# taz.de -- Schulblockaden in Berlin: Protest statt Physiktest
       
       > Die Berliner Schülerschaft blockierte am Freitag erneut zwei Schulen. Ein
       > Einblick in den Protest gegen Bildungskürzungen und Bundeswehr.
       
 (IMG) Bild: Die Blockade am Osteingang des Andreas-Gymnasiums
       
       Sieben Uhr morgens am Andreas-Gymnasium in Friedrichshain. In der
       Morgendämmerung des letzten Schultags vor den Ferien verbarrikadieren
       Schüler*innen die beiden Eingänge zum Schulgelände. Einige bringen
       Kabelbinder an den Schultoren an, andere verstärken die Barrikade mit
       Absperrzäunen.
       
       Zwei Mitarbeiterinnen der Schule telefonieren und schauen vom Schulhof aus
       perplex auf das, was hier passiert: Die Schüler*innen blockieren die
       Schule. „Wir stehen in [1][Solidarität mit den Schulblockaden in
       Frankreich]“, erklärt eine protestierende Schülerin und ergänzt: „Es geht
       aber auch um uns. Hier sieht es auch nicht besser aus“.
       
       Die Blockade am Freitag hat ein Bündnis aus Berliner Schulstreik-Komitees
       organisiert, vereint unter dem Banner „Schulstreik gegen die Wehrpflicht“.
       Vor Ort unterstützen sie einige Mitglieder der Linken, wie der neu gewählte
       Abgeordnete in Friedrichshain-Kreuzberg, Ekkehard Spiegel. Auch Mitglieder
       der Linksjugend-Organisation Solid, „Klasse gegen Klasse“ und der
       Bildungsgewerkschaft GEW sind vor Ort.
       
       Laut Polizei nehmen an der Blockade etwa 100 Personen teil, das
       Schulstreik-Komitee spricht von 200 Teilnehmer*innen. Die Polizei selbst
       ist anfangs mit 30 Beamt*innen angerückt, im Laufe des Tages kommen
       weitere 100 dazu.
       
       Am Osteingang der Schule präparieren am frühen Morgen einige
       Schüler*innen noch ihre Protestbanner. „Merz leck Eier“, „Solidarität
       mit Frankreich“ und einige politische Forderungen schreiben sie darauf.
       „Wir sind gegen die Sozialkürzungen und gegen die Kürzungen in der Bildung.
       So lassen wir uns nicht von der Regierung behandeln“, erklärt eine
       Sprecherin des Komitees. Gegen 7:30 Uhr treffen die ersten Polizeibeamten
       ein. Bis dahin steht die Blockade auf beiden Seiten bereits. Auf der
       Ostseite wird sie über vier Stunden bestehen bleiben.
       
       Um kurz vor acht treffen Lehrkräfte und viele verwirrte jüngere
       Schüler*innen ein. Die Freude unter ihnen ist groß, als sie erfahren,
       dass sie heute keinen Unterricht haben werden. Einige gehen auf den
       Spielplatz nebenan, andere schließen sich der Blockade an.
       
       Einige der Unbeteiligten blicken allerdings auch mit Skepsis darauf: „Wir
       schreiben gleich eigentlich einen Physiktest“, meint einer. Die politischen
       Forderungen unterstützt er trotzdem. Eine Lehrerin erklärt, dass sie es
       grundsätzlich positiv sehe, demokratische Demonstrationsrechte zu nutzen.
       Genauer äußern sich die Lehrkräfte jedoch nicht zum Protest.
       
       ## Der Bildungsetat schrumpft
       
       „Unsere Eltern und Großeltern sind nach Deutschland gekommen, mit der
       Hoffnung, ihren Kindern ein besseres Leben und eine bessere Bildung
       ermöglichen zu können“, erzählt eine Schülerin. Doch diese gute Bildung sei
       nicht mehr gesichert. [2][Während im kommenden Bundeshaushalt 109,7
       Milliarden Euro, also etwa ein Fünftel, in Aufrüstung fließen, verkleinert
       sich der Bildungsetat auf 15,48 Milliarden Euro]. Verglichen mit dem
       aktuellen Jahr schrumpfen die Ausgaben im Bereich „Bildung, Familie,
       Senioren, Frauen und Jugend“ um eine Milliarde.
       
       Im Laufe der Blockade verbarrikadieren sich die Demonstrant*innen am
       Osteingang mit Mülltonnen aus der Nachbarschaft. Laut Polizei wird eine
       Anwohnerin bei der Entwendung der Tonnen verletzt. „Sie stand im Weg und
       ist dann getroffen worden“, erklärt Polizei-Sprecher Florian Nath.
       
       Das Schulstreik-Komitee dementiert das nicht, gibt aber an, dass kein
       Interesse daran bestehe, anderen Personen zu schaden. Die Polizei ermittelt
       darüber hinaus wegen „tätlichem Angriff auf Polizeibeamte“ und
       „Landfriedensbruch“ gegen 60 Personen, die an der Versammlung teilgenommen
       haben. In einem Video zu dem „tätlichen Angriff“ scheint die Eskalation
       allerdings auch von der Polizei auszugehen.
       
       ## Kritik von Kai Wegner
       
       Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) kritisiert die
       Schulblockaden: „Friedlicher Protest und freie Meinungsäußerung gehören zur
       Demokratie. Wer aber Schülerinnen und Schüler daran hindert, ihre Schule zu
       betreten, und gezielt die Konfrontation mit der Polizei sucht,
       überschreitet eine klare Grenze.“
       
       Gegen 13 Uhr endet die Blockade. Vorangegangen ist eine Einigung der
       streikenden Schülerschaft mit der Polizei, dass der Protest nicht
       kriminalisiert wird, wenn die Blockade freiwillig aufgelöst und als
       Demonstrationszug fortgesetzt wird.
       
       Die demonstrierenden Schüler*innen wirken wirtschaftlich und
       internationalistisch politisiert. Sie solidarisieren sich mit den Protesten
       in Frankreich, den Unterdrückten in Palästina und der kurdisch geprägten
       Region Rojava in Syrien. Viele tragen palästinensische oder kurdische
       Kufiyas. In ihren Parolen [3][kritisieren sie deutsche Waffenlieferungen an
       die Türkei], die Rojava über Jahre hinweg völkerrechtswidrig angegriffen
       hat, und fordern: „Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft“,
       [4][„Free Palestine], free Kurdistan“ und: „One solution: Revolution.“
       
       ## Weitere Blockade wohl vereitelt
       
       In Solidarität mit den Schulstreiks in Frankreich hatten Schüler*innen
       bereits am Montag das Französische Gymnasium in Tiergarten blockiert. Am
       Mittwoch schloss sich die Hamburger Max-Brauer-Schule der Bewegung an. Am
       Freitag blockieren Schüler*innen neben dem Andreas-Gymnasium außerdem
       das Leibniz-Gymnasium im Bergmannkiez, wie der Tagesspiegel berichtet.
       
       Laut Aussagen des Streikkomitees soll auch am Französischen Gymnasium eine
       weitere Blockade geplant gewesen sein, diese sei jedoch abgesagt worden.
       Vor Ort standen bereits ab 6:30 Uhr zwei Einsatzwagen der Polizei – laut
       den Aktivist*innen einer der Gründe, warum keine Blockade zustande kam.
       Polizei-Pressesprecher Nath hält die Anwesenheit der Polizei vor dem
       Gymnasium für unwahrscheinlich. Fotos von taz-Autoren belegen die Präsenz
       allerdings.
       
       16 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Schulproteste-in-Frankreich/!6216569
 (DIR) [2] /Haushalt-ohne-Perspektiven/!6212238
 (DIR) [3] /Waffenexporte-an-die-Tuerkei-und-Israel/!6057480
 (DIR) [4] /Schwerpunkt-Nahost-Konflikt/!t5007999
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Malte Steinmüller
 (DIR) Lilly Mayer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Blockade
 (DIR) Schule
 (DIR) Schulstreik
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Proteste von Schüler:innen: Der Schulklassen-Kampf
       
       Deutsche und französische Schüler:innen demonstrieren in Solidarität mit
       den französischen Protesten. Im November ist ein europäischer Aktionstag
       geplant.
       
 (DIR) Nächste Protestaktionen in Frankreich: Nur Trostpreise für die Jugendlichen
       
       Erneut haben in Frankreich Zehntausende Jugendliche zusammen mit
       Studierenden und Gewerkschaften demonstriert. Die Bewegung bekommt Besuch
       aus Schweden.
       
 (DIR) Schulproteste in Berlin: Solidarität über Grenzen hinweg
       
       Schüler:innen des Französischen Gymnasiums protestieren gegen
       Stellenstreichungen an Frankreichs Schulen und fordern auch in Berlin mehr
       Geld für Bildung.
       
 (DIR) Schulproteste in Frankreich: Schließt euch an!
       
       In Frankreich protestierten in den letzten Tagen fast eine halbe Million
       Menschen. Deutschland sollte sich davon inspirieren lassen.