# taz.de -- KI auf Streamingdiensten: Die acht Mio. des schrecklichen Mr. Smith
       
       > Die Musikindustrie feiert das Urteil gegen US-Produzenten Michael Smith.
       > Dieser hatte KI-Musik auf Spotify veröffentlicht und mit Bots in die
       > Charts gedrückt.
       
 (IMG) Bild: Don’t cry, Spotify!
       
       Rund 100.000 neue Songs werden täglich auf Spotify hochgeladen. Wollte man
       also nur die Neuerscheinungen des heutigen Tages alle hören – vielleicht
       ist ja eine Perle dabei! – hätte man bei einer durchschnittlichen Songlänge
       von drei Minuten 208 Tage zu tun, vorausgesetzt man verzichtet auf Schlaf.
       Während dieser Zeit würden allerdings 20.800.000 neue Titel bei dem
       Streamingdienstleister eingestellt …
       
       Dem schwedischen Unternehmen geht’s jedenfalls gut. Derzeit hat es rund 780
       Millionen aktive Nutzer weltweit, wovon etwa 300 Millionen ein
       kostenpflichtiges Premiumabo haben. Mit gerade mal 7.300 Angestellten
       erwirtschaftet [1][die in Luxemburg ansässige Firma] einen Jahresumsatz von
       17.186.000.000 Euro. Bekanntermaßen ziehen solche Geldhaufen zwielichtiges
       Gesindel magisch an. So kam etwa der Produzent und frühere Juror der
       HipHop-Talentshow „One Shot“, Michael Smith, vor einiger Zeit auf eine so
       simple wie erfolgversprechende Geschäftsidee: Er produzierte [2][mit Hilfe
       von KI] einen Batzen Songs, stellte sie bei Spotify (und anderen
       Streamingdiensten) ein, schloss eine größere Menge „Family
       plan“-Aboverträge ab und programmierte dann eine Armee von Bots so, dass
       sie 24/7 seine Stücke abriefen.
       
       Der Rolling Stone fand heraus, „dass Smith 1.040 Accounts nutzte, über die
       täglich jeweils rund 636 seiner KI-generierten Songs gestreamt wurden. Das
       summierte sich auf 661.440 Streams pro Tag – und brachte ihm potenziell
       3.307,20 Dollar täglich, 99.216 Dollar monatlich und über 1,2 Millionen
       Dollar im Jahr ein.“ Jetzt wurde Smith von einem New Yorker Gericht zu
       einer 18-monatigen Haftstrafe verurteilt und muss den erwirtschafteten
       Gewinn von gut acht Millionen US-Dollar zurückzahlen.
       
       Wobei ich mich frage: Worin genau bestand jetzt die Straftat? [3][Musik mit
       Hilfe von KI zu produzieren], ist kein Verbrechen. Gibt es ein Gesetz, das
       verbietet, Streamingabos abzuschließen und dann Programme laufen zu lassen,
       die diese Abos nutzen? Ist das der „fraud“ (also Betrug), von dem in der
       Urteilsbegründung die Rede ist? Wäre es kein Betrug gewesen, wenn Smith
       statt der Bots ein Callcenter in einem Billiglohnland gemietet und tausend
       Kräfte eingestellt hätte, die für einen Lohn von einem Piaster pro Tag in
       drei Schichten seine Songs hätten laufen lassen?
       
       ## Wer wurde betrogen?
       
       Eine andere Frage ist: Wer wurde hier betrogen? Die Streamingdienste
       erlitten keinen wirtschaftlichen Verlust, denn sie bezahlen keine festen
       Sätze pro Stream an Künstler*innen, wie es etwa Radiosender tun, wenn sie
       einen Song spielen, oder Plattenfirmen, wenn sie einen Tonträger verkaufen
       – sie „schütten aus“: Einkünfte minus Kosten minus Gewinnmarge wird durch
       die Anzahl der Streams geteilt.
       
       Durch die Praxis des Herrn Smith ist den Streamern also kein Cent
       entgangen, wohl aber hätten die Künstler*innen einen geringfügig höheren
       Anteil erhalten, hätten sich die Bots nicht eingemischt. Ob die von Smith
       zurückzuzahlenden acht Millionen jetzt wohl an die Kreativen verteilt
       werden?
       
       Die Musikindustrie feiert das Urteil aus anderen Gründen: Die Nutzung von
       Bot-Armeen zur Erhöhung von Streamingzahlen ist nämlich längst gängige
       Praxis, um Songs in die Charts zu drücken. Stellt man sich dabei schlauer
       an als Smith – und das darf man von professionellen PR-Dienstleistern
       erwarten – ist das kaum nachzuweisen, und die Illegalität dieser Praxis war
       lange fragwürdig. Jetzt gibt es endlich ein Urteil, auf das man sich
       berufen kann, und die Angst vor einer Gefängnisstrafe überzeugt
       PR-Agent*innen womöglich, andere Tools zu nutzen. Auf dass der
       Musikindustrie nicht demnächst ihr ganzes Chartsystem um die Ohren fliegt.
       
       24 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Von-Spotify-zur-Waffenschmiede/!6097149
 (DIR) [2] /Empoerung-ueber-KI-generierte-Popmusik-Die-Schlacht-ist-nicht-mehr-zu-gewinnen/!6142281
 (DIR) [3] /Musikbranche-im-KI-Zeitalter/!6104698
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Detlef Diederichsen
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kolumne Böse Musik
 (DIR) Musik
 (DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
 (DIR) Streaming
 (DIR) Spotify
 (DIR) Musikindustrie
 (DIR) Kulturkolumnen
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Kolumne Böse Musik
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Musikmagazin Pitchfork: Von der Kaufentscheidung zur Überlebenshilfe
       
       Die Klage über den Niedergang der Musikkritik hat die Klage über den
       Niedergang der Popmusik abgelöst. Zurecht?
       
 (DIR) Das langsame Sterben der Indie-Szene: Weimer kloppt die Popkultur in den Eimer
       
       Links ist die Popszene schon lange nicht mehr, sondern Teil der „Creative
       Industries“. Die kleinen Clubs und alternativen Festivals sterben langsam.
       
 (DIR) Kunst und Technologie: Warum Pat Metheny KI in der Musik eher positiv sieht
       
       Bleibt für Musik mit einem künstlerischen Anliegen nur noch die
       Besenkammer? Durchhörbarkeit war schon in den 80ern ein Thema, nicht erst
       heute mit KI.