# taz.de -- Berlin nach der Wahl: Mal was anderes
       
       > Gerade ist die Koalitionsfrage in Berlin Thema, aber Weichen werden auch
       > auf Bezirksebene gestellt. In Reinickendorf will die CDU mit der AfD
       > zusammenarbeiten.
       
 (IMG) Bild: Auch in Reinickendorf wird Politik gemacht
       
       Die ganze Republik schaut in diesen Tagen auf die Sondierungen zwischen
       Linken, Grünen und SPD in Berlin – und mischt sich immer wieder munter ein.
       Selbst Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) war sich nicht zu schade, die
       [1][Gespräche zwischen den drei Parteien] als „beispiellosen Vorgang“ zu
       bezeichnen und von SPD und Grünen zu verlangen, das Reden sofort zu
       unterlassen.
       
       Im Schatten des Schreckgespenstes eines links regierten Berlins gibt es
       aber einen anderen Vorgang, der sich das Attribut „beispiellos“ um einiges
       mehr verdient hätte. Denn in einigen Berliner Stadtbezirken biedert sich
       Merz’ CDU ohne jede Not der extrem rechten AfD an und stößt die Tür auf zu
       einer Zusammenarbeit in „Sachfragen“ und [2][bei der Besetzung von Posten].
       
       Berlins Bezirke sind gewissermaßen die Kommunen im Stadtstaat, jeder
       Einzelne davon ist so groß wie eine Großstadt. Wer dort das Sagen hat,
       [3][hat also durchaus Gewicht].
       
       Reinickendorf etwa, ein Bezirk im Berliner Norden, ist mit rund 260.000
       Einwohner*innen größer als Kiel, Braunschweig oder Chemnitz – und eine
       Hochburg der CDU. Die Christdemokraten mussten bei den Wahlen zum
       Bezirksparlament im September zwar deutliche Verluste hinnehmen, blieben
       aber stärkste Kraft. Gemeinsam mit SPD und Grünen hätten sie eine bequeme
       Mehrheit, um ihre Kandidat*innen für die Spitzenämter im Bezirk
       durchzubringen.
       
       Davon will der dortige CDU-Kreisverbandschef, der Bundestagsabgeordnete
       Marvin Schulz, aber nichts wissen – und [4][rollt der AfD den roten Teppich
       aus]. In einer Erklärung, hochtrabend mit „Reinickendorfer Kompass“
       überschrieben, heißt es, die CDU definiere sich „nicht über die Ablehnung
       anderer Parteien“. Man stimme „nicht automatisch gegen einen Antrag, nur
       weil er von einer bestimmten Partei kommt“.
       
       Was das wohl heißen mag? Auch wenn die AfD [5][in dem Papier] nicht
       namentlich erwähnt wird, wird deutlich, woher der Wind weht. In den
       vergangenen Jahren war die AfD auf Bezirksebene weitestgehend isoliert.
       
       ## Dauerhafter Schaden
       
       Aber Marvin Schulz will es jetzt eben mal „anders machen“, wie er sagt.
       Deshalb redet man sich den Dammbruch schön: „Sachbezogene Zustimmung ist
       etwas anderes als politische Zusammenarbeit“, schreibt die CDU und
       behauptet noch: Mit „politischen Extremen“ gebe es „keine Vereinbarungen
       zur dauerhaften Mehrheitsbildung“.
       
       Die braucht es aber auch gar nicht, um dauerhaften Schaden anzurichten.
       Denn zwischen den Zeilen geht aus der Erklärung hervor, dass die CDU
       durchaus bereit ist, einen AfD-Stadtrat zu wählen. Die Stadträte der
       Berliner Bezirke sind für fünf Jahre im Amt und führen zusammen mit dem
       Bezirksbürgermeister die Geschäfte.
       
       Was das bedeuten kann, zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Denn in
       mehreren Berliner Bezirken gab es schon mal AfD-Stadträte, darunter auch in
       Reinickendorf. Der damalige AfD-Amtsträger [6][verweigerte Geflüchteten den
       Zugang zu günstigen staatlichen Wohnungen]. Und Gelder für die
       Mieterberatung ließ er zunächst verfallen. Später zahlte er sie einem
       AfD-nahen Heimatverein.
       
       Angesichts solcher Erfahrungen weigerten sich die übrigen Parteien nach der
       darauffolgenden Wahl berlinweit fast ohne Ausnahme, AfD-Kandidat*innen in
       Ämter in den Bezirken zu wählen – auch wenn diese sich Dutzende Male zur
       Wahl stellten.
       
       Dass Marvin Schulz und seine Reinickendorfer CDU diese Strategie wieder
       über den Haufen werfen wollen, ist verantwortungslos und gefährlich. Wer
       der AfD in diesen Zeiten die Tür aufstößt und das auch noch zum politischen
       „Kompass“ erklärt, hat jede Orientierung verloren.
       
       17 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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