# taz.de -- Krawalle am Protesttag in Frankreich: Niedergebranntes Rathaus von Limoges wird zum Symbol
       
       > Mehr als eine halbe Million Menschen beteiligten sich Samstag an
       > landesweiten Protesten. US-Vize Vance macht Einwanderung für Randale
       > verantwortlich.
       
 (IMG) Bild: Auf der Place de la République brennt während einer Demonstration gegen steigende Lebenshaltungskosten in Paris ein Auto
       
       Paris taz | Schon am früheren Morgen haben an zahlreichen Orten in
       Frankreich kleine Gruppen mit den gelben Warnwesten Kreisel besetzt. Wie
       schon bei der Bewegung der „Gilets jaunes“ (Gelbwesten) Ende 2018 und 2019
       protestieren sie gegen eine sinkende Kaufkraft und die ihrer Ansicht nach
       verächtliche Haltung der Staatsführung in Paris. In mehreren Fällen wurden
       diese Blockaden von den Ordnungskräften geräumt.
       
       Mehr als eine halbe Million Menschen – laut Innenministerium 550 000 –
       beteiligten sich in rund 90 Städten [1][an den organisierten Kundgebungen].
       Zu den Mittelschüler*innen und Studierenden, die seit vier Wochen
       bereits für bessere Studienbedingungen, mehr Geld für das Bildungswesen und
       gegen das derzeitige Selektionsverfahren für den Studienzugang
       demonstrieren, haben sich auch Gewerkschaftsmitglieder und ehemalige
       Gelbwesten gesellt. Hinter einem Transparent, auf dem Preissenkungen und
       Lohnerhöhungen gefordert wurden, marschierte der linke
       Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon zusammen mit Abgeordneten
       seiner Partei La France insoumise (LFI).
       
       Nicht überall aber verliefen die Kundgebungen friedlich. Vor allem in
       Paris, Marseille, Toulouse, Nizza und Lyon überschatteten sehr gewaltsame
       Ausschreitungen die eigentlichen Anliegen der Demonstrierenden. Noch bevor
       sich in Paris auf der Place de la République Tausende von Menschen zur
       angekündigten Kundgebung versammeln konnten, hatten schon sehr heftige
       Zusammenstöße zwischen einem sehr massiven und zum sofortigen Einschreiten
       bereiten Polizeiaufgebot und Gruppen von vermummten Jugendlichen begonnen.
       
       ## Mehrere Jugendliche und Polizeibeamte verletzt
       
       Diese Konfrontationen dauerten den ganzen Nachmittag an. Laut Medien wurden
       mehrere Polizeibeamte und Jugendliche verletzt. In Saint-Etienne soll
       erneut ein Jugendlicher wegen der Explosion einer Polizeigranate eine Hand
       verloren haben. Die Vorsitzende der Grünen, Marine Tondelier, meinte dazu,
       die Regierung sei mit ihrer unnachgiebigen Haltung mitverantwortlich, und
       Premierminister Sébastien Lecornu habe „mehr Mitgefühl für die
       Müllcontainer als für die Schüler“.
       
       Tausende von anderen Leuten, die an einer Kundgebung und nicht an
       Straßenkämpfen mit der Ordnungspolizei teilnehmen wollten, wurden von
       Polizeisperren daran gehindert, auf die „République“ zu gelangen. Wo sich
       in den umliegenden Straßen Zuflucht suchten, wo sie von den Ordnungshütern
       ebenfalls vertrieben und mit Tränengas attackiert wurden.
       
       Trotzdem bildeten sich mehrere Demonstrationszüge auf verschiedenen
       Strecken, die von der Polizeipräfektur nicht als Route bewilligt worden
       waren. Die Polizei wollte die Ansammlungen gewaltsam auflösen, bewirkte
       damit aber nur, dass die Menschen in benachbarte Straßen vertrieben wurden.
       Plötzlich befanden sich beispielsweise mehrere hundert Demonstrierende in
       unmittelbarer Nähe des Elysée-Präsidentenpalasts.
       
       ## Plünderungen und Sachbeschädigungen in Paris
       
       Schließlich konnten aber Tausende, unter ihnen die LFI-Politiker und
       Mélenchon, wie ursprünglich vorgesehen zur Place de Clichy im Nordwesten
       von Paris marschieren. Am Rande der Ausschreitungen nutzten Randalierer
       auch die Gelegenheit zu Plünderungen und Sachbeschädigungen. Diese Attacken
       richteten sich gegen Symbole des Kapitalismus wie Banken und
       Versicherungen, aber auch gegen kleine Geschäfte.
       
       Von brennenden Autos und Barrikaden stieg ein schwarzer Rauch in den Himmel
       und verhüllte während Stunden das gesamte Zentrum von Paris. Der Platz der
       Republik war mit Steinen und anderen Wurfgeschossen übersät. Der
       Bürgermeister von Paris, Emmanuel Grégoire, meinte angesichts der
       angerichteten Zerstörungen konsterniert, ganze Straßenzüge seien
       systematisch geplündert worden. Nach Angaben der Polizei wurden bei den
       schweren Ausschreitungen allein in Paris 855 Menschen sind nfestgenommen.
       
