# taz.de -- Friedensnobelpreis 2026: Das Völkerrecht hat seinen Preis
> Der Friedensnobelpreis geht an Navi Pillay aus Südafrika. Ausgezeichnet
> wird eine herausragende Richterin und Figur des internationalen Rechts.
(IMG) Bild: Navi Pillay bei der Eröffnung der 50. Sitzung des UN-Menschenrechtsrats im Juni 2022 in Genf
Das Völkerrecht in Form eines Menschen ehren – dafür hat das
[1][Nobelpreiskomitee in Oslo mit Navi Pillay] eine würdige Verkörperung
gefunden. Mit ihrem „Mut“ und ihrer „Integrität“, ihrem Bekenntnis zum
Völkerrecht und ihrem „klaren moralischen Kompass“ habe die Südafrikanerin
eine gerechtere und friedlichere Welt vorangebracht, sagte das Komitee am
Freitag, als es Pillay den Friedensnobelpreis zusprach, und nannte sie
„eine der meistrespektierten internationalen Juristinnen unserer Zeit“.
Geboren 1941 als [2][Navanetham Naidoo] im südafrikanischen Durban – ihre
Großeltern waren als Vertragsarbeiter aus Indien auf Südafrikas
Zuckerrohrplantagen gebracht worden – wuchs Navi Pillay unter der Apartheid
auf, in der nur Weiße als vollwertige Menschen mit Rechten galten. „Das
prägt die eigene Wahrnehmung von Gerechtigkeit“, sagte sie vor wenigen
Jahren [3][in einem Interview]: „Meine Lebenserfahrung unter der Apartheid
hat mich darin geschult, Unrecht zu erkennen und meinen Werten treu zu
bleiben.“
Sie studierte Jura unter großen Widrigkeiten – Nichtweiße durften im
Südafrika der 1960er Jahre nicht einmal dieselben Bücher in die Hand nehmen
wie Weiße. Als Nichtweiße bekam sie keine Anstellung in einer Kanzlei, also
eröffnete sie 1967 ihre eigene. Sie verteidigte Opfer von Isolationshaft,
darunter ihren Ehemann, und setzte deren Recht auf Zugang zu Anwälten
durch, auch Insassen der Gefangeneninsel Robben Island wie Nelson Mandela.
Ein Stipendium brachte sie nach Harvard in den USA, sie wurde Südafrikas
erste nichtweiße Juradoktorandin. Nach dem Fall der Apartheid wurde sie
1995 Richterin und sofort auf Antrag von Präsident Mandela in das gerade
gegründete UN-Tribunal für Ruanda (ICTR) gewählt, das den Völkermord an den
Tutsi 1994 aufarbeitete. „In Südafrika passiert gegenwärtig so
Unglaubliches, da ist vieles möglich“, [4][sagte sie damals der taz] zu
ihrem Blitzaufstieg.
## Sie schrieb Rechtsgeschichte beim Ruandatribunal
Beim Ruandatribunal, dessen Präsidentin sie später wurde, schrieb Pillay
Rechtsgeschichte. Ihr [5][Urteil gegen Jean-Paul Akayesu] im Jahr 1998 war
nicht nur das erste Völkermordurteil gegen eine Einzelperson auf der Welt
überhaupt, sondern sie setzte damit Maßstäbe.
Es definierte auch erstmals Vergewaltigung als mögliche Völkermordhandlung.
In diesem Prozess veränderte sie gegen Widerstände die frauenfeindlichen
Verfahrensregeln, wonach eine Aussage eines einzelnen Vergewaltigungsopfers
erst von anderen bestätigt werden muss, um gewürdigt zu werden. Mehr Rechte
für Opferzeugen und die Förderung von Frauen im Justizwesen sind für Pillay
ein zentrales Anliegen geblieben.
2003 wechselte Pillay als Richterin an den damals neuen Internationalen
Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag – er behandelt Verbrechen gegen die
Menschlichkeit und Völkermord. 2008 bis 2014 war sie UN-Hochkommissarin für
Menschenrechte. Aktuell dient sie als Richterin auf Zeit am Internationalen
Gerichtshof (IGH) in Den Haag – er behandelt Rechtsstreit zwischen Staaten.
Sie ist mit der Klage Gambias gegen Myanmar wegen Völkermords an den
Rohingya befasst.
Unumstritten dürfte der Friedensnobelpreis für Pillay nicht sein. Denn von
2021 bis 2025 leitete sie die Untersuchungskommission des
UN-Menschenrechtsrats für die besetzten palästinensischen Gebiete, deren
[6][Abschlussbericht] Israel des Völkermords im Gazastreifen bezichtigt.
Verbündete der Netanjahu-Regierung, auch in Deutschland, haben Pillay als
Antisemitin beschimpft und boykottiert. Es ist zu befürchten, dass dieses
Lager zum Boykott der Preisverleihung im Dezember aufruft.
## Ein Fingerzeig für Trump
Das Komitee betont, der Preis für Pillay solle das Völkerrecht in einer
Zeit selektiver Anwendung und „beispiellosen Drucks“ stärken. Wenn „Richter
mit Sanktionen belegt, Institutionen bedroht“ werden – ein Hinweis auf
Trumps Feldzug gegen die Weltjustiz – brauche es „Menschen mit Mut,
Weitsicht und Entschlossenheit – Qualitäten, die Navi Pillay unter Beweis
stellt“. Denn: „Frieden braucht Recht. Die Welt ohne Recht ist ungerecht,
dumm und unmenschlich.“
Nur wenige Stunden nach der Verkündung der Preisträgerin verhängte die
Trump-Administration Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof.
Man werde Transaktionen mit dem Gericht untersagen, seine Ressourcen
abschneiden und seine Handlungsfähigkeit einschränken, teilte das
US-Außenministerium mit. Zuvor hatte es bereits Sanktionen gegen einzelne
Richter und Ankläger des Weltstrafgerichts mit Sitz in Den Haag gegeben.
Die 85-jährige Pillay wurde zuvor von der Preisverkündung ausgerechnet bei
einem Besuch des Nürnberger Justizpalastes überrascht, wo 1946 die
Nazi-Führung vor Gericht stand. „Ich hoffe, das ist kein Witz“, sagte sie.
Sie wundere sich, dass man sie nun für ihren „Mut“ lobe: „Wieso braucht es
Mut, um die Wahrheit zu sagen?“
9 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Friedensnobelpreis-2026/!6220231
(DIR) [2] https://en.wikipedia.org/wiki/Navi_Pillay
(DIR) [3] https://dgvn.de/meldung/ich-lebte-in-einem-land-wo-die-menschenrechte-nicht-fuer-alle-galten
(DIR) [4] /Ich-bin-eine-Frau-ich-bin-qualifiziert/!1492789
(DIR) [5] https://opil.ouplaw.com/display/10.1093/law:epil/9780199231690/law-9780199231690-e1688?p=emailAGKhrI0u1mQm.&d=/10.1093/law:epil/9780199231690/law-9780199231690-e1688
(DIR) [6] https://www.ohchr.org/sites/default/files/documents/hrbodies/hrcouncil/sessions-regular/session60/advance-version/a-hrc-60-crp-3.pdf
## AUTOREN
(DIR) Dominic Johnson
## TAGS
(DIR) Friedensnobelpreis
(DIR) Menschenrechte
(DIR) Völkerrecht
(DIR) Südafrika
(DIR) wochentaz
(DIR) GNS
(DIR) Nobelpreis
(DIR) Social-Auswahl
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Nachruf auf Dafroza Gauthier: Eine ruandische Kämpferin für Gerechtigkeit
Dafroza Mukarumongi-Gauthier brachte Verantwortliche für Ruandas Völkermord
an den Tutsi vor Gericht. Sie starb mit 72 Jahren.
(DIR) Rechtsprofessor Kai Ambos über Irankrieg: „Das Völkerrecht ist kein Wunschkonzert von Professoren“
Der Angriff der USA und Israel ist eindeutig völkerrechtswidrig, sagt Kai
Ambos. Das kann auch Merz in Schwierigkeiten bringen.
(DIR) Israels Krieg in Gaza: Was ist hier das Ziel?
Während israelische Bodentruppen in Gaza-Stadt vorrücken, beschuldigt eine
UN-Untersuchungskommission Israel des Völkermordes.