# taz.de -- Über die Arbeit mit Sexualstraftätern: „Für uns ist das auch ein neues Phänomen“
       
       > Am Berliner Landgericht wird der Fall von Frank S. verhandelt. Viola
       > Würffel ist Bewährungshelferin und spezialisiert auf die Arbeit mit
       > Sexualstraftätern.
       
 (IMG) Bild: Ein Angeklagter hält sich zum Beginn des Prozesstages im Kriminalgericht Moabit einen Aktenordner vors Gesicht
       
       taz: Frau Würffel, Sie arbeiten seit 20 Jahren mit Sexualstraftätern
       zusammen. Dass Männer Frauen betäuben und vergewaltigen, ist das für Sie
       neu? 
       
       Viola Würffel: Für uns ist das auch ein neues Phänomen. Aktuell betreuen
       wir einen Fall, bei dem es um chemische Unterwerfung geht. Ich gehe aber
       davon aus, dass es das schon immer gegeben hat. Wir haben einige Klienten,
       die Frauen vergewaltigt haben, die unter Einfluss von Alkohol oder Drogen
       standen. Möglicherweise wurden die Frauen aber auch abgefüllt oder gespikt.
       
       taz: Sie glauben also, dass die Erzählung bisher häufiger war, dass die
       Frau zu viel getrunken hat – eigentlich wurde ihr aber etwas untergemischt? 
       
       Würffel: Ich glaube, dass viele Fälle so verdeckt wurden. Das Dunkelfeld in
       diesem Bereich muss sehr viel höher sein. Erst durch den Fall von Gisèle
       Pelicot wurde chemische Unterwerfung bekannt. Dieser Fall hat einigen
       Frauen Mut gemacht, die vielleicht einen Verdacht hatten und jetzt
       Ermittlungen anstellen lassen.
       
       taz: Was sind das für Männer, mit denen Sie arbeiten? 
       
       Würffel: Was wir in dieser Tätergruppe sehen, ist, dass sie sich durch alle
       Schichten zieht, durch alle Berufe. Sexualstraftäter sind Lehrer, Anwälte,
       Polizisten, Arbeitslose und Handwerker. Wer Täter wird, hat mit dem
       Bildungsstand nicht viel zu tun. Bei den Internet-Tätern, die
       Missbrauchsabbildungen konsumieren, bemerken wir oft ein hohes Level an
       Einsamkeit. Sie haben keine Unterstützung, keine Sozialkontakte. Die Männer
       sitzen oft alleine zu Hause und verbringen viel Zeit vor dem Rechner.
       
       taz: Woran arbeiten Sie dann mit ihren Klienten? 
       
       Würffel: Kurz gesagt, Straftaten sind Strategien, um Bedürfnisse zu
       erfüllen. Deshalb versuchen wir mit unseren Klienten herauszufinden, welche
       Bedürfnisse durch die Tat erfüllt wurden. Das machen wir anhand von
       wissenschaftlichen Fragenkatalogen.
       
       taz: Welche Bedürfnisse könnten das im Fall von Frank S. gewesen sein? 
       
       Würffel: Bei ihm ging es um absolute Kontrolle, um Macht und Besitz, nehme
       ich an. Vielleicht auch um patriarchales Denken. Die Frau gehört mir, ich
       darf machen, was ich will, und sie kann sich nicht wehren. Wir fragen dann,
       was dahinter eigentlich für ein Bedürfnis steckt. Ist es
       Handlungsfähigkeit? Worum geht es da genau? Nehmen wir mal an, es wäre
       Handlungsfähigkeit, dann suchen wir nach Strategien, wie sich diese Person
       stattdessen handlungsfähig fühlen könnte.
       
       taz: In einigen Chatgruppen der Täter werden die Frauen auch extrem
       objektiviert und zum Beispiel als Autos bezeichnet. Da geht es also auch
       weniger um eine sexuelle Neigung, obwohl die Männer ihre Taten vor Gericht
       häufig so begründen. 
       
       Würffel: Ich kann mir auch vorstellen, dass es einfacher ist, zu sagen:
       „Ich finde es geil, wenn die Frau bewusstlos ist“, als zuzugeben, dass man
       sich dadurch mächtig fühlt und man seinen Besitzanspruch befriedigt. Das
       ist vermutlich viel schwieriger einzuräumen als zu sagen: Ich habe einen
       Fetisch.
       
       taz: Frank S. hat sich den Frauen gegenüber auch als Polizist ausgegeben
       oder als Hubschrauberpilot der Bundeswehr. Das passt auch ins Bild,
       Kontrolle ausüben zu wollen. 
       
