# taz.de -- Hendrik Wüst auf Sommertour: Reservekanzler auf Mondmission
> Hendrik Wüst gilt als möglicher Merz-Ersatz. Auf Sommertour zeigt sich
> der NRW-Ministerpräsident schon mal als Zukunftsmacher.
(IMG) Bild: Hendrik Wüst: Von der nachgebauten Mondlandschaft geht es auf der Sommertour weiter in den Hambacher Forst an die Abbruchkante des ehemaligen Braunkohlereviers
Einige Astronauten graben im Staub. Andere versuchen, mit Greifzangen
Gesteinsproben aufzuheben. Ihre weißen Anzüge leuchten im fahlen
Sonnenlicht. Sie tragen helle Stirnlampen. Sonst ist es dunkel.
Im [1][Mondsimulationszentrum „Luna“] am Deutschen Zentrum für Luft- und
Raumfahrt (DLR) testet ein niederländisches Unternehmen gerade Raumanzüge,
die es entwickelt hat. In der 700 Quadratmeter großen Halle ist eine
künstliche Mondlandschaft möglichst realistisch nachgebildet. 900 Tonnen
„Mondstaub“ liegen dort. Das Material stammt aus einem Steinbruch im
Rhein-Sieg-Kreis. Man hat es so bearbeitet, dass es dem spitzen, scharfen
Material auf dem Mond möglichst nahekommt.
Durch eine große Glasscheibe lässt sich das Geschehen in der Halle von oben
beobachten. Dort zählt der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik
Wüst (CDU) an diesem Donnerstagmittag auf, was er über „Luna“ weiß. Das
klingt ein bisschen streberhaft angesichts des Fachpersonals, das neben ihm
steht: die zuständige DLR-Vorständin Anke Pagels-Kerp und in den blauen
Overalls der ESA, der [2][European Space Agency], die beiden Astronauten
Alexander Gerst und Matthias Maurer. Gerst kann sich ein kleines Grinsen
nicht verkneifen.
Wüst ist auf Sommertour im Rheinland. Zwei Tage lang steuert er mit einem
Tross Journalist:innen die unterschiedlichsten Stationen an. Zwischen
der Einschulungsfeier an einer Grundschule in Köln-Mülheim und einem Besuch
des Aqua-Zoos in Düsseldorf stehen vor allem Orte auf dem Programm, an
denen Nordrhein-Westfalen mit neuen Technologien glänzen kann.
Dort kann Wüst dann Sätze sagen wie: „Der Weg ins All führt schon heute
über Nordrhein-Westfalen.“ Wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU)
das sieht, für den Raumfahrt bekanntlich eine ganz besondere Bedeutung hat,
bleibt an diesem Mittag unerwähnt.
## In NRW kann die CDU die AfD noch distanzieren
Sommerreisen von Ministerpräsidenten ziehen selten die überregionale Presse
aus der Hauptstadt an. Bei Wüst ist das in diesem Jahr anders. Der
51-Jährige ist so etwas wie der Kanzler in Reserve. [3][Immer wieder wird
sein Name genannt], wenn es darum geht, wer den extrem unbeliebten
Amtsinhaber Friedrich Merz ersetzen könnte.
Zu Beginn der Sommerpause schlugen die Wogen wieder hoch. Nach dem
Rücktritt von Jens Spahn als Vorsitzender der Unionsfraktion verlief eine
Regierungsumbildung alles andere als glücklich. „Merz kann es nicht“, war
halboffen und überraschend deutlich aus der Union zu vernehmen. Manche
Medien unkten bereits, es gehe nicht mehr darum, ob, sondern nur noch wann
Merz abgelöst werde.
Wüst regiert in Düsseldorf recht geräuschlos mit den Grünen. In Umfragen
liegt die CDU dort mit zuletzt 32 Prozent deutlich auf Platz eins und weit
vor der AfD. Im Bund sieht es ganz anders aus. Dort liegt die extrem rechte
Partei inzwischen vorn, und die CDU nähert sich der gefährlichen
20-Prozent-Grenze.
