# taz.de -- Gruppenvergewaltigung an US-Elite-Uni: Die Täter und die Mitwissenden
       
       > Als „Cornell 7“ sind die Studenten bekannt, die 2024 eine
       > Gruppenvergewaltigung begangen haben sollen. Sie sind nicht die Einzigen,
       > die sich schuldig gemacht haben.
       
 (IMG) Bild: Das Haus der Studentenverbindung „Chi Phi“ an der Cornell University
       
       In der Studentenverbindung Chi Phi werden Männer zu besseren Männern
       geformt. So steht es zumindest [1][auf ihrer Website]. Ihr lokaler Verband
       an der Eliteuniversität Cornell im Bundesstaat New York ist nun
       weltbekannt. Doch nicht wegen seiner guten Männer.
       
       Eine Gruppenvergewaltigung, die sich 2024 an der Uni zugetragen haben soll,
       wurde damals nie zur Anklage gebracht. Die Staatsanwaltschaft in Tompkins
       County, NY, startet nun eine neue Untersuchung – zwei Jahre nachdem die
       Betroffene Anzeige gegen die Uni, sieben mutmaßliche Täter und zwei
       Studentenverbindungen erstattet hatte.
       
       2024 sollen die internen Untersuchungen von Cornell damit abgeschlossen
       worden sein, dass zwei der mutmaßlichen Täter der Uni verwiesen wurden und
       die anderen lediglich einen Essay verfassen mussten, wie der Anwalt der
       Betroffenen gegenüber dem US-Sender CBS sagte. Die Uni dementiert diese
       Vorwürfe. Alle sieben Männer streiten außerdem ab, die Frau missbraucht zu
       haben.
       
       Erschreckend ist an dem Vorfall nicht nur die mutmaßliche Tat selbst.
       Sondern auch, wer alles davon wusste und sich weigerte zu handeln. In der
       Anklageschrift beschreibt die Klägerin, was in der Nacht geschah:
       
       Sieben Studenten der Verbindung „Chi Phi“ sollen die damals 20-Jährige über
       sieben Stunden in dem Verbindungshaus mehrfach vergewaltigt haben. Sie sei,
       als sie dort ankam, um einen Freund zu treffen, schon leicht betrunken
       gewesen, sei aber von den dort anwesenden Männern gedrängt worden sein,
       mehr zu trinken und Drogen zu konsumieren. Dabei soll es sich um Ketamin
       gehandelt haben.
       
       ## „I fucking love Chi Phi“
       
       Ketamin ist ein Betäubungsmittel, das in der Notfallmedizin als Narkose-
       oder Schmerzmittel verwendet wird. [2][Als Partydroge wirkt Ketamin]
       bewusstseinsverändernd: Es kann zu Halluzinationen kommen, verzerrter Raum-
       und Zeitwahrnehmung, gelindertem Schmerzgefühl bis hin zu außerkörperlichen
       Erfahrungen und Paralysen bei hohen Mengen. Täter nutzen Ketamin häufig als
       [3][K.-o.-Mittel], da es handlungsunfähig macht.
       
       Allein deswegen habe die Klägerin ihre Zustimmung nicht geben können, so
       die Anklageschrift. Um 1.42 Uhr in der Nacht soll einer der sieben
       Studenten, so zeigt es ein in der Schrift [4][angefügter Screenshot], eine
       Nachricht in den Gruppenchat der Verbindung geschrieben haben. Mit den
       Worten „free pussy“ habe er die 57 Mitglieder des Gruppenchats darauf
       aufmerksam gemacht, dass sie ebenfalls Sex mit der Klägerin haben können.
       „I fucking love Chi Phi“, antwortete ein anderer mutmaßlicher Täter.
       
       57 Männer wussten davon, dass sich eine Frau dort befindet. Und 57 Männer
       haben nicht gehandelt, sich nicht erkundigt, ob es ihr gut geht, ob sie das
       will. 57 Männer haben einander geschützt und kein Wort darüber verloren,
       dass das, was dort geschieht, womöglich nicht in Ordnung ist. 57 Männer
       haben die Tat nicht verhindert und sie vielleicht sogar erst möglich
       gemacht. 
       
       „Not all men“, sagen diejenigen, die es falsch finden, alle Männer
       gleichzusetzen. Und es stimmt, „nur“ 7 der 57 sollen Täter geworden sein.
       Doch was Frauen meinen, wenn sie verallgemeinernd von Männern als Gefahr
       sprechen, dann meinen sie auch die anderen 50. Diejenigen, die feierten,
       was dort passierte, auch wenn sie selbst nicht mitmachten. Und diejenigen,
       die mitlasen und schwiegen.
       
       ## Die unsichtbaren Männer
       
       Ein Mann, den Dominique Pelicot zu sich einlud, um [5][seine Frau zu
       vergewaltigen], fühlte sich unwohl, weil sie betäubt war, und verließ das
       Haus wieder. Auf die Idee, [6][Gisèle Pelicot] zu helfen, kam er nicht –
       bestimmt auch, weil er es als Risiko für sich sah, die Polizei zu
       verständigen.
       
       Auch all jene, die Dominique Pelicots Onlineanzeige lasen, die zum
       Missbrauch an seiner betäubten Frau einlud, handelten nicht. Es brauchte
       den Zufall, dass Dominique Pelicot dabei erwischt wurde, wie er Frauen
       unter den Rock fotografierte, um einen der größten Vergewaltigungsfälle
       unserer Zeit aufzudecken.
       
       Auch im Fall der Cornell 7 war [7][auf die mitwissenden Männer kein
       Verlass]. Die, die im Chi-Phi-Gruppenchat mitlasen, doch das Zimmer, in dem
       sich die Studentin befand, nicht betraten, werden nie Konsequenzen dafür
       erleben, was sie mutmaßlich haben geschehen lassen. Sie werden Familien
       gründen, Töchter haben, Freundschaften pflegen, sich vielleicht sogar als
       Feministen inszenieren.
       
       Ihre Mitschuld werden sie nicht aufarbeiten. Genau wie alle anderen Männer,
       die auch jetzt unter uns leben – in unseren Freundeskreisen, in
       Sportvereinen, bei unserer Arbeit, in unseren Familien: die unsichtbaren
       Männer, die Mittäter sind, weil sie geschwiegen haben.
       
       30 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://chiphi.org/
 (DIR) [2] /Suechtig-nach-Ketamin/!5998069
 (DIR) [3] /Forschende-ueber-K-o-Tropfen/!6165926
 (DIR) [4] https://www.instagram.com/p/DddASe6jcRi/?img_index=4
 (DIR) [5] /Urteil-im-Pelicot-Prozess/!6052764
 (DIR) [6] /Memoiren-von-Gisele-Pelicot/!6155045
 (DIR) [7] /Depardieu-Prozess/!6075983
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Valérie Catil
       
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