       Würffel: Das höre ich nicht zum ersten Mal. Wir hatten schon mehrere
       Männer, die sich als Polizisten ausgegeben haben. Unsere Erfahrung ist,
       dass das oft mit fehlendem Selbstwert zu tun hat und sich die Männer
       dadurch ein Stück weit erhöhen. Jeder, der schon mal eine Uniform anhatte,
       weiß, dass man sich dadurch Autorität verschafft. Für uns ist das übrigens
       ein erschwerender Risikofaktor.
       
       taz: Wie meinen Sie das? 
       
       Es gibt ein Tool, das direkt auf die Tat guckt, der Tatbildrisikoscore. Den
       nutzen wir, um einzuschätzen, wie wahrscheinlich es ist, dass die Person
       wieder eine ähnliche Straftat begeht. Das Tool fragt zum Beispiel ab, ob es
       eine Planung gab oder es eine spontane Tat war. Wurde ein enges Verhältnis
       ausgenutzt? Wurde gezielt nach Opfern gesucht?
       
       taz: Frank S. hat seine Taten sehr akkurat geplant. Er hat sich die
       betäubenden Medikamente bestellt, hat Kameras installiert, um seine Taten
       zu filmen. Danach hat er die Videos nach Namen und Bezirken abgespeichert. 
       
       Würffel: Wenn jemand diese Schritte geht, erhöht es das Rückfallrisiko.
       Auch wenn etwas vorgetäuscht wird, wie dass man Polizist ist. Das kann man
       sich ja vorstellen, wie viel Energie da drinsteckt.
       
       taz: Wodurch stellen Sie sicher, dass Ihr Klient nicht wieder eine Straftat
       begeht? 
       
       Würffel: Ich sage jetzt nicht, dass wir es immer merken. Das tun wir nicht.
       Weil Leute machen, was sie wollen. Aber die Hoffnung ist schon, dass wir
       unsere Klienten gut kennen. Am Anfang treffen wir Absprachen mit den
       Männern und fragen, woran wir merken, dass es ihnen nicht gut geht. Das
       kann sein, dass sie wieder trinken, sie sich einen Laptop kaufen oder sich
       bei der Arbeit krankmelden. Das können Anzeichen sein, dass sie sich in
       einer Deliktspirale befinden. Wir können sie dann zu Hause besuchen oder
       die Kontaktfrequenz erweitern.
       
       taz: Gibt es einen Punkt, an dem das Risiko zu hoch ist und Sie die Polizei
       einschalten müssen? 
       
       Würffel: Ja, wenn wir zum Beispiel bei einem Missbrauchstäter erfahren,
       dass er eine neue Partnerin hat und ihr Kind das Geschlecht und Alter
       seiner Opfer hat. Dann bitten wir die Polizei um Mithilfe. Manchmal ist
       sowieso das LKA mit an Bord. Wenn nicht, würden wir die Polizei bitten, die
       Mutter zu informieren, wenn der Klient es nicht selber macht.
       
       taz: Gibt es etwas Ähnliches für Frauen, die eine Beziehung mit einem
       ehemaligen Sexualstraftäter eingehen? 
       
       Würffel: Nein, das ist bei Kindern viel klarer geregelt. Ich finde, bei
       Frauen kommt das viel zu kurz. Eigentlich müsste sie auch informiert
       werden, wenn sie ein Verhältnis mit einem Mann eingeht, der seine ehemalige
       Partnerin vergewaltigt hat.
       
       taz: Warum haben Sie sich dafür entschieden, sich auf Sexualstraftäter zu
       spezialisieren? 
       
       Würffel: Am Anfang ist es überwältigend, so über Sexualität zu sprechen.
       Aber die Arbeit macht unheimlich Spaß, weil die Klienten meistens
       mitmachen. Sie sind dankbar, endlich jemanden zu haben, mit dem sie über
       diese Problematiken sprechen können. Viele haben das ihr Leben lang
       verheimlicht. Und am Ende ist es auch Opferschutz, den wir leisten.
       
       15 Sep 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sophie Fichtner
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Der Fall Frank S.
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