# taz.de -- Schulproteste auch in Belgien: „Wir haben unsere eigenen Forderungen“
> Schon seit Monaten hält eine Streikbewegung Belgiens Schulen in Atem.
> Doch dort sind die Probleme anders als in Frankreich.
(IMG) Bild: Spontaner Straßenprotest gegen die von der Regierung eingeführten Bildungsreformen und gegen die Erhöhung der Studiengebühren
Die weiterführende Schule Athénée Charles Janssens im Stadtteil Ixelles ist
nur einen Steinwurf vom Brüsseler Europaviertel entfernt – und wird
bestreikt. Doch die EU-Beamten und Diplomaten, die das belebte Viertel im
Stadtzentrum frequentieren, dürften vom Schülerstreik in Belgien bisher
wenig mitbekommen haben.
Alle Blicke richten sich auf [1][Frankreich, wo schon Barrikaden brennen].
Aber Belgien? Das war bisher kein Thema. Dabei wird das Athénée Charles
Janssens bereits seit dem 1. Oktober bestreikt. „Toujours en colère – immer
noch wütend“ steht auf einem Transparent am Haupteingang.
Immer noch: Das bezieht sich auf die Streikbewegung, die Belgiens Schulen –
weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit – seit Monaten in Atem hält.
Angefangen hatten die Lehrer, die gegen Mehrarbeit und Budgetkürzungen von
500 Millionen Euro (bis 2029) protestiert haben.
Nun gehen auch die Schüler auf die Straße. Neben dem Athénée wurden am
Mittwoch schon zehn weitere Schulen in Brüssel bestreikt. Bis Freitag
dürfte sich die Bewegung noch ausweiten, denn dann haben die belgischen
Gewerkschaften zu einem landesweiten Protesttag aufgerufen.
Ist die Streikwelle von Frankreich auf Belgien übergesprungen? Nein, heißt
es in Brüssel. „Wir verfolgen genau, was in Frankreich passiert“, sagt ein
Schüler. „Aber wir haben unsere eigenen Forderungen“. Außerdem seien die
Probleme nicht gleich gelagert.
## Protest gegen Erhöhung der Uni-Einschreibgebühren
In Belgien geht es vor allem um die harten Reformen, die Bildungsministerin
Valérie Glatigny den Schulen und Universitäten verordnet hat. Auf
Widerstand stößt insbesondere die Erhöhung der Einschreibegebühren für die
Universitäten und Hochschulen auf 1.194 Euro im Jahr.
Das könne sich kaum noch ein Student leisten, heißt es bei den
Protestierenden, damit werde ihnen die Zukunft verbaut. Für Frust sorgen
auch überfüllte Klassen, überforderte Lehrer (sie müssen länger arbeiten)
und der Lehrermangel, der zu Unterrichtsausfall führt.
Einige Reformen werden seit Beginn des neuen Schuljahres Ende August
umgesetzt, sodass Lehrer und Schüler erst jetzt mit den Auswirkungen
konfrontiert werden. Viele bittere Pillen sind aber noch in der „Pipeline“
– denn Belgien ist hoch verschuldet und muss massiv sparen. Dass
gleichzeitig die Renten gekürzt, das Arbeitslosengeld umgekrempelt und das
Bildungssystem „verschlankt“ wird, hat schon zu mehreren großen
Streikbewegungen im Land geführt – ohne Ergebnis: Die liberalkonservative
Regierung und Premier [2][Bart De Wever] stellen sich taub.
## Die rechtsliberale Bildungsministerin schürt die Wut
Nun wächst die Gefahr, dass der Frust in Gewalt umschlägt – wie am Dienstag
in Lüttich, wo es nach Krawallen zu mehr als 50 Festnahmen durch die
Polizei kam. „Wir wollen keine Gewalt“, heißt es zwar in Brüssel. Doch
Bildungsministerin Glatigny schürt die Wut.
Die Schüler sollten die Streiks sofort beenden und in die Klassenräume
zurückkehren, fordert die rechtsliberale Ministerin. Zugleich beschuldigt
sie die Lehrer, die Schüler mit falschen Informationen zur Gewalt
aufzustacheln. „Einige Akteure des Bildungssektors betätigen sich als
Brandstifter“, behauptete Glatigny. Dies sei „inakzeptabel“.
Beruhigend wirkt das nicht. Immerhin erklärte sich die Ministerin am
Mittwoch zu Gesprächen mit Schüler:innen bereit. Von ihren umstrittenen
Reformen will sie aber nicht abrücken. Auch Premier De Wever bleibt hart:
Bisher ist er mit keinem Wort auf die Protestwelle eingegangen; seine
Regierung will die Krise offenbar aussitzen.
7 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Eric Bonse
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