# taz.de -- Todesfälle nach Hitzewelle: Belgien, das Schattengewächs
       
       > Nach der letzten Hitzewelle mit vielen Toten will die Bevölkerung in
       > Belgien sich Linderung verschaffen. Betrachtung einer Nation im Schatten.
       
 (IMG) Bild: Belgier mit Gewächsen: Manneken Pis
       
       taz | Belgien hatte in der monströsen ersten Hitzewelle Ende Juni die
       höchste Übersterblichkeit in Europa: etwa 2.000 Menschen von 11,8 Millionen
       EinwohnerInnen. In Deutschland waren es rund 5.100 von gut 80 Millionen.
       Das ergeben [1][Daten des Brüsseler Gesundheitsinstituts Sciensano].
       Gründe: zu enge Bebauung in Flandern, zu kleine stickige Wohnungen in der
       ärmeren Wallonie. Und: Untätigkeit der Politik.
       
       Dabei ist Belgien als Land seit jeher ein Schattengewächs, kaum bekannt,
       bei vielen nur als Durchfahrtsland nach Frankreich wahrgenommen. Was man so
       weiß: Die essen ständig nur Fritten und haben einen pinkelnden Knaben als
       Nationalsymbol. Berühmte Belgier? Viele halten Jacques Brel, Georges
       Simenon und Agatha Christies Hercule Poirot für Franzosen.
       
       Belgien war immer ein Opfer der Weltgeschichte, immer passiv mittendrin,
       mit immer neuen Herrschern, ob Burgund, die spanischen Niederlande,
       Habsburg, Napoleons Frankreichs und – bis zur belgischen Revolution 1830 –
       die niederländische Krone mit ihrem rücksichtslosen König Willem von
       Oranien, später zwei brutale Überfälle der deutschen Nachbarn. Manche
       Brexit-Briten glauben, die EU-Herrschaft aus Brüssel, also das
       Schattenreich Belgien, habe Europa zerstört.
       
       Es gibt ernsthafte soziopsychologische Vermutungen, BelgierInnen horten so
       viel in ihren Kellern, Dachböden und Schuppen, weil sie mittlerweile schon
       genetisch bedingt alles aufheben: Kann man bei der nächsten Katastrophe
       bestimmt noch mal brauchen. Aber all der Krempel, Uromas Hochzeitsgeschirr
       oder die Eichengarnitur aus dem 19. Jahrhundert helfen gegen die
       Klimakatastrophe nur bedingt, genauso wie historische Betrachtungen.
       
       ## Eisfritten und Tiefkühlpralinés
       
       Die Probleme Ende Juni waren bei tagelang fast 40 Grad auch in Belgien
       [2][Schreckensthema mit den Hitzetoten] (amtlich nachgezählte 48 Prozent
       Übersterblichkeit in der zweiten Junihälfte), überfüllten Krankenhäusern
       und unzähligen leidenden Menschen. Sprühnebel mit Trappistenbier sind noch
       nicht erfunden, auch keine Eisfritten oder Tiefkühlpralinés. Stattdessen
       blieben nichtklimatisierte Busse in den Depots, Altenheime halfen sich mit
       kalten Fußbädern, kühle Museen und Hallenbäder spendierten hier und da
       freien Eintritt.
       
       Politisch ging die Regierung den gleichen Weg wie unsere Merz-Republik:
       nichts tun, aussitzen, wegschwitzen. Kein Hitzeplan. Im Parlament schimpfte
       die frankophone sozialistische Opposition: „Man empfiehlt uns, Wasser zu
       trinken und leichte Kleidung zu tragen. Gut, dass man uns das gesagt hat!
       Sonst hätten wir uns noch Mütze und Schal angezogen.“
       
       Der Verteidigungsminister von den flämischen Nationalisten hatte klug
       empfohlen, „sich mit einem Bierchen in den heimischen Pool zu legen und das
       Leben zu genießen“. Alkohol gegen den Hitzestress? Und so weit bekannt hat
       noch nicht jeder Belgier einen eigenen Pool.
       
       Punktuell ändert sich die Stadtplanung. Außer in Luxemburg (umsonst) ist
       der ÖPNV europaweit nirgends so preiswert wie in Belgien (Beispiel
       Busfahren in der Wallonie für Ü65: Jahresticket 12 Euro). Brüssel hat lange
       schon Tempo 30 eingeführt, Gent die Durchfahrt der Innenstadt für Autos
       weiträumig gesperrt.
       
       In Lüttich fährt seit Frühjahr 2025 eine neue Tram eng getaktet längs durch
       die Stadt in einem breiten grünen Gleisbett mit Randbebaumung, hochbeliebt
       bei den EinwohnerInnen, auto- und bussereduzierend. Mit Windkraft hat sich
       Belgien lange schwergetan, lieber lieferten die Schrottreaktoren von
       Tihange. Mittlerweile sorgt eine gigantische Offshore-Anlage vor der Küste
       für sauberen Strom.
       
       ## Entsiegeln und begrünen
       
       Nun sagen Niederländer gern, diese Belgier hätten ohnehin 'nen Schatten.
       Einer der beliebten Witze über dieses komische und auch noch katholische
       Völkchen zwischen der Grande Nation im Süden und dem eigenen so cleveren
       und geschäftstüchtigen Oranje-Königreich geht so: „Warum tragen Belgier auf
       Baustelle auch in der Sommerglut Pudelmützen? Sie haben vorher einen
       Versuch gemacht und von einem Hochhaus einen Helm und eine Pudelmütze
       herunterfallen lassen. Der Helm ging kaputt.“ (Belgier antworten: „Wer hat
       den Kupferdraht erfunden? Zwei Holländer, als sie sich um eine Cent-Münze
       stritten.“ Aber das ist echt albern).
       
       Anders als in der Scherzewelt kupfern (sic!) Belgier tolle Ideen der
       Niederländer bei Bedarf pragmatisch ab. Tegelwippen, eine Erfindung aus
       Amsterdam 2020, geht seit ein paar Jahren auch in flämischen Städten wie
       Gent und Antwerpen steil. Tegels sind Pflastersteine, wippen heißt
       rausreißen, alles zusammen also: abpflastern. Nachbarschaftsinitiativen
       organisieren sich zum Entsiegeln und Begrünen entlang der Häuserwände an
       den Straßen.
       
       Die Städte machen bei diesen Ehrenamtsprojekten kooperativ mit, stellen
       Werkzeug und Tegeltaxis zum Abtransport von Schotter und Steinen, bezahlen
       zum Teil die Pflanzen, beraten und helfen unbürokratisch mit. Die
       Ergebnisse sieht man schon, teils mit Rankpflanzenvorhängen über die
       Straßen, die punktuell ersten Schatten spenden.
       
       Beim Abpflastern hat das Land auch eine besondere Verantwortung zur
       Wiedergutmachung. Den künstlichen Asphaltbelag für Straßen (aus Bitumen und
       Steinebrösel) hatte 1870 der Belgier Édouard de Smedt erfunden.
       
       Zum langfristigen Klimaschutz aber gehört eine wirklich radikale
       Verkehrswende. Sie ist erst erreicht, wenn Fußballsiege nicht mehr mit
       Tausenden hupenden Autos gefeiert werden, sondern per Fahrradkorso und
       emsigem Klingeln. Ab aufs Bike, klingelt die Klimakrise weg!
       
       28 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.aa.com.tr/en/europe/belgium-records-around-2-000-excess-deaths-amid-heat-wave/4001285
 (DIR) [2] /Rekordhitze-in-Nordafrika/!6198499
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bernd Müllender
       
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