosung, Sehnsucht
       nach Ordnung, einfachen Erklärungen. Erinnert Sie das an etwas?
       
       Ich saß jedenfalls in Georgien, mittlerweile am Schwarzen Meer angelangt,
       dachte an Lasha und verfolgte die [1][Wahlergebnisse aus Sachsen-Anhalt].
       Auf meinem Handydisplay wuchs der blaue Balken der AfD in den
       Hochrechnungen unangenehm an; vor mir lag das klare, viel angenehmere Blau
       des Meers. Es war bizarr: Hier lebten Menschen, die vor dem russischen
       Angriffskrieg geflohen waren, Ukrainer, aber auch Russen im Exil. In
       Sachsen-Anhalt hingegen wurde eine Partei gewählt, die die Ukraine am
       liebsten sofort an Russland ausliefern und Putin Tür und Tor öffnen würde.
       
       ## Mögliche Exitstrategien
       
       Ich habe nach solchen politischen Tiefpunkten immer mindestens einen
       paranoiden Tag, an dem ich panisch Wettervorhersagen für mögliche
       Exitstrategien checke und mir meines deutschen Passes unsicher werde.
       
       Wenn ich auf die letzten Generationen meiner Familie blicke, hat keine von
       ihnen wirklich je an einem Ort gelebt. [2][Krieg. Verfolgung. Vertreibung.
       Vernichtung.] Zusammenbruch von politischen Systemen. Wirtschaftliche Not.
       Immer mussten wir weg. Mit mir sollte das aufhören. Sie verstehen also,
       woher meine Schreckhaftigkeit rührt.
       
       Vielleicht ist es dieses Gefühl, das mich gerade nicht loslässt: wie
       schnell Dinge verschwinden können, von denen man dachte, sie seien
       selbstverständlich. Müsste die Bundesregierung dieses Gefühl nicht teilen?
       Sollte es ihr nicht inneren Auftrieb verleihen, sie anstacheln: Jetzt, aber
       wirklich?
       
       ## Wir brauchen überzeugende Politik
       
       Ich lese seit Tagen, wer die AfD ablehne, sollte sich nun engagieren, auf
       Demos gehen, in Vereine, politische Gruppen eintreten. In mir zuckt dann
       jedes Mal etwas zusammen, denn sicher, Demokratie muss verteidigt werden,
       durch Debatten, Engagement, jeder kann etwas tun. Aber müssten nicht erst
       einmal die gewählten Demokraten unserer Regierung an der Reihe sein? Das
       ist ihre Stunde!
       
       Sie sollen verdammt noch mal eine [3][überzeugende Politik machen]. Nicht,
       indem sie die AfD-Politik mit anderen Worten übernehmen oder sich in den
       nächsten Kulturkampf stürzen. Sondern, indem sie zeigen, dass Probleme
       angegangen werden, ohne dabei anderen das Menschsein abzusprechen, wie die
       AfD es tut.
       
       Wieder in Deutschland sah ich mir ein Spiegel-Interview mit dem Publizisten
       Michel Friedman an. Was müsste passieren, damit er auswandere, wurde er zum
       x-ten Mal gefragt. Ich stöhnte genervt. Sollten wir jetzt nicht vielmehr
       fragen: [4][Was braucht es, damit es hier, in Deutschland, besser wird?]
       Was müssen diejenigen tun, die wollen, dass Menschen wie Friedman hier
       leben können? Friedman jedenfalls war bis vor Kurzem Mitglied einer Partei,
       die das dringend beantworten muss.
       
       13 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Erica Zingher
       
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