# taz.de -- Gesegnete Haustiere: Feuchte Grüße vom heiligen Franz
> Jedes Jahr werden vor der katholischen Hauptkirche von Osnabrück
> Haustiere mit Weihwasser besprengt. Die Tiere selbst finden das nur so
> mittel.
(IMG) Bild: Vom Golden Retriever bis zum Dackel: Tiersegnung vor dem Dom in Osnabrück
Der silberne Weihwasserkessel ist riesig. Enthielte er Bowle oder Sangria,
könnte sich aus ihm eine ganze Party betrinken. Als Diakon Carsten Lehmann
ihn in Talar und Chorrock aus dem Osnabrücker Dom ins Freie trägt, glitzert
er magisch in der Sonne.
Es ist Samstag, kurz vor 11 Uhr. Aus der Kirche schwillt hymnische
Orgelmusik, vor dem Hauptportal zelebriert ein Akkordeonist inbrünstig das
ebenso hymnische Antifa-Partisanenlied „Bella ciao“.
Dazu wird gebellt, gekläfft und gejault, gewinselt, gefiept und geknurrt.
Denn wer hier gleich gesegnet wird, im Namen des [1][heiligen Franz von
Assisi], etwas verspätet zum Welttierschutztag, hat Fell und vier Beine:
Rund 40 Hunde warten im Halbkreis vor der Kirche, zerren, liegen und kauen
an den Leinen ihrer BesitzerInnen.
Theoretisch könnten auch andere Haustiere hier sein, Vogelspinnen, Ratten
oder Goldfische. Oder Haustier-Stellvertreter in Foto- oder Plüschform.
Aber heute sind sie nicht gekommen. Nur Hunde, Hunde, Hunde, vom Golden
Retriever bis zum Dackel. Einige mit Wärmedeckchen, andere mit Halstuch.
Einige nervös, andere schläfrig.
## Genau zum Glockenschlag
Segner Lehmann sieht zur Turmuhr hoch. Keine Feuerwehrhallen diesmal also,
keine Erntebestände, keine Boote, keine Schulen: Haustiere. Der Diakon
nickt, hängt sich die Stola um und tritt ans Mikro, genau zum
Glockenschlag. Unter seinem Talar schauen mattgrüne Turnschuhe hervor.
Dann sagt er, dass wir jetzt alle Teil eines Gottesdienstes sind. Lobt das
Wetter, dass dieses Jahr besser ist als letztes, als die Segnung in den
Kreuzgang flüchten musste. Erzählt von Franz von Assisi, dem Schutzpatron
der Tiere, der angeblich vor allem mit den Vögeln sprach. Dabei erweist
sich der Diakon als Realist: „Ich halte das für ein Gerücht!“
Bibellesung: „Und Gott sah, dass es gut war …“ Gemeinsames Vaterunser, zu
dem viele die Hände falten. Fürbitte, ausdrücklich auch für alle
Tierschützer. Dann wird es herzig. Lehmann geht von Tier zu Tier. Sein
Weihwedel sprüht. Viele Hunde scheuen, schütteln sich. Offenbar wissen sie
nicht, welch Heil ihnen hier gerade zuteil wird. Einige versuchen aber
auch, aus dem silbernen Kessel zu trinken.
Lehmann setzt auf Wohlfühlstimmung. Fragt, scherzt. Erzählt zwischendrin
eine Anekdote, die halb im Gebell untergeht. Irgendwas über einen Hund und
eine Madonna. Auf jeden Fall gibt es Lacher.
Für ihn begleitet hier jeder jeden: das Tier den Menschen. Und der Mensch
das Tier. Auch ein paar Menschen ohne Tiere lassen sich segnen. Lehmann
sagt an diesem Vormittag Sachen wie: „Der Herr sei mit euch!“ „Der Segen
Gottes, der uns immer wieder ganz nah auf die Pelle rückt!“ Kirche light,
sozusagen.
## Wütend auf die Osnabrücker
Das seltsamste Tier des Tages, das zwitterhafte Sagenwesen „Löwenpudel“,
das nur wenige Schritte vom Geschehen entfernt steht, bekommt keinen Segen
ab. Es ist aus Sandstein. Angeblich war Karl der Große wütend auf die
Osnabrücker, die mit dem sächsischen Herzog Widukund seinen Gegenspieler
unterstützten. