# taz.de -- Soziologe über Polizei in Frankreich: „Die meisten Verstümmelungen durch Polizeigewalt in Europa“
       
       > Bei den Protesten in Frankreich schockiert die Polizei erneut mit ihrem
       > gewalttätigen Vorgehen – und das gegen Minderjährige. Woran das liegt,
       > erklärt Sebastian Roché.
       
 (IMG) Bild: Mit Granaten und Gummigeschossen gegen junge Menschen – Polizeigewalt in Frankreich
       
       taz: Herr Roché, was muss man über die Polizei in Frankreich wissen
       angesichts der Bilder und Videos der aktuellen Schülerproteste dort? 
       
       Sebastian Roché: In Frankreich gibt es verschiedene Einheiten innerhalb der
       Polizei, die auch unterschiedlich ausgebildet werden. Es gibt die
       Ordnungshüter, die Bereitschaftspolizei sowie die normale Polizei. Diese
       normale Polizei ist nicht in Sachen Ordnungserhalt ausgebildet, sondern in
       der Bekämpfung von Kriminalität. Es sind also Eingreiftruppen, die auch
       „Antikriminalitätsbrigaden“ genannt werden. [1][In der aktuellen Situation
       der Schülerproteste] werden nun die Einsatzkräfte, die eigentlich gegen
       Kriminalität im Land kämpfen sollen, bei politischen Protestsituationen
       eingesetzt.
       
       Diese Polizeieinheiten sieht man jetzt mit ihren Autos Straßenblockaden
       zerfahren, Jugendliche mit gepanzerten Wägen durch Parks jagen und inmitten
       von Demonstrationszügen Gasgranaten zünden. Sie handeln nach Maßstäben, die
       nichts mit der Realität zu tun haben. Das Paradoxe am französischen System
       ist, dass es für Proteste und Demonstrationen ausgebildete Polizisten gibt
       und eben diejenigen Polizisten, die es nur wenig oder gar nicht sind.
       
       taz: Inwiefern unterscheidet sich das von Deutschland? 
       
       Roché: In Deutschland liegt die Deeskalation im Fokus der polizeilichen
       Ausbildung. In Frankreich kennt man das überhaupt nicht. Dort spricht man
       vielmehr von der „durch die Polizei kontrollierten Eskalation“. Das
       bedeutet, dass die Polizei immer mehr Waffen und Schlagkraft als das
       Gegenüber besitzen muss, um die Kontrolle über die Situation behalten zu
       können. Zusätzlich ist die Ausbildung in Frankreich aus finanziellen
       Gründen auf zwölf Monate beschränkt, wohingegen sie in Deutschland länger
       dauert und umfangreicher ist. Also hat Frankreich vor allem eines: schlecht
       ausgebildete und auf eine „kontrollierte Eskalation“ vorbereitete
       Polizisten, die auf komplexe Situationen kaum andere Antworten als Gewalt
       haben.
       
       taz: Wie kommt es zu einer derartigen Radikalisierung der Polizei, wie wir
       sie gerade sehen? 
       
       Roché: Die französische Polizei legt das Augenmerk auf zwei Dinge. Zum
       einen sind das Festnahmen – sie sind politische Trophäen: Der Innenminister
       möchte im Fernsehen verkünden können, dass die Polizei stark ist. Für ihn
       deeskaliert eine starke Polizei nicht, sie lässt die Muskeln spielen.
       Festnahmen sind zudem eine Frage der Logistik. Und das französische
       Polizeisystem hat sich um diese Logistik herum organisiert, ist also auf
       Kontrolle durch Festnahmen ausgelegt.
       
       taz: Und der zweite Fokus? 
       
       Roché: Der zweite Grundpfeiler ist die Nutzung von nichttödlicher Munition.
       Das sind vor allem Gummigeschosswerfer vom Typ CBD und Granaten. Diese
       Waffen wurden 1995 zur Terrorismusbekämpfung eingeführt. Nun werden sie
       gegen Schülerinnen und Schüler gerichtet. In den letzten zehn Tagen gab es
       deswegen bereits vier Verstümmelungen, einem Schüler in Lens wurde eine
       Hand von einer Granate abgerissen, ein weiterer hat in Tours ein Auge
       verloren. Frankreich ist das Land mit den meisten Verstümmelungen durch
       Polizeigewalt in Europa, insgesamt 120 seit dem Jahr 2000.
       
       taz: Welchen Einfluss hatten die Gelbwestenproteste zwischen 2018 und 2019
       auf die verstärkte Gewaltbereitschaft der Polizei? 
       
       Roché: Unter Emmanuel Macron hat sich die Lage mit den Gelbwestenprotesten
       deutlich verschärft. Er pochte auf „Ordnung, Ordnung, Ordnung“. Seitdem
       greift die Polizei bei Protesten sehr hart durch. Doch diese Entwicklung
       begann schon vor Macrons Präsidentschaft 2018. Erste Ansätze für so ein
       hartes Durchgreifen waren bereits 2016, also zwei Jahre vorher, zu sehen.
       Ansonsten ist der Kurs der Polizei eng mit der politischen Situation des
       Landes verbunden. [2][Der Innenminister], der zugleich oberster und
       einziger Polizeichef ist, wird vom Präsidenten ernannt. Nur ihm ist er
       Rechenschaft schuldig. An der Spitze der Polizei steht also jemand, der die
       vom Präsidenten entschiedene politische Linie durchsetzt. Derzeit ist das
       Laurent Nuñez. Es ist allerdings neu, dass sich das System nun auch gegen
       Minderjährige, Schüler und Schülerinnen wendet.
       
       taz: Wie wird es weitergehen? 
       
       Roché: Es gibt gute und schlechte Vorzeichen für die nächste Zeit. Zuerst
       das gute: [3][Die Regierung hat winzige Friedenssignale gesendet]. Der
       Polizei wurde verboten, solche Granaten wie die, die einem Jugendlichen
       eine Hand abgerissen haben, zu verwenden. Zwar nicht generell, aber
       zumindest dürfen sie es nicht mehr gegen die Schülerinnen und Schüler
       einsetzen. Zusätzlich hat der Präsident öffentlich eingeräumt, dass die
       Ordnungshüter nicht genügend Empathie den Protestierenden gegenüber gezeigt
       hätten und dass die Regierung die Schülerbewegungen zunächst nicht richtig
       eingeordnet hätte. En schlechtes Vorzeichen sind die Polizeigewerkschaften,
       die sehr stark in Frankreich sind. Sie fordern vehement, ihre Waffen
       weiterhin frei verwenden zu können. Sollte man ihnen die Waffen wegnehmen,
       drohen sie, ihre Arbeit niederzulegen. Die Regierung steckt in einer
       Zwickmühle. Denn dass die Polizei streikt, kann die Regierung aktuell auch
       nicht hinnehmen.
       
       9 Oct 2026
       
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