# taz.de -- Musikmagazin Pitchfork: Von der Kaufentscheidung zur Überlebenshilfe
> Die Klage über den Niedergang der Musikkritik hat die Klage über den
> Niedergang der Popmusik abgelöst. Zurecht?
(IMG) Bild: Ihm wird von der Musikkritik in einer ausführlichen Begründung der unkreative Einsatz von KI vorgeworfen: US-Rapper Tyga
Am 12. August war es nach fast 20 Jahren wieder so weit: Das
US-Internetmagazin Pitchfork hat sich mal wieder 0,0 von möglichen 10,0
Punkten geleistet – letztmals gab es das im Oktober 2006 für „Shine On“ der
australischen Rockband Jet. Dieses Mal hat es das wohl ziemlich missglückte
und beknackte 80er-Jahre-Popalbum „Starface“ des Rappers Tyga erwischt.
Während es bei den armen Jets damals statt eines Rezensionstextes nur das
Video eines sich in den Mund urinierenden Schimpansen gab, schrieb Drew
Millard zu „Shine On“ eine ausführliche Begründung, in der er Tyga vor
allem den unkreativen Einsatz von KI vorwirft und zu dem Schluss kommt,
dass die pure Existenz des Albums „die Welt zu einem schlechteren Ort
macht“.
Letzten Dezember schrieb ich an dieser Stelle [1][zur Einordnung des
Werkzeugs KI unter der Überschrift „Lasst sie doch einfach machen“]: „Seit
die Musik zu einem Wirtschaftszweig geworden ist, in dem sich viel Geld
verdienen lässt, war – Verzeihung – Scheißmusik die Norm und Kunst die
Abweichung. Ob diese Scheißmusik nun von Menschen oder KIs produziert wird,
ist doch eigentlich herzlich egal.“ taz-Leser Jack G war das nicht egal, er
bezeichnete den Text als „absolute Frechheit“: „Für jedes Werk haben
Musiker, Songwriter, Produzenten und Engineers Blut, Zeit und Nerven
gelassen und damit zumindest mal einen Grundrespekt verdient.“ Also keine
Verrisse mehr.
## Das selektive Vergessen gehört dazu
Eigentlich ist Musikkritik ein Ding-das-nicht-sein-darf, um [2][H. P.
Lovecraft] eine Formulierung zu klauen: Sie wird – über den Umweg der
Produktwerbung – von der Musikindustrie bezahlt, aber hintertreibt deren
Interessen, indem sie einzelne ihrer Produkte negativ bewertet. Unter
meinen Altersgenossen hat die Klage über den Niedergang beziehungsweise das
Verschwinden der Musikkritik die Klage über den Niedergang beziehungsweise
das Verschwinden der Popmusik mittlerweile als Jammertopthema abgelöst.
Dazu gehört natürlich das selektive Vergessen, denn sonst wüsste man noch,
dass auch in den Roaring Eighties nicht jede Kritik von Julie Burchill,
[3][Greg Tate] oder Clara Drechsler geschrieben wurde. Auch damals war die
erdrückende Mehrzahl weniger Feuilleton denn „Service“: einerseits PR,
andererseits Kaufentscheidungshilfe für geneigten Leser*innen, was
natürlich ohne Korruption und faule Kompromisse nicht ging.
Und genau wie die interessante Musik kamen die interessanten Texte nicht
etwa dort her, wo man gut verdienen konnte, sondern aus dem
Selbstausbeutungsuntergrund.
„Will music criticism survive?“, fragte embedded.com im Sommer etablierte
US-Musikkritiker*innen. Viel fällt den von der vermeintlichen Krise primär
Betroffenen nicht ein. „Ich kann noch immer davon leben, was das Einzige
ist, was mich an einem Job interessiert“, meldet etwa Robert Christgau,
„dean of American rock critics“. Ein nicht namentlich genannt werden
wollender „Autor und Redakteur, derzeit in einem Tech-Job“, hofft: „Kritik
könnte genau das richtige Produkt sein für diese Zeit kultureller Panik.“
Und Pitchfork-Kolumnist Kieran Press-Reynolds bleibt gelassen: „Musikkritik
im Video boomt, es gibt eine Menge Rezensions-Substacks und eine neue
Generation. Die Frage bleibt, wie viele Leute bezahlen werden.“ Die Dinge
ändern sich, die Dinge gehen weiter. Fast schon zu tröstlich.
22 Sep 2026
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