# taz.de -- Upskirting-Videos auf der Wiesn: Ein Recht aufs Oktoberfest
> ARD und BR decken den Verkauf sexualisierter Videos von Frauen auf dem
> Teufelsrad auf. Sofort beginnt das Victim blaming. Dabei ist klar, wo die
> Schuld liegt.
(IMG) Bild: Im September bekamen die Figuren des Teufelsrads mehr Kleidung aufgemalt
Seit 1908 ist das Teufelsrad eine Attraktion auf der Wiesn. Ein waagrechtes
Holzrad, das sich immer schneller um sich selbst dreht, sodass die Leute,
die drauf sitzen, irgendwann runterrutschen. Ein Moderator macht sich live
über ihre Versuche lustig, sich festzuhalten, während zusätzlich ein dickes
Seil vom Dach hängend über die Leute wischt, um sie runterzuschmeißen. Wer
es schafft, drauf zu bleiben, hat gewonnen.
Es ist eine Riesengaudi. Vor allem Kinder lieben das Teufelsrad, auch
Erwachsene haben Spaß. Auch Frauen. Auch Frauen in Dirndln, jener
traditionellen oder traditionell anmutenden bayerischen Tracht mit tiefem
Ausschnitt und manchmal auch kurzem Rocksaum. Wenn ich auf die Wiesn gehe,
dann oft im eigenen Dirndl, vorschriftsmäßig tief ausgeschnitten und mit
Rocksaum bis zur Wade. Oder in Jeans. Aber immer gehe ich hin, um Karussell
zu fahren.
[1][Natürlich bin ich sexuell belästigt worden], völlig egal, was ich
anhatte. Als Teenagerin noch mehr, weil ich mir etwa beim anfangs noch
netten Gespräch mit dem italienischen Touristen in der S-Bahn nichts
gedacht hatte. Aber auch als Frau in den Vierzigern werde ich im Gedränge
begrapscht.
Ob am Tag oder nachts im Dunkeln, ob im kurzen Rock oder im Daunenmantel,
ob auf der Wiesn oder in der eigenen Beziehung – es macht keinen
Unterschied, wo und wie: Männer belästigen, beleidigen, missbrauchen und
vergewaltigen Frauen.
## Missbrauch als Geschäftsmodell
Deshalb ist die [2][aktuelle Recherche von ARD und BR] über den
massenhaften Verkauf pornografisch manipulierter Videos von Frauen auf dem
Teufelsrad keine Überraschung. Unabhängig davon übrigens, was sie trugen.
Erstens sowieso und zweitens, weil die Frauen mittels künstlicher
Intelligenz einfach nackt gemacht wurden und in pornografischen Kontexten
dargestellt wurden.
Nicht überraschend, aber doch eine neue Qualität, wenn sexualisierter
Missbrauch 2.0 immer mehr zum lohnenden Geschäftsmodell wird. Und dennoch
winken noch immer viele Leute ab: Man wisse doch, dass das auf solchen
Veranstaltungen passiere. Das sei ja – leider, leider – nichts Neues. Und
letztlich müssten die Frauen, die sich ja freiwillig im Rock auf so ein Rad
begäben, ja auch in die Verantwortung genommen werden, nicht alle seien
Opfer.
In welcher Welt, frage ich mich, werden FLINTA* selbst dafür verantwortlich
gemacht, dass ohne ihr Wissen und Zutun manipulierte Bilder von ihnen
verbreitet werden? In welcher Welt meint man, die Kombination von Dirndl
und Karussell, von enger Jogginghose und Park, von Minirock und U-Bahn
spräche für sich? In welcher Montur dürfen wir uns denn wo und wann noch
bewegen, um uns nicht mitschuldig zu machen an der Ausbeutung und dem
massenhaften Missbrauch unserer Körper? Und wo endet diese
„Eigenverantwortung“?
Vor ein paar Jahren fuhr ich mit meiner kleinen Tochter Bahn. Drei
mitreisende Männer am Nebentisch scherzten mit dem Zugführer. Seinen Job
wolle er nicht haben, sagte der eine Fahrgast zum Schaffner. Was er denn
selbst mache, fragte dieser leutselig-kumpelhaft. Er zeigte zu uns rüber:
„Ich bin Zuhälter und die beiden da drüben sind meine.“
## Kein Kleidungsstück angemessen, kein Ort sicher
Mein Protest kam schnell und laut, aber nicht zu laut, weil ich meine
Tochter nicht beunruhigen wollte. Trotzdem blickte der Schaffner nur müde
rüber – und an uns vorbei. Wahrscheinlich war er nicht überrascht. Die
anderen Männer lachten.
Ich will nicht in einer Welt leben, in der ich meiner Tochter schon im
Kleinkindalter erklären muss, dass Männer ihre Körper missbrauchen wollen.
Es gibt keinen sicheren Ort und keine sichere Kleidung vor den kranken
Hirnen und der grenzenlosen Hybris von Vergewaltigern. Für kein Kind, keine
alte Frau, keine behinderte oder eingeschränkte Person, keine FLINTA*.
Ich möchte, dass meine Tochter in einer Welt aufwächst, in der sie Bahn
fahren, im Park joggen, im Minirock tanzen und im Dirndl Karussell fahren
kann, ohne sich Gedanken machen zu müssen, ob [3][irgendein triebhafter und
respektloser Dude] sie theoretisch fotografieren könnte.
Nicht nur die Scham muss die Seite wechseln, wie es Gisèle Pelicot und vor
ihr noch die Schriftstellerin Virginie Despentes gefordert haben – sondern
auch die Verantwortung.
29 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Digitale-sexualisierte-Gewalt/!6216961
(DIR) [2] https://www.br.de/nachrichten/bayern/oktoberfest-wer-hinter-voyeuristischen-teufelsrad-videos-steckt,VWVGYiF
(DIR) [3] /Digitale-Gewalt-in-Beziehungen/!6207734
## AUTOREN
(DIR) Sunny Riedel
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Mal hängt sie zu sehr an Traditionen, mal geht sie zu sehr mit der Zeit.