Wüst gilt als einer, der mit den Leuten kann, Nachweise dazu haben gerade
Lokalzeitungen überliefert, die von seinem Besuch im Wahlkampf in
Sachsen-Anhalt berichteten. Während Merz bei seinen zwei Besuchen den
Kontakt mit der Bevölkerung mied, ist Wüst auch in unangenehme Gespräche
gegangen. Eine Reise nach Polen im Mai wurde als Versuch gedeutet, sein
außenpolitisches Profil zu schärfen; danach hatten neue Gerüchte über seine
bundespolitischen Ambitionen die Runde gemacht.
## Große Worte am großen Braunkohleloch
Allerdings lässt sich ein Kanzler nicht einfach austauschen. Zudem wird im
kommenden Frühjahr in Nordrhein-Westfalen ein neuer Landtag gewählt.
Bislang spricht viel dafür, dass Wüst im Amt bestätigt und auch
parteiintern gestärkt aus der Wahl hervorgehen würde. Ein schnelle
Zuspitzung der Personalfrage, etwa nach den jetzt anstehenden
Landtagswahlen, dürfte also nicht unbedingt in seinem Sinne sein.
Doch darum geht es an diesem Nachmittag nicht. Wüst gibt den stolzen
Ministerpräsidenten. Von der nachgebauten Mondlandschaft geht es auf der
Sommertour weiter in den Hambacher Forst an die Abbruchkante des ehemaligen
Braunkohlereviers. Auch dieser Ort wirkt ein wenig außerirdisch. Das
riesige Loch ist bis zu 400 Meter tief. Es soll nach und nach geflutet und
zu einem Naherholungsgebiet umgestaltet werden. Dann wäre es der
zweitgrößte See Deutschlands.
Dort tritt Wüst gemeinsam mit der Deutschlandchefin von Microsoft auf. Das
US-Unternehmen will im Rheinischen Revier vier Rechenzentren bauen. Es sei
die größte Einzelinvestition, die ihr Unternehmen jemals in Deutschland
getätigt habe, sagt Agnes Heftberger. Ausschlaggebend für die Entscheidung
seien die verfügbare Fläche, die Nähe zu Forschungseinrichtungen und
Unternehmen sowie die Unterstützung von Land und Kommunen gewesen: „Wir
wollen da investieren, wo wir willkommen sind.“ Wüst kann hier sagen:
„Politik kann einen Unterschied machen.“ Und den schönen Claim „Von der
Kohle zu KI“ loswerden.
Im Forschungszentrum Jülich weiht der Ministerpräsident gemeinsam mit
Wissenschaftsministerin Ina Brandes (CDU) einen neuen Quantencomputer ein.
Gemeinsam mit den Fachleuten vor Ort geben beide außerdem den Startschuss
dafür, dass Jion, wie das Gerät heißt, mit dem bereits laufenden
Supercomputer Jupiter verbunden wird. Laut Expert:innen ist das ein
riesiger Schritt. Wie das genau funktioniert, ist für Laien schwer
nachzuvollziehen. Wüst tut gar nicht erst so, als könne er das. „Wenn zwei
großartige Dinge zusammengeschaltet werden, dann ist das doppelt
großartig“, sagt er und hat die Lacher auf seiner Seite. Dass er außerdem
zwei neue Förderbescheide übergeben kann, kommt natürlich auch gut an.
Am Mittag hatte Astronaut Gerst im Mondsimulationszentrum auf die Frage
einer Journalistin und mit Verweis auf die von Wüst vorgetragenen Fakten
über „Luna“ verschmitzt gesagt, der Ministerpräsident habe womöglich auch
das Zeug für die Raumfahrt. Wüst winkte jedoch ab. „Ich fühle mich auf der
Erde ganz wohl“, sagt er, obwohl er nicht sicher sei, dass es nicht auch
Leute gebe, die ihn gern zum Mond schießen würden. Die Vermutung liegt
nahe, dass er damit andere Christdemokratinnen und Christdemokraten meint.
Und womöglich sitzt einer davon im Kanzleramt.
4 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Sabine am Orde
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