# taz.de -- Russell Brand vor Gericht: Glaubwürdigkeit vs. Vergewaltigung
> Sechs Frauen klagen den Comedian Russell Brand wegen sexualisierter
> Gewalt an. Im Kreuzverhör wird mal wieder ihre Glaubwürdigkeit infrage
> gestellt.
(IMG) Bild: Vor zwei Wochen startete der Prozess gegen den britischen Schauspieler Russell Brand, der vor Ort schweigt
In London steht seit Mitte Oktober der Comedian und Moderator Russell Brand
vor Gericht. Sechs Frauen werfen ihm schwere sexualisierte Straftaten,
unter anderem Vergewaltigung, vor. Es sind schwerwiegende Anklagepunkte,
denen sich Russell Brand stellen muss: Vergewaltigung in drei Fällen,
sexualisierte Gewalt in weiteren drei Fällen und sexuelle Belästigung in
einem Fall.
Der Prozess gegen den britischen Comedian, Schauspieler und Moderator
begann vor zwei Wochen in einem Londoner Strafgericht. Insgesamt sechs
Frauen, die sich nach eigenen Angaben untereinander nicht kennen, haben
seitdem gegen Brand ausgesagt. Die Zeug*innenvernehmung soll laut dem
zuständigen Richter diese Woche abgeschlossen sein.
Die Fälle sollen sich zwischen 1999 und 2009 zugetragen haben, einem
Zeitraum, in dem der britische Entertainer einem größeren Publikum bekannt
wurde. Anfang der 2000er Jahre arbeitete Brand zunächst als
Stand-up-Comedian und Moderator einer Sendung beim britischen Ableger des
Musikfernsehsenders MTV. Später moderierte er eine Radiosendung beim Sender
Xfm. Schon damals war er für sein provokantes Auftreten berüchtigt.
Beide Moderatorenjobs verlor er wieder – einmal, weil er kurz nach den
Terroranschlägen vom 11. September 2001 als Osama bin Laden verkleidet zur
Arbeit erschien, und zum zweiten Mal, weil er live in der Sendung
pornografische Inhalte vorlas. Der Karriere des heute 51-Jährigen tat das
aber keinen Abbruch. In den späten 2000er Jahren gelang Brand der
Durchbruch in die US-amerikanische Unterhaltungsbranche.
## Ein Schwurbler mit Karriere
Er moderierte die MTV Video Music Awards, spielte in mehreren Filmen mit
und schrieb eine gut verkaufte Autobiografie, in der er unter anderem seine
Heroinsucht thematisierte. Bei den Dreharbeiten zu der Komödie „Männertrip“
(2010, im Original: „Get Him to the Greek“) soll er die US-Musikerin Katy
Perry kennengelernt haben, mit der er 14 Monate verheiratet war.
Später wandte sich Brand der Spiritualität und den Verschwörungsideologien
zu. Während er noch in den 2000er Jahren in einer Kolumne für die britische
Zeitung Guardian positiv über die Hare-Krishna-Bewegung sprach, ließ er
sich 2024 von der britischen TV-Persönlichkeit Bear Grylls in der Londoner
Themse christlich taufen. Im Zuge der Coronapandemie publizierte er
vermehrt Videos auf seinem Youtube-Kanal. In einem davon bezeichnete er die
Impfkampagnen gegen das Virus als Teil einer „technokratischen,
globalistischen Agenda“, mit der die Weltbevölkerung kontrolliert werden
solle.
Im Zusammenhang mit dem Gerichtsprozess [1][zwischen Johnny Depp und Amber
Heard], in dem es auch um sexualisierte Gewalt ging, zitiert der Guardian
ihn aus einem seiner Videos folgendermaßen: „Menschliche Wesen sind
fehlerhaft und fehlbar und in der Regel – persönlich gesprochen, aus
persönlicher Erfahrung – laufe ich gerade in Momenten größter Intimität am
ehesten Gefahr, mich auf unschöne Art und Weise zu verhalten. Natürlich, so
hoffe ich, immer im Rahmen des Gesetzes […].“
Es ist nicht auszuschließen, dass Brands öffentliche Äußerungen aus dieser
Zeit zu einem späteren Zeitpunkt als Beweismittel in dem Prozess gegen ihn
vorgebracht werden. Zum Prozessauftakt waren zahlreiche Journalist*innen,
Kamerateams und Schaulustige vor Ort am Southwark Crown Court im Zentrum
der britischen Hauptstadt. Brand erschien vor Gericht während der knapp
zweiwöchigen Phase der Zeug*innenvernehmung in der Regel mit einer
kleineren Entourage, unter anderem bestehend aus seiner Frau Laura und
seinem Personenschützer.
