# taz.de -- Wüst auf Erdoğan-Besuch: NRW-Chef auf Kanzlerprobefahrt
> Überraschend besucht Hendrik Wüst (CDU) den türkischen Präsidenten
> Erdoğan. Dort würdigt er den Beitrag türkischer Migranten in der
> Bundesrepublik.
(IMG) Bild: Alles glänzt: Hendrik Wüst zu Besuch beim türkischen Präsidenten Erdogan im Präsidentenpalast am 28.09.2026
taz | Erwartungsmanagement beherrscht Hendrik Wüst schon mal ganz gut: Die
Latte niedrig hängen, um höher zu springen. Der nordrhein-westfälische
CDU-Ministerpräsident reiste am Montag mit einer Wirtschafts- und
Pressedelegation zu einem Besuch in die Türkei. Und wurde bei seinem ersten
Besuch in Ankara gleich von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan empfangen.
Das Treffen dauerte rund 90 Minuten. Erdoğan sei sehr interessiert an der
innenpolitischen Lage in Deutschland und an den jüngsten Wahlergebnissen,
berichtete Wüst im Anschluss. „Insofern habe ich mich sehr darüber gefreut
und war dankbar für den Austausch.“
Das war ein überraschendes Upgrade für den Besuch eines Provinzfürsten. Im
Vorfeld hatte die Staatskanzlei nur bekanntgegeben, dass Wüst in Ankara und
Istanbul Wirtschaftsvertreter, einen Fußballer und möglicherweise einen
oder zwei Politiker trifft.
„Zum ersten Mal ist ein Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens im Amt in
der Türkei. Und es ist höchste Zeit, dass eine solche Reise stattfindet“,
so Wüst. Offizieller Anlass der Reise ist der 65. Jahrestag des
Arbeitskräfteanwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei.
Es war nicht das erste Mal, dass Erdogan den Ministerpräsidenten eines
deutschen Bundeslandes empfing – 2014 war Niedersachsens SPD-Landeschef
Stephan Weil zu Gast in Ankara, allerdings in seiner Funktion als
Bundesratspräsident, dem protokollarisch vierthöchsten Amt im Staat.
## Migrant:innen als Chance
Wüst, der auch als [1][potenzieller Nachfolger der aktuellen Nummer drei in
Deutschland, Kanzler Friedrich Merz], gehandelt wird, sieht seinen Besuch
indes völlig im Einklang mit seinen Aufgaben als Landeschef.
Nordrhein-Westfalen und die Türkei verbinde eine besondere Beziehung, rund
eine Million Menschen mit türkischen Wurzeln lebten in NRW. „Diese Menschen
haben in den Bergwerken geschuftet, um das wirtschaftlich wachsende
Deutschland mit Energie zu versorgen, haben in Stahlwerken gearbeitet, in
Textilfirmen, im Straßenbau. Und ihre Kinder, Enkel und Urenkel sind heute
Nordrhein-Westfälinnen und Westfalen“, lobte Wüst.
Und kritisierte zugleich indirekt Teile seiner eigenen Partei. Man habe
diese Menschen viel zu lange von ihren Defiziten und als Herausforderung
betrachtet und nicht als Chance gesehen. „Viele gut ausgebildete junge
Leute, die beide Kulturen kennen, oft beide Sprachen als Muttersprache
beherrschen – wenn das keine Chance ist“, betonte Wüst und setzte dabei
einen anderen Akzent als Merz, der als Kanzler „von Problemen im Stadtbild“
und „kleinen Paschas“ gesprochen hatte.
Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Düsseldorf und Ankara standen im
Mittelpunkt des Gesprächs zwischen Erdoğan und Wüst. Das gegenseitige
Handelsvolumen betrage 11 Milliarden Euro, das drittgrößte außerhalb der EU
nach den USA und China, wie Wüst nicht unbescheiden einordnete. „Aber da
kann man natürlich auch mehr draus machen.“ So sollte etwa die gegenseitige
Kooperation bei Rüstungsprojekten vertieft werden.
Auch über eine Reform der Zollunion zwischen der EU und der Türkei habe man
gesprochen. Beide Seiten verhandeln gerade. Das klingt eher nicht nach
Landespolitik, sondern nach Außenpolitik, eine Ebene höher.
## Bei Menschenrechten bleibt Wüst vage
Auch „schwierige Dinge“ seien im Gespräch mit Erdoğan angesprochen worden,
berichtete Wüst. Auf die Nachfrage, wie er die innenpolitische Lage in der
Türkei beurteile und ob er auch die Vertreter der Opposition treffen werde,
antwortete er indes nur vage, man habe vertrauensvoll miteinander
gesprochen. Der aussichtsreichste Gegenkandidat für die
Präsidentschaftswahl im übernächsten Jahr, der [2][Istanbuler Bürgermeister
Ekrem İmamoğlu], wurde vor über einem Jahr unter fadenscheinigen Gründen
festgenommen und sitzt seitdem im Gefängnis.
Am Montagabend stand noch ein Treffen mit Investoren auf Wüsts Programm.
Für den Ausbau der Handelsbeziehungen ist zu viel offene Kritik offenbar
nicht dienlich.
28 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Anna Lehmann
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