# taz.de -- Autofreier Sonntag in Brüssel: Wie anders Stadt sein kann
> Besuch im Verkehrsparadies mit Straßensalsa statt SUVs: Die EU-Metropole
> Brüssel war am Sonntag zum 28. Mal für einen Tag komplett autofrei.
(IMG) Bild: Der jährliche autofreie Sonntag in Brüssel soll Menschen ermutigen, einen Tag auf ihr Auto zu verzichten
Nichts. Kein Auto. Kein lebensgefährlich enges Überholen. Wie breit und
bequem Straßen sind! Und diese Ruhe. Kein Hupen. Kein Gedrängel hinter
einem. Und kein Vollgas, weil wieder einer unbedingt als Erster an der
nächsten roten Ampel sein will. Brüssel ist für einen Tag wieder Stadt,
nicht Verkehrsraum für die Asphaltimperialisten auf vier Rädern.
Seit 1999 macht die Region [1][Brüssel]-Hauptstadt ihre Straßen an einem
Tag im September für den Autoverkehr dicht (Ausnahmen: Taxis, Notfälle).
Das betrifft fast 1,3 Millionen Menschen plus BesucherInnen. 2.000 Straßen
auf 160 Quadratkilometern sind Fußgängerzone und Radweg. Damit ist Brüssel
die größte europäische Stadt, die zumindest einen Tag autofrei ist. Metro,
Busse und Tram sind umsonst, ihre ohnehin schnelle Taktfolge ist auf den
meisten Linien noch erhöht.
Brüssels [2][Freiheit vom Auto] gehört zur Europäischen Mobilitätswoche.
Woanders, auch in der [3][Autorepublik Deutschland], bedeutet diese Woche
nur Infostände, ÖPNV-Werbung, Diskussionen, Filmabende über andere Städte,
etwa in Belgien.
## Kleinkinder üben ungefährdet das Radfahren
Radeln wir also los. Zu Hunderten geht es die Rue de la Régence dem
monströsen Justizpalast entgegen, dessen prachtvoller Eingang in diesem
Sommer zum ersten Mal nach über 40 Jahren von Baugerüsten befreit ist.
Hinter dem Jubelpark folgen wir strampelnd zwei Joggern durch den
Zubringertunnel zur Autobahn (die auch an diesem Sonntag leider eine
blieb). Später geht es hoch Richtung Atomium. Ohne Autokulisse vor einem
scheint Brüssels glitzerndes Wahrzeichen über seine 102 Meter Höhe hinaus
gewachsen zu sein.
Gut gelaunte Fußgängerhorden wälzen sich die Boulevards entlang. Gejoggt
wird in Breitformation über Doppelspuren. Kinder nutzen die Straßen als
Spielplatz (wie es früher üblich war) und werden nicht mehr in
Schutzreservate („Spielplätze“) abgeschoben. Auffällig vor allem: die
vielen Kleinkinder, die hier auf ihren Dreirädern, Rollern und Minibikes
üben. Das Blech ruht am Rand. Es ist eine Art Paradies.
In allen 19 Stadtteilen Brüssels stößt man auf Nachbarschaftsfeste,
straßenweite Flohmärkte, Food Markets, in der City auf eine viel genutzte
mobile, ehrenamtliche Rad-Repair-Station, gleich daneben gibt es
Straßensalsa statt SUVs. Das Bankra-Bike-Soundsystem, ein niederländisches
Musikkollektiv aus Utrecht, radelt derweil basswummernd durch die Stadt.
In der alten Börse, vor der Flaniermeile Boulevard Anspach, der 2015 noch
eine vierspurige Stadtautobahn war, versammelt sich die
Weltcomic-Hauptstadt zum Comic-Strip-Festival mit Lucky Luke, den Daltons,
Spirou und den Nationalhelden Tim & Struppi. Hier jauchzen Kinder (und
viele jung gebliebene Erwachsene), wenn sie gerade nicht radeln.
## E-Scooter nerven auch am autofreien Sonntag
Die Autofreiheit führt indes zu neuen Herausforderungen: Weil
Verkehrsschilder und Ampeln (viele auf gelbes Blinken geschaltet)
weitgehend ignoriert werden, muss man ständig anderweitig auf der Hut sein,
vor allem am Nachmittag, als es immer voller wird.
Die E-Scooter, hier Trottinette genannt, nerven auch am autofreien Sonntag.
Im Januar aber ist Schluss mit Leihtrottinetten in Brüssel: zu gefährlich,
zu rücksichtslos abgestellt. Am Abend meldet die Polizei ein schwer
verletztes Kind, angefahren von einem Taxi.
Außer Taxis (können die nicht auch mal pausieren?) rollt einem nur ganz
vereinzelt ein Auto entgegen, meist belgische (mit Sondererlaubnis?), aber
auch eine sichtliche verwirrte Britin und ein Wagen aus Wiesbaden, dessen
Fahrer möglichst cool zu gucken versucht. Ob die Polizei ihn erwischt hat?
Auch Dutzende andere belgische Städte waren am Sonntag für Autos dicht,
etwa Antwerpen, Brügge oder Spa.
Autobann für einen Tag bedeutet indes keine Ruhe in der Verkehrspolitik.
Die neue Brüsseler Regierung, die sich erst 615 Tage nach der Wahl (Juni
2024) in diesem Frühjahr zusammenfand, kann sich bislang nicht auf die
anderen 364 Tage im Jahr einigen.
Der alte Verkehrsplan zur Förderung sanfter Mobilität („Good Move“) mit
Tempo 30 im Stadtgebiet (Schnellstraßen 50), neuen Radwegen, zahllosen
Bremsschwellen (hier Drempel genannt) und Betonblöcken als
Rasereihindernisse ist den meisten der sechs Koalitionäre zu autoschikanös,
wie sie klagen.
## In Brüssel streiten sich die Parteien um die Verkehrspolitik
Good Move wurde zum Kampfbegriff. Ein neuer Mobilitätsplan müsse her,
fordert vor allem die rechtsliberale MR, die mit Georges-Louis Bouchez die
Brüsseler Regierung auch anführt. Beim Unterschreiben des
Koalitionsvertrages feierte Bouchez schon „Fini, Schluss mit Good Move“.
Etwas voreilig womöglich: Die Grünen unter Brüssels Mobilitätsministerin
Elke Van Den Brandt kämpfen für möglichst wenige Abstriche. Und sie spielen
auf Zeit. Vergangene Woche wurde der Tagesordnungspunkt im Stadtrat zum
vierten Mal vertagt. Immerhin: Ab 2027 wird es auf Initiative der Grünen
jedes Jahr im Mai einen zweiten autofreien Sonntag geben.
21 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Bernd Müllender
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