# taz.de -- Proteste in Europa: Und die EU-Spitze schaut weg
       
       > Die europaweiten Proteste könnten sich zu einer Revolte à la 1968
       > ausweiten. Denn das Nichtstun der EU verstärkt die Wut noch. Dabei gäbe
       > es einen Ausweg.
       
 (IMG) Bild: Erinnert an den Mai 1968: Protest auf dem Place de la République, Paris, 18. Oktober 2026
       
       Aufruhr in Frankreich und Italien, Proteste in Spanien, Portugal und
       Belgien: Europa erlebt eine Revolte, deren Wucht manche – vor allem in
       Paris – [1][an den Mai 1968 erinnert]. Wieder gehen Schüler und
       Studentinnen auf die Straße, wieder werden Unis besetzt und Barrikaden
       errichtet. Allerdings fehlen diesmal Hoffnung und Utopie, wie sie noch die
       68er beflügelt haben. Die Proteste gegen die hohen Lebenshaltungskosten,
       die Wohnungsnot und die Bildungsmisere gehen mit Pessimismus und
       Zukunftsangst einher, vielerorts leider auch mit sinnloser Gewalt.
       
       Die Politik reagiert hilflos. Jahrelang hat sie die Probleme ignoriert, oft
       hat sie sie sogar geschaffen. Wohnungsnot und Bildungsmisere sind nicht vom
       Himmel gefallen, sondern Folgen von Neoliberalismus und Sparzwang, gewollt
       von der EU. Doch die EU-Spitze schaut weg.
       
       Ihr [2][Gipfel in der vergangenen Woche in Brüssel war dafür wieder ein
       schlagendes Beispiel]. Auf Druck von Kanzler Friedrich Merz haben sich die
       Staats- und Regierungschefs mit der Wettbewerbsfähigkeit beschäftigt – aber
       nicht mit der Sozial- und Bildungsmisere. Und die Debatte über die hohen
       Energiepreise ging aus wie das Hornberger Schießen – ohne Ergebnis.
       
       Ein Vorstoß aus Italien zur Lockerung der strikten Schuldenregeln wurde
       abgelehnt. Statt sich um die Lösung der immensen Probleme zu kümmern, die
       auch Deutschland umtreiben, betreiben viele Politiker lieber ihren
       Wahlkampf. In Frankreich versucht Nationalistenführerin Marine Le Pen, die
       Schuld für die Krawalle der Linken in die Schuhe zu schieben.
       
       Der polnische Regierungschef Tusk und Ungarns Ministerpräsident Magyar
       nutzen die Unruhen in Frankreich, um Stimmung gegen Einwanderer und
       Migranten im eigenen Land zu machen.
       
       ## Keine Kursänderung in Sicht
       
       Die Gefahr ist groß, dass die berechtigen Anliegen der Schüler, Studenten
       und Gewerkschaften in dieser gefährlich aufgeheizten Gemengelage
       untergehen. Europas Politiker suchen einen Sündenbock, statt sich an die
       eigene Nase zu fassen und den Kurs zu ändern.
       
       Dabei liegt nahe, was zu tun wäre: Die EU müsste sich um erschwingliche
       Mieten, günstige Energie und bezahlbare Bildung kümmern, statt die
       wirtschaftsliberalen Reformen voranzutreiben. Erste zaghafte Schritte
       wurden zwar schon unternommen, etwa auf dem Wohnungsmarkt. Doch das reicht
       nicht. Solange die EU ihre Gipfel auf die Konzerne ausrichtet und nicht auf
       die Menschen, wird sich nichts ändern.
       
       Es wird eher noch schlimmer werden – auch in Deutschland. Selbst das größte
       EU-Land ist vor Protesten nicht gefeit. Der Mai 1968 hat gezeigt, wie
       schnell sich eine Revolte ausbreiten kann.
       
       19 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Pariser-Mai-Proteste-1968/!5501321
 (DIR) [2] https://www.tagesschau.de/ausland/europa/eu-gipfel-haushalt-102.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Eric Bonse
       
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