## Kardinalverbrechen: Vergewaltigung
Gerichtsprozesse, in denen es um Kardinalverbrechen wie Mord oder
Vergewaltigung geht – sogenannte Crown Court Trials –, sind in
Großbritannien unter bestimmten Auflagen öffentlich zugänglich. Der
zuständige Richter untersagte zu Beginn des Prozesses unter anderem die
Namensnennung der Opfer. Der Fall erzeugte in den ersten Tagen ein großes
Medienecho in Großbritannien, viele Zeitungen berichteten über den Prozess
auf ihren Titelseiten.
Die erste Klägerin sagte aus, dass Brand sie 1999 im Nachgang zu einer
Veranstaltung der britischen Labour Party auf einem Hotelzimmer
vergewaltigt habe. Brand gab im Vorfeld des Prozesses ein vorbereitetes
Statement gegenüber der Polizei ab, in dem er erklärte, sich an ein solches
Vorkommnis nicht erinnern zu können und nie in „nicht-einvernehmliche
Aktivitäten“ involviert gewesen zu sein.
Wiederholt suggerierte Brands Verteidigung, dass einige der Anklagepunkte
von einer Dokumentation aus dem Jahr 2023 inspiriert sein könnten. Der Film
vom britischen Sender Channel 4, [2][„Dispatches – Russell Brand: In Plain
Sight“], thematisiert Brands Umgang mit Frauen. Auch darin wurden bereits
von verschiedenen Seiten Missbrauchsvorwürfe geäußert.
Eine weitere Zeugin sagte aus, dass sie sich von Brand „losreißen“ konnte,
als er sie in eine Toilettenkabine gezogen habe: „Er hat vermutlich
gemerkt, dass ich stärker bin, als er dachte.“ Der Fall ereignete sich
ihrer Schilderung nach im Jahr 2001, als die Klägerin als Rezeptionistin
bei MTV gearbeitet hatte.
## Glaubwürdigkeit der Klägerinnen angegriffen
Brands Verteidiger Ian Winter griff während des Kreuzverhörs wiederholt die
[3][Glaubwürdigkeit der Klägerinnen] an. Im Falle der MTV-Rezeptionistin
sagte er etwa: „Sie denken das jetzt, weil sie die Dokumentation gesehen
haben.“ Außerdem zielte er darauf ab, dass Brand „Bitte“ gesagt haben soll,
als er sie auf die Toilette zog, was Winter vor der Geschworenenjury als
„Einladung“ darstellte. Während des fast zweistündigen Kreuzverhörs, sah
sich Richter Justice Bennathan gezwungen, die Vernehmung mit einem „Shush!
Ich bin der Richter!“ ungewöhnlich drastisch zu unterbrechen.
Neben den mutmaßlich direkt Betroffenen traten vor Gericht mehrere weitere
Zeug*innen auf, welche die Schilderungen der Kläger*innen stützten. So
beschrieben etwa die Eltern der fünften Zeugin, dass sie ihre Tochter im
Nachgang zu einer mutmaßlichen analen Vergewaltigung seitens Brand „sehr
aufgebracht und unwohl“ wahrgenommen hätten. Zudem hätte die Klägerin
bereits im Jahr 2009 von einer „Vergewaltigung“ gesprochen, glaubte aber,
es sei zwecklos, sich bei der Polizei zu melden.
Während des gesamten Prozessverlaufs schwieg Brand und beantwortete keine
Fragen der Presse beim Betreten oder Verlassen des Gerichts. Fans oder
Unterstützer*innen waren nicht zu sehen. Ein Urteil wird frühestens
Ende November erwartet.
27 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Konstantin Nowotny
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