       Zur selben Zeit stürmten in Lyon ein paar Hundert Vermummte, völlig
       ungehindert von den Ordnungskräften, das Fremdenverkehrsbüro, das sie
       schließlich verwüsteten und in Brand steckten. Das historische Gebäude an
       der Place de Bellecour brannte völlig aus, bevor die Feuerwehr einschreiten
       konnte. in der zentralfranzösischen Stadt Limoges setzten Randalierer das
       mehr als 140 Jahre alte Rathaus in Brand. Das historische Gebäude sei „zum
       großen Teil verloren“, sagte der zuständige Präfekt Maurice Barate der
       Nachrichtenagentur AFP.
       
       ## Umgestürzte „Marianne“ in Marseille
       
       In Marseille gelangten Vermummte in das Rathaus, wo sie die Eingangshalle
       verwüsteten. Das Bild einer umgestürzten und auf dem Boden liegenden Büste
       der „Marianne“ (Sinnbild der Republik) war auf allen Fernsehsendern zu
       sehen, welche live über die Krawalle berichteten.
       
       Die Strategie der Ordnungskräfte wird ein Mal mehr in Frage gestellt. Die
       Grünen-Abgeordnete Sandrine Rousseau kritisiert das Vorgehen, weil die
       Ordnungspolizisten ohne Vorwarnung Gruppen von gewaltlosen und inoffensiven
       Demonstrierenden mit Gas angegriffen und so die Eskalation gesucht hätten.
       Bei den außergewöhnlich heftigen Konfrontationen waren indes so viele
       Jugendliche und an so vielen Orten beteiligt, dass sich das Problem dieser
       Gewalt nicht auf ein paar „Casseurs“ (Randalierer) reduzieren lässt.
       
       Frankreichs Präsident Emmanuel Macron verurteilte die Gewalt auf das
       Schärfste und kündigte eine rigorose Strafverfolgung an. „Zerstörer“ und
       „Plünderer“ sollten „verfolgt und bestraft“ werden, erklärte er im
       Kurzbotschaftendienst X. Die Bürgermeister von Paris, Marseille und Lyon
       verlangten angesichts der Verwüstungen ein Treffen mit Premierminister
       Lecornu. Es müsse untersucht werden, wie es zu „dieser Situation“ habe
       kommen können, erklärten Emmanuel Grégoire, Benoît Payan und Grégory Doucet
       in einem gemeinsamen Schreiben. „So etwas kann und darf sich nicht
       wiederholen.“
       
       ## JD Vance kocht sein eigenes Süppchen
       
       In den USA machte US-Vizepräsident JD Vance Einwandererinnen und
       Einwanderer für die Ausschreitungen bei den jüngsten Protesten in
       Frankreich verantwortlich. Gut zwei Wochen vor den Kongresswahlen in den
       USA schrieb der Republikaner auf X, linke Politiker in Frankreich und
       anderen Ländern hätten „im Namen von Vielfalt und Mitgefühl“ die „Dritte
       Welt“ ins Land geholt. Dabei habe Frankreich nicht auf „Assimilation und
       Kompatibilität“ der Menschen geachtet, kritisierte er weiter. Eine solche
       Zukunft blühe den USA auch, falls die Demokraten im Kongress das Sagen
       hätten, schrieb er weiter.
       
       Vance verlinkte in seinem Post ein Video, das ein Feuer am historischen
       Rathaus in der Stadt Limoges zeigen soll, das von Randalierern in Brand
       gesetzt worden war. „Ich hoffe, dass Frankreich, ein schönes Land mit
       tollen Menschen, diesen Wahnsinn stoppen wird, bevor noch mehr seiner
       Wahrzeichen brennen“, schrieb Vance.
       
       17 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Grossproteste-in-Frankreich/!6222237
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Rudolf Balmer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Frankreich
 (DIR) Jean-Luc Mélenchon
 (DIR) Gelbwesten
 (DIR) Unruhen in Frankreich nach Polizeigewalt
 (DIR) GNS
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Großproteste in Frankreich: Nichts ist unmöglich
       
       In Frankreich sind für Samstag landesweit mehr als 1.000 Aktionen und
       Kundgebungen geplant. Gendarmerie und Polizei rüsten massiv auf.
       
 (DIR) Umweltschützer gegen Merz-Macron-Deal: Die zwei von gestern
       
       Ein deutsch-französischer Vorschlag könnte den Niedergang der europäischen
       Automobilindustrie besiegeln, fürchten Umwelt- und Verkehrsexperten.
       
 (DIR) Nach den Protesten in Frankreich: Schulstreik an Hamburger Schule
       
       Schüler*innen der Max-Brauer-Schule haben am Mittwoch eine Blockade
       errichtet. Sie fordern mehr Investitionen in Bildung statt Militarisierung.