# taz.de -- Von Adenauer bis Merz: Die Eigentore der Konservativen
> Niemand kann einem mehr erklären, wozu die CDU überhaupt noch gut ist.
> Dabei stünde eine Herkulesaufgabe vor ihr – es geht um die Bewahrung
> unserer Lebensform.
(IMG) Bild: Kein Personal, kein Programm, kein Mut: Bundesparteitag der CDU 2024 in Berlin
Für den kurzatmigen Hauptstadtjournalismus gibt es für Deutschland derzeit
anscheinend nur zwei Wege: In den Städten geraten SPD und Grüne in die
Fänge der linken Clans und Judenhasser, im flachen Land wird die Union von
der grinsenden Simson-AfD aufgefressen. Um die CDU/CSU sorgen sich da
selbst gestandene Linke, die es vermieden haben, Konservative mit
Faschisten gleichzusetzen.
Dabei sind beide Pfade mittelfristig realistisch: Entweder erholt sich die
erweiterte Linke von der in den 1980er Jahren begonnenen Talfahrt und
bildet ein seriöses Trio aus Vergemeinschaftern, Arbeitnehmervertretern und
ökologischen Modernisierern, um schlimmste soziale Spaltungen und
Naturkatastrophen abzumildern.
Oder die moderate Rechte tritt, wie in älteren liberalen Demokratien (USA,
UK, Frankreich, Skandinavien …) einer konservativen Revolution bei, die
eine [1][menschenverachtende Tech-Oligarchie] freisetzt und den kollektiven
Hitzetod einkalkuliert. Alles andere ist Neuköllner und
sachsen-anhaltisches Klein-Klein, das man sich besser sparen sollte. Es
geht um nichts anderes als die sehr fraglich gewordene Bewahrung
westlich-europäischer Lebens- und Selbstherrschaftsformen.
## Die Union und die „strukturelle Mehrheit“
Es ist schon aufgefallen, wie wenig Optionen die Union dabei noch hat, die
einmal die „strukturelle Mehrheit“ bewirtschaftete und das Abonnement aufs
Kanzleramt für sich beanspruchte. Es handelte sich dabei um eine der
erfolgreichsten Parteigründungen nach 1945, die Konservative,
Christlich-Soziale und Liberale unter einen Hut brachte.
Kirchen, Verbände und Vereine schufen ein stabiles Milieu, das gläubige
Arbeiter in den maßvollen „rheinischen Kapitalismus“ mitnahm. Die Union
konnte vieles: mit Konrad Adenauer, Franz Josef Strauß und weiteren
Landesvätern Alleinregierung, mit dem langjährigen Wunschpartner FDP
Wohlstand für alle, namentlich Besserverdienende, mit der SPD in
Krisenzeiten. Jetzt ist das auch nur noch eine Kleine Koalition.
Hier und da kamen, auf kommunaler und Landesebene, Schwarze und Grüne
zusammen. Letzteres hat sich die Union mit ihrem hysterischen
Grünen-Bashing verbaut. Und mit Angela Merkel hat Friedrich Merz’ unbändige
Revanchelust die letzte Integrationsfigur verhunzt.
## AfD halbieren ist eine Slapstick-Nummer
Im Fußball nennt man das eine Slapstick-Nummer, wenn der Torwart einen Ball
mit hektischen Bewegungen im eigenen Kasten versenkt: So hat es die CDU
geschafft, die Migrationsfrage („Merkel ist schuld“) maßlos aufzubauschen,
um die AfD zu „halbieren“, mit dem [2][Effekt der eigenen Halbierung] und
der Verdoppelung der Blau-Braunen auch im Westen der Republik.
Dass es in den Unionsfraktionen Dutzende von Mandatsträgern gibt, die im
Zweifel lieber mit der AfD gehen, als den „Linksruck Merkels“ (?!) weiter
mitzugehen, haben einem Insider off the record schon vor Jahren prophezeit.
Jetzt ist es so weit.
Die Ursachen liegen tiefer. CDU/CSU halbieren sich, weil sie weder Milieu
noch Programm, kein Personal und keinen Mut haben. Kaum ein sprechfähiger
CDUler kann einem erklären, wozu die Partei jetzt gut ist, außer dass sie
als altes Möbel herumsteht. Und Unionspolitiker verstehen bis auf wenige
Ausnahmen die faktische Schlüsselrolle der Grünen nicht (diese selbst
übrigens auch nicht alle).
## Gebraucht wird Programmatik, Expertise und Führungsfähigkeit
Denn wenn mit weiteren und noch schwereren Dürren, Überschwemmungen und
Ernteausfällen daheim und geopolitischen Verwerfungen weltweit die
ökologische Frage auf ganz andere Weise brisant wird, ist die Programmatik,
Expertise und Führungsfähigkeit der ökologischen Bewegung unumgänglich und
ein technokratisches Stellschrauben-Projekt à la Rot-Rot-Grün faktisch
überholt.
Die Rechtsradikalen sind mit der Absicht angetreten, die ökologische Wende
umzukehren und durch ethno-nationalistische Identitätspolitik zu ersetzen.
Statt hier im Bremserhäuschen Platz zu nehmen, müsste die Union endlich auf
einen ökologischen Konservatismus umschalten, der im gestrichenen
Programmteil „Bewahrung der Schöpfung“ enthalten war und mit dem
retrograden Wachstumsfetisch einer Regierung Merz/Reiche/Söder endgültig
zur Makulatur geworden ist. Mit Verbrenner-Aus, Ölheizungsneubau und
Stornierung der Energiewende nimmt dieses Gespann der AfD nicht eine Stimme
weg.
Ebenso sind die Pfeiler „Solidarität“ und „Subsidiarität“ angesägt worden,
die die Union einmal aus der christlichen Soziallehre übernommen und
eingebaut hat. Christlich, wir? Die in Unternehmen und
Wirtschaftsverbänden, Rechtsanwaltskanzleien und Abgeordnetenbüros,
Lehrstühlen und Stiftungen, Karrieretruppen wie der Jungen Union und dem
RCDS sozialisierten Programmatiker haben damit nichts am Hut, um den Preis,
dass die Union von der Spitze bis zur Basis als Partei der sozialen Kälte,
des bürokratischen Jargons und der Berührungsangst vor dem „gemeinen Volk“
und „besorgten Bürgern“ rüberkommt.
## Sparen beim Sozialstaat
Kanzler Merz will das mit besserer Kommunikation bereinigen, er hat aber
nichts zu kommunizieren als Sparprogramme zum Rückbau der von CDU und SPD
aufgebauten Sozialstaatlichkeit – was angesichts der demografischen
Perspektiven und Verteidigungsnotwendigkeiten so unpopulär wie unvermeidbar
ist.
Damit komme ich zu meinem Vorschlag zur Güte. Die rasante Säkularisierung
lässt die Rede vom Schöpfergott nicht mehr zu, den schon die
Evolutionstheorie zu den Akten gelegt hat. Aber es gibt ein weltliches
Ethos der Verantwortung im Umgang mit der Natur und mehr als nur
menschlichen Welt.
Ein Ethos des Respekts, der Demut, der Zügelung der Arroganz des
allwissenden und allmächtigen Homo sapiens, der sich die Erde „untertan“
macht und den Weltraum „erobert“. Außer den Grünen wüsste ich nicht, wer
solche Überlegungen noch anstellen könnte – wenn nicht auch in einer
runderneuerten Union, die sich auf ihre Wurzeln und Inspirationen verlässt.
## Einstmals gab es „christlichen Sozialismus“
Wenn sie gerade auf den Nullpunkt zusteuert (wie vor ihr viele
Christ-Demokraten und -Soziale, Gaullisten, Tories, Republikaner und
Liberale), lohnt eine Erinnerung an die Stunde null, als eine Handvoll
NS-Überlebender und aus der inneren Emigration kommender Politiker in Köln
und Berlin sogar einen „christlichen Sozialismus“ propagierten, der seinen
Weg ins Ahlener Programm fand (und ein Jahr später durch Ludwig Erhard
abgewürgt wurde).
Ceteris paribus ging es damals darum, den radikalen Kapitalismus, der zu
Krieg und Massenmord führt, in die Wiederaufbau-Gesellschaften einzubetten.
Der Ökonom Karl Polanyi nannte das 1946 die „Great Transformation“, und
eine analoge Wiedereinbettung der völlig durchgedrehten, KI-beschleunigten
Marktblödigkeit in einen egalitären Gesellschaftsvertrag, einen
vernünftigen Infrastruktursozialismus und eine überlebensfähige Natur
stünde heute erneut auf der Tagesordnung.
Die Fallhöhe von diesem Erfordernis auf die politische Hauptstadtbühne oder
gar nach Neukölln und Sachsen-Anhalt ist enorm. Schwarz-Grün (und jede
andere ökologisch sinnvolle Koalition) ist für das Gros der
CDU/CSU-Funktionäre des Teufels, Anlass für höhnisches Lachen und eine
Suada von Vorurteilen und Denkverboten.
## Alternative Pfade waren versperrt
Sie glauben allen Ernstes, die kulturelle Hegemonie zurückgewinnen zu
können, wenn Automobil-, Stahl- und Chemiebranchen den Status des
Exportweltmeisters restaurieren und die Digitalisierung auch in Deutschland
endlich klappt, mit Hoffnungen auf die Blackbox künstliche Intelligenz. Es
war doch die Bräsigkeit CDU-geführter Koalitionen, die alternative Pfade
versperrt hat.
Und vom Sozialismus müsste heute übrig bleiben, dass bestimmte Güter –
Wasser, Luft und ja: auch Wohnen und Daten – Gemeingüter sind oder werden
müssen. Hier ist auch Platz für soziale Bewegungen. Der Protest gegen
wasser- und energiefressende Rechenzentren, der in den USA selbst
konservative MAGA-Anhänger erreicht hat, könnte in Europa eine Dimension
annehmen, die dem Anti-AKW-Protest der 1970er Jahre nahekommt.
Die genannten Bereiche der „Bezahlbarkeit“ decken sich nicht zufällig mit
Bedürfnissen der jüngeren Generation, in der ja nicht allesamt von
Privilegien, Investmentfonds und Privatschulen ihrer Eltern und Großeltern
zehren, sich vielmehr als Leidtragende der Pandemie nach Sicherheit sehnen.
## AfD und Linke haben Erfolg bei der Jugend
Es ist bezeichnend, dass nicht nur die Union, sondern auch SPD und Grüne
bei Erst- und Jungwählerinnen unter die Zehnprozenthürde zu fallen drohen,
während Linke und AfD bei ihnen, durchaus genderdifferenziert, Erfolge
feiern. Ähnlich ist es in Frankreich. Wäre jetzt eine vorwärtsweisende
ökologische Bewegung am Start, brächte sie Zuversicht, Erfindungsgeist,
Risikobereitschaft und Abenteuerlust mit sich.
Das zu verstehen und zu formieren, ist eine Herkulesaufgabe für die Union.
Übrigens auch für die Grünen.
17 Oct 2026
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## AUTOREN
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