# taz.de -- Protestwelle in Frankreich: Eine Uni im Ausnahmezustand
       
       > Die Schülerproteste in Frankreich werden auch an den Universitäten
       > ausgetragen. Ein Bericht von der Sciences Po in Paris.
       
 (IMG) Bild: Sitzstreik-Protestcamp vor der Universität Sciences Po am 7. Oktober – über die Polizeiblockade hinweg werden Lebensmittel geworfen
       
       Wie fast alle Pariser Universitäten ist auch die Sciences Po geschlossen,
       seit Demonstrierende am 7. Oktober die Eingänge verbarrikadiert hatten. Die
       Mauer aus Mülltonnen und Fahrrädern wurde in Solidarität mit der
       landesweiten Protestwelle für mehr Investitionen in Bildung und bessere
       Lernbedingungen an den Schulen errichtet. Die Bewegung, die an diesem
       Samstag [1][in gewaltsamen Massenprotesten in vielen französischen
       Großstädten mündete], geht auch an den Universitäten nicht spurlos vorbei.
       
       Die Blockade vor der Sciences Po wurde noch am selben Tag von der Polizei
       aufgelöst. Dennoch bleibt die Universität geschlossen: „Die Sciences Po zu
       öffnen, wenn wir wissen, dass es wahrscheinlich zu Vorfällen kommt, wäre
       nicht verantwortungsvoll“, heißt es in einer E-Mail von Direktor Luis Vassy
       an die Studierendenschaft.
       
       Erst sollte die Schließung nur einen Tag dauern. Seither erhalten
       Studierende aber regelmäßig neue E-Mails, in denen der Zeitraum verlängert
       wird. Im Gegensatz zu anderen Hochschulen, wie etwa der Sorbonne, geht der
       Unterricht über Zoom weiter. Es herrscht Anwesenheitspflicht, und auch die
       anstehenden Prüfungen sollen wie geplant abgelegt werden. Studierende
       schalten sich also großteils zu den Vorlesungen dazu, anstatt dem
       Unterricht in Protest fernzubleiben.
       
       Im Unialltag ist die Protestwelle trotzdem präsent. „Man merkt schon, dass
       das gerade ein historischer Moment für Frankreich ist“, sagt Konsti,
       Masterstudent an der Sciences Po, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte.
       Die Proteste seien ständig Thema unter Studierenden, auch im
       Onlineunterricht werde darüber diskutiert. „Bisher habe ich noch mit
       niemandem gesprochen, der nicht wenigstens Verständnis für die Forderungen
       der Schüler:innen hat“, erzählt der Berliner.
       
       Am 17. Oktober fuhr Konsti Richtung Gare du Nord, um sich das Geschehen
       selbst anzuschauen. „Ich selbst habe nur einen friedlichen Protestzug
       gesehen, aber man konnte trotzdem irgendwie spüren, wie viel Frust und
       Bereitschaft zur Gewalt in der Luft lag“, sagt er. Als der Student dann am
       Abend die brennenden Autos beim Place de la République und die Plünderung
       der Geschäfte auf der Champs-Élysées in den sozialen Medien sah, habe ihn
       das sehr erschüttert. „Damit ist eine Protestbewegung, mit der sich anfangs
       viele solidarisieren konnten, jetzt für immer als gewaltsame Entgleisung
       abgestempelt.“
       
       ## Zwischen Tränengas und Zoom-Calls
       
       Wer lieber zu Hause bleibt, begegnet den Protesten spätestens beim Scrollen
       durch die sozialen Medien zwischen zwei Zoom-Calls. Dass ein Minderjähriger
       vergangene Woche sein Auge verloren hat, ein anderer seine Hand, haben alle
       mitbekommen. Auch die Bilder des 17. Oktober machen schon die Runde. Die
       französischen Vokabeln für Blockade, Demo und Schlagstock – blocus, manif,
       matraque – kennen an der Sciences Po mittlerweile auch alle ausländischen
       Studierenden.
       
       Vor allem [2][ein Instagram-Video des französischen Nachrichtenportals
       Brut] wurde vielfach in Gruppenchats zwischen Studierenden geteilt. Es
       zeigt, wie die Polizei während der Campusblockade am 7. Oktober mit
       Schlagstöcken brutal gegen Protestierende im Umfeld der Sciences Po
       vorgeht. Manu, Austauschstudent aus Montréal, war selbst vor Ort. Auch er
       möchte seinen Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen. „Ich unterstütze
       die Forderungen für bessere Bedingungen an den Lycées“, sagt er der taz.
       „Aber am Ende war es vor allem die Polizeigewalt, die ich online gesehen
       habe, die meine Solidarität geweckt hat.“
       
       Mit Freunden warf er also Sandwiches und Obst über die Polizei hinweg zu
       einer Sitzblockade aus Schüler:innen und Studis, wurde dann aber selbst
       im Gedränge gefangen und mit Tränengas getroffen. Die heftigsten
       Eskalationen habe er aber zum Glück verpasst, erzählt Manu, da war er schon
       für eine Zoom-Vorlesung zu Hause. Nachdem er von vielen Verhaftungen im
       Rahmen der Proteste hörte, habe er sich von den Demos am 17. Oktober aber
       lieber ferngehalten, um keine Probleme mit seinem Visum zu riskieren. Bei
       den Ausschreitungen wurden landesweit etwa 1.800 Menschen festgenommen.
       
       Wie normal Gewalt bei politischen Auseinandersetzungen in Frankreich ist –
       vonseiten der Protestierenden, vor allem aber durch die Polizei –,
       schockiert den Kanadier. Genauso geht es auch Konsti aus Berlin und vielen
       anderen Studierenden, die sich gerade in einem absurden Spagat zwischen
       Onlineunterricht und Straßenkämpfen wiederfinden. Nach dem Ende der
       Massenproteste vom 17. Oktober soll die Sciences Po am Montag wieder
       öffnen. Ob das störungsfrei verläuft, bleibt abzuwarten.
       
       18 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Krawalle-statt-Demos-in-Frankreich/!6222308
 (DIR) [2] https://www.instagram.com/reel/DeMNefEMfnq/?utm_source=ig_web_copy_link&exln=NTc4MTIwNjQ2YQ==
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jule Frank
       
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