# taz.de -- Proteste in Frankreich: Nach den Lycées die Universitäten
       
       > Die Schülerbewegung treibt die Regierung immer weiter in die Enge,
       > Studierende schließen sich ihr an. Das Vorgehen der Polizei wird
       > kritisiert.
       
 (IMG) Bild: Auch die Brutalität der Polizei hält die Schüler*innen nicht vom Demonstrieren ab
       
       Hunderttausende Jugendliche haben am Dienstag in ganz Frankreich
       demonstriert. Allein in der Hauptstadt sollen es laut der Organisatoren
       rund 100.000 gewesen sein. Das Innenministerium spricht von 56.000 allein
       in Paris. Meist junge Menschen beteiligten sich an einem Marsch vom Platz
       der Republik zum Platz der Nation auf dem rechten Seineufer. Auf ihren
       Schildern machten sie mit originellen Wortspielen und frechen Slogans ihrer
       Wut gegen die Obrigkeit Luft.
       
       Wie in den meisten Städten begann auch in Paris die Kundgebung friedlich.
       Doch dann kamen die ersten Provokationen mit Wurfgeschossen auf die
       Ordnungskräfte und bald war die Straße in einen dichten Tränengasnebel
       gehüllt. Das ändert aber nichts am Mobilisierungserfolg der
       Mittelschüler*innen.
       
       Sie wollen dabei den Druck auf die Staatsführung noch weiter erhöhen. Zuvor
       hatten sie in den vergangenen Tagen Hunderte von Lycées blockiert. Die
       Regierung ihrerseits bekundet größte Mühe, einen Ausweg aus der Krise und
       der Konfrontation mit der Jugend zu finden.
       
       Unterstützt werden die Schüler*innen nun von den Gewerkschaftsverbänden
       der öffentlichen Dienste und den Studierenden, die am Dienstag aus
       Solidarität rund 60 Fakultäten besetzten.
       
       ## Eltern wollen ihre Kinder auf den Demos schützen
       
       An der Seite der Jugendlichen marschierten bei den Kundgebungen zudem in
       den meisten Städten viele Eltern, erkennbar an weißen Armbinden und
       Schildern mit eigenen Slogans. Sie seien da, um ihre Kinder vor gewaltsamen
       Zusammenstößen zu schützen, erklären sie. Videos von sehr gewaltsamen
       Aktionen und Polizeieinsätzen haben sie schockiert.
       
       Ein Jugendlicher soll ein Auge verloren haben, einem anderen wurde eine
       Hand bei der Explosion einer Polizeigranate zerfetzt. Auf allen TV-Kanälen
       lief außerdem eine weitere Szene, die den Verdacht sexueller Gewalt
       aufkommen lässt: In Metz habe ein Polizeibeamter in Zivil eine Jugendliche
       bei der Festnahme an der Brust berührte. Im Pariser Vorort Noisy-le-Sec
       wurde laut Fernsehreportagen ein 14-Jähriger, der angeblich einen
       Feuerwerkskörper auf die Polizisten geschleudert hatte, so sehr mit Reizgas
       besprüht, dass er mit Krämpfen ins Krankenhaus eingeliefert werden musste.
       
       Bei der Fragestunde in der Nationalversammlung sagte die Abgeordnete
       Mathilde Panot, die Fraktionschefin der Partei La France insoumise (LFI),
       dem Premierminister Sébastien Lecornu, er sei „eine Schande für die
       Nation“. Er gebe den Ordnungskräften die Befehle für diese Interventionen
       und sei darum für das Vorgehen verantwortlich. Lecornu antwortete, es sei
       im Gegenteil LFI, die „Chaos säen“ wolle.
       
       Der von Lecornu als Anstifter kritisierte LFI-Präsidentschaftskandidat
       Jean-Luc Mélenchon erschien, begleitet von mehreren Parteikollegen, zu
       Beginn der Kundgebung in Paris. Er wolle die jungen Demonstrierenden
       „ermutigen“, sagte er, sie gleichzeitig aber auch zu Gewaltlosigkeit
       ermahnen.
       
       ## Schüler und Studierende setzen Forderungskatalog auf
       
       Zusammen mit Studierendenorganisationen hat die Schülerbewegung nun der
       Regierung einen Forderungskatalog vorgelegt. Darin stehen zehn
       Dringlichkeitsmaßnahmen zur Verbesserung der Studienbedingungen und
       Bildungschancen. Sabrina Kharbach, die Sprecherin der Union étudiante, hat
       dazu der Regierung eine mit 10 Milliarden Euro bezifferte Rechnung
       präsentiert. Die Forderungen wären eine Verhandlungsgrundlage.
       
       Die Regierung ist darauf bisher nicht eingegangen. Erziehungsminister
       Edouard Geffray hat lediglich versprochen, er wolle sich als Erstes um die
       garantierte Vertretung bei Absenzen von Lehrern kümmern. So lautet eine der
       Forderungen der Schüler.
       
       Die französische Regierung will den Schüler*innen gegenüber
       offensichtlich keinerlei Schwäche zeigen und vor allem entschlossen gegen
       die Gewalt von Randalierern vorgehen. „Unsere Priorität ist es, die Ordnung
       wiederherzustellen“, erklärte die Regierungssprecherin Maud Bregeon am
       Dienstagvormittag dem Fernsehsender France 2.
       
       Dabei gelte es, „klar zu trennen von den Mittelschülern, die uns etwas zu
       sagen haben, und gewalttätigen Individuen“. In der Nationalversammlung
       machten Premier Lecornu und auch der wegen der Polizeieinsätze umstrittene
       Innenminister Laurent Nuñez deutlich, dass die Staatsführung weiterhin auf
       die repressiven Ordnungseinsätze setzt.
       
       Für Donnerstag haben die Schüler*innen und Studierenden bereits den
       nächsten Aktionstag mit Kundgebungen angekündigt.
       
       6 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Rudolf Balmer
       
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