# taz.de -- Regierungskrise in Belgien: Premierminister De Wever bietet Rücktritt an
> Zehntausende gingen gegen die Sparpläne seiner Koalition auf die Straße.
> Im Streit um den Haushalt wirft Belgiens Premier jetzt das Handtuch.
(IMG) Bild: Hat seinen Rücktritt eingereicht: Belgiens Ministerpräsident Bart De Wever
Seit Wochen laufen Gewerkschaften, Studenten und Schüler in Belgien immer
wieder [1][Sturm gegen die rechtsliberale Regierung unter Premierminister
Bart De Wever] – wegen harter Sparmaßnahmen und massiver Sozialkürzungen.
In Brüssel und Lüttich sind die Proteste zuletzt eskaliert.
Nun hat De Wever das Handtuch geworfen. Der flämische Nationalist wollte
neue Budgetkürzungen in Höhe von 10 Milliarden Euro auf den Weg bringen,
fand dafür aber keine Zustimmung in seiner Koalition. Am Montag hat er
König Philippe deshalb seine Demission angeboten.
Philippe nahm den Rücktritt allerdings nicht sofort an. Vor einer
Entscheidung wolle der König noch Gespräche mit den fünf Koalitionsparteien
führen, teilte der königliche Palast in Brüssel mit. De Wever von der
flämischen Nationalistenpartei N-VA bleibt daher zunächst im Amt.
## König setzt Frist bis Freitag
Bis zum Freitag läuft die Frist, die der König dem Premier und seiner
sogenannten „Arizona“-Koalition gegeben hat (die Parteifarben Gelb, Orange,
Rot und Blau entsprechen jenen auf der Flagge von Arizona). Dass bis dahin
eine Einigung steht, scheint jedoch unsicher.
Es geht nicht nur um 10 Milliarden Euro, die bis 2029 eingespart werden
sollen, sondern auch um Fragen der Sozialverträglichkeit und
Steuergerechtigkeit. Die sozialdemokratische flämische „Vooruit“-Partei
fordert, die Belastungen solidarisch auf alle Schultern zu verteilen.
Dies hätte neue Steuern für Vermögende bedeutet – doch die Liberalen lehnen
Steuererhöhungen strikt ab. De Wever hatte bis Sonntagabend versucht, die
Streithähne zu Kompromissen zu bewegen – vergeblich. Er steht selbst unter
Druck der EU-Kommission, die harte Einschnitte fordert.
## Regierungskrise muss man sich leisten können
Auch der König macht Druck: Angesichts großer geopolitischer Unsicherheiten
und erheblicher wirtschaftlicher Herausforderungen könne sich Belgien keine
langwierige politische Krise leisten, heißt es in der ungewöhnlich
deutlichen Mitteilung aus dem Königspalast.
Gemeint sind offenbar die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, aber
auch die hausgemachte Budget- und Sozialkrise. Seit Monaten wird in Belgien
gegen Sparmaßnahmen protestiert; bei der letzten Großdemo waren Anfang
Oktober rund 40.000 Menschen auf die Straße gegangen.
Für November sind bereits neue Streiks und Kundgebungen geplant.
[2][Ähnlich wie in Frankreich] zeichnet sich dabei auch in Belgien eine
„Konvergenz“ zwischen Gewerkschaften, Linksparteien, Schülern und Studenten
ab. Allerdings ist das Königreich nicht so zentralisiert wie Frankreich.
## Proteste in Brüssel und in der Wallonie
[3][Bisher konzentrieren sich die Proteste auf Brüssel und die
französischsprachige Region Wallonie]. Aber auch in Flandern, der Heimat De
Wevers, wächst die Unzufriedenheit. So gab es Proteste in der Kunst- und
Kulturszene gegen den Sparkurs der flämischen Regionalregierung.
Nicht für alle Probleme ist De Wever verantwortlich. Der belgische Premier
hat sich sogar gute Beliebtheitswerte erarbeitet. Dass er sich gegen den
deutschen Vorstoß stemmte, das in Belgien gelagerte russische Vermögen für
die Ukraine anzuzapfen, brachte ihm viel Respekt ein.
Innenpolitisch steckt De Wever nun aber in der schwersten Krise seiner rund
anderthalbjährigen Amtszeit. [4][Schon die Bildung der heterogenen
„Arizona“-Koalition hatte sich in 236 Verhandlungstagen als überaus
schwierig erwiesen]. Ob sich diese Koalition wieder zusammenrauft, ist
offen.
## Opposition fordert Kurswechsel
In ersten Reaktionen war von „Instabilität“ und „politischem Chaos“ der
Rede. Die Lage sei ernst, hieß es aus dem Regierungslager, denn Belgien sei
bereits hoch verschuldet und könne von Ratingagenturen abgestraft werden.
Demgegenüber forderte die linke Opposition einen sozialpolitischen
Kurswechsel und mehr Steuergerechtigkeit.
Der Kopräsident der flämischen Grünen, Gilles Vanden Burre, warf der
Regierung eine „ideologische“ Haltung vor. Das Verteidigungsbudget könne
gekürzt werden, sagte er. Die kommunistische PTB liegt [5][in Brüssel-Stadt
laut Umfragen vorn]. Sie erklärte, dass sie De Wever keine Träne nachweinen
werde. Ein Politikwechsel sei überfällig.
2 Nov 2026
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## AUTOREN
(DIR) Eric Bonse
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