# taz.de -- Türkeibesuch von Hendrik Wüst: Visa für Geschäftsleute, Schulterklopfen für Opposition
       
       > Bei seiner Türkeireise kann NRWs Ministerpräsident schnellere
       > Visaverfahren ankündigen. Opposition und Zivilgesellschaft trifft er am
       > Ende auch noch.
       
 (IMG) Bild: Hände schütteln für Visas, Hendrik Wüst mit Alparslan Bayraktar, Minister für Energie und Bodenschätze
       
       Keine Reise ohne Gastgeschenke – das weiß auch Hendrik Wüst. Der
       nordrhein-westfälische Ministerpräsident war [1][bis Mittwoch auf einer Art
       Kanzlerprobereise in der Türkei]. Dort traf er nicht nur den türkischen
       Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, sondern auch mehrere Minister der
       AKP-Regierung. Für Geschäftsleute aus der Türkei soll die Visaerteilung
       künftig schneller laufen. Der Kreis der Unternehmen, die ein
       Schnellverfahren ohne aufwendige Einzelfallprüfung nutzen können, wird
       deutlich erweitert. Das „schafft die Grundlage für neue Investitionen und
       engere Partnerschaften“, lobte Wüst.
       
       Den Deal fädelte die Deutsche Botschaft ein, unterstützt vom
       deutsch-türkischen Wirtschaftsrat unter Leitung des ehemaligen
       Bundespräsidenten Christian Wulff. In einem Schreiben der Botschaft an den
       Wirtschaftsrat vom 25. September heißt es, die Erweiterung solle noch
       dieses Jahr starten. Davon profitieren sollen insbesondere auch
       Unternehmen, die einen starken Deutschlandbezug haben. Das Ziel sei, auch
       kleinere und mittelständische Unternehmen besser einzubinden.
       
       Bislang gelten die Schnellverfahren für rund 400 türkische Firmen, deren
       Visaanträge unbürokratisch und zügig bearbeitet werden. Auf diesem Weg
       werden allerdings nicht einmal 4 Prozent aller Visaanträge bearbeitet. Bei
       den 270.000 Anträgen, die 2025 bearbeitet wurden, dauerte es oft deutlich
       länger. Wirtschaftsvertreter aus Wüsts Delegation berichteten der taz, dass
       die lahme und sehr restriktive Visavergabe ein wichtiger Grund sei, warum
       Deutschland für Investoren unattraktiv sei.
       
       Generell besteht eine deutliche Unwucht im Reiseverkehr zwischen
       Deutschland und der Türkei. Während Deutsche mit dem Personalausweis nach
       Ankara reisen dürfen, brauchen türkische Staatsbürger ein Visum.
       
       ## Erschwerte Bedingungen für Zivilgesellschaft
       
       Jannes Tessmann von der Stiftung Mercator in Istanbul würde es deshalb
       begrüßen, wenn Visaerleichterungen auch für weitere Kreise der Bevölkerung
       gelten. „Das würde unsere Zusammenarbeit und den Dialog mit der
       Zivilgesellschaft enorm erleichtern“, sagt Tessmann der taz. Die Stiftung
       arbeitet unter anderem mit der vom inhaftierten türkischen Mäzen und
       Menschenrechtsaktivisten Osman Kavala gegründeten Kulturstiftung Anadolu
       Kültür zusammen. Die bestehenden Visabeschränkungen hätten in der
       Vergangenheit Netzwerktreffen in Deutschland und anderen europäischen
       Ländern erschwert. „Partnerorganisationen mussten teilweise Veranstaltungen
       absagen oder in Drittländer verlagern, weil Teilnehmer:innen aus der
       Türkei kein Visum bekamen“, berichtet Tessmann.
       
       Für die unter Erdoğan zunehmend verfolgte und unterdrückte
       Zivilgesellschaft konnte Wüst indes wenig erreichen. Zwar traf er sich am
       letzten Tag seiner Reise nach Angaben aus Delegationskreisen noch mit
       Vertreter:innen von Organisationen, die sich für Rechtsstaatlichkeit,
       Meinungsfreiheit, Demokratie und LGBTQ+-Rechte einsetzen. Doch die
       Gespräche fanden am Rande und fast schon klandestin statt, während es von
       den Treffen mit Erdoğan und seinen Ministern Fotos und Pressemeldungen gab.
       
       Wüst, der zu Beginn seiner Reise ein „neues Kapitel“ in den Beziehungen zur
       Türkei aufschlagen wollte, folgt der Linie seiner Partei: Wirtschaftliche
       Interessen stehen im Vordergrund, „kritische Themen“ werden hinter
       verschlossenen Türen besprochen. Dass diese Strategie der „verschlossenen
       Türen“ erfolgreicher ist als die bisherige öffentlich vorgetragene Kritik,
       ist nicht erkennbar.
       
       [2][Mitte September ging die Polizei landesweit gegen
       LGBTQ+-Aktivist:innen] und ihre Organisationen vor, durchsuchte Räume,
       sperrte Konten und verhaftete nach Informationen der
       Friedrich-Ebert-Stiftung allein in Istanbul mehrere hundert Menschen. Mit
       seinem Besuch bei Erdoğan und der Betonung gemeinsamer Interessen
       vermittelt auch Wüst eher den Eindruck, dass dies zwar bedauerlich, aber
       nicht hinderlich sei. Für Erdoğan muss das ein Geschenk sein.
       
       30 Sep 2026
       
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