# taz.de -- Schulproteste in Frankreich: Schließt euch an!
       
       > In Frankreich protestierten in den letzten Tagen fast eine halbe Million
       > Menschen. Deutschland sollte sich davon inspirieren lassen.
       
       Es ist ein guter Zeitpunkt, zu beweisen, dass internationale Solidarität
       keine bloße Phrase ist. Was sich dieser Tage in Frankreich abspielt, hat
       das Potenzial, noch größer zu werden und sich in eine Ländergrenzen
       überschreitende Bewegung zu verwandeln. Die Demonstrierenden vor Ort
       verstehen das – [1][und bitten explizit um Unterstützung aus Deutschland].
       Es wäre sinnvoll, sich anzuschließen, nicht nur aus reiner Solidarität.
       
       Die Proteste begannen bereits Mitte September. Im Laufe der Zeit schlossen
       sich immer mehr Jugendliche an und blockierten Schuleingänge. Grund dafür
       waren die desaströsen Zustände dort: Videos und Berichte zeigten
       Wasserschäden, Schimmel, kaputte Fenster und Ratten auf den Schulfluren.
       
       Hinzu kommt, dass massenhaft Lehrkräfte fehlen, Ausfallstunden sich häufen
       und weitere Kürzungen im Bildungsbereich drohen. Zunächst protestierten
       immer mehr Schulen in Solidarität mit, darunter auch solche in
       privilegierten Vierteln, die unter dem maroden Bildungssystem weniger
       leiden als Schulen in der Banlieue.
       
       Nach fast einem Monat hat sich aus den ursprünglichen Protesten eine
       gewaltige Bewegung entwickelt, die über Schüler_innen hinausgeht: Am
       Aktionstag am vergangenen Dienstag versammelten sich laut Organisatoren
       450.000 Menschen in Frankreich, davon knapp 100.000 allein in Paris.
       
       ## Staat anwortet mit roher Gewalt
       
       Feuerwehrleute, Gewerkschafter_innen, Lehrer_innen, Student_innen und
       Eltern haben sich den Schüler_innen angeschlossen. Auch der Gegenstand
       ihrer Proteste hat sich längst ausgeweitet: Sie demonstrieren gegen die
       rechte Partei Rassemblement National, gegen den Völkermord in Gaza, gegen
       Kapitalisten und die Klimakrise.
       
       Seit Beginn wurden etwa 6.600 Menschen, auch Schüler_innen, festgenommen.
       Mehr als 215 Schüler_innen wurden verletzt, [2][einige von ihnen schwer].
       Warum antwortet der Staat mit solch harten Repressionen und [3][roher
       Gewalt] auf die Proteste? Ihm ist bewusst, dass es sich kaum mehr um eine
       reine Schüler_innenbewegung handelt. Es hat sich ein Momentum generiert,
       das bis zur Präsidentschaftswahl im April 2027 anhalten könnte – das gilt
       es zu ersticken.
       
       Allein wegen dieser Repressionen verdienen die Demonstrierenden dort
       Unterstützung. Dabei müssen Proteste in Deutschland über eine die reine
       Solidarisierung mit Frankreich hinaus gehen. Denn kontinuierliche
       Massenproteste sind angesichts des sozialen Kahlschlags und der sogenannten
       Reformen längst überfällig.
       
       Während ein Rekordetat für die Aufrüstung beschlossen wird, verkündet die
       Regierung gefühlt im Wochentakt neue Sparmaßnahmen, die ohnehin schon
       geschwächte Gruppen treffen. Die neue Grundsicherung drangsaliert
       Arbeitslose stärker als das Bürgergeld und trifft dabei besonders
       hilfebedürftige und kranke Menschen. Die Pflegereform könnte den
       finanziellen Druck auf Pflegebedürftige und ihre Angehörigen zukünftig noch
       verstärken. Zudem spielt die Regierung mit dem Gedanken, die maximale
       Arbeitszeit sowie das Renteneintrittsalter zu erhöhen. All dies, um
       Deutschland als Wirtschaftsstandort zu stärken und wieder kriegstüchtig zu
       machen.
       
       ## Mobilisierung auch in Deutschland möglich
       
       Es ist keine Überraschung, dass die Schulstreiks gegen die Wehrpflicht –
       ebenfalls eine Jugendbewegung – zu den Bewegungen gehören, die es in
       Deutschland regelmäßig schaffen, Menschen auf der Straße zu mobilisieren.
       Die Politik ignoriert sie.
       
       Die reaktionäre Presse nennt sie verwöhnt und ignorant, wenn sie dagegen
       demonstrieren, ihren Körper an den Staat zu verkaufen und von ihm in einen
       Krieg gezwungen zu werden. Auch sie könnten Solidarität vertragen.
       
       Jugendbewegungen waren in der Vergangenheit nicht selten der Ursprung für
       gesellschaftliche Veränderungen, sei es die 68er Bewegung oder die
       [4][Anfänge des Civil-Rights]-Movements. Und nur weil das Momentum, das in
       Frankreich derzeit Hunderttausende auf die Straße zieht, hier noch nicht
       ganz angekommen ist, heißt das nicht, dass ähnliche Szenen der Solidarität
       in Deutschland nicht reproduzierbar, ähnlich große Menschenmassen nicht
       mobilisierbar sind. Anlass, sich anzuschließen, gibt es jedenfalls längst.
       
       10 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.instagram.com/p/DeLouxeNKfy/
 (DIR) [2] https://www.spiegel.de/ausland/frankreich-polizeigranate-reisst-15-jaehrigem-bei-schuelerprotest-die-hand-ab-a-51fea002-aec0-4c08-bdde-1c4a545a10b7
 (DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=EXlM3oeoiO4
 (DIR) [4] https://de.wikipedia.org/wiki/Brown_v._Board_of_Education
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Valérie Catil
       
       ## TAGS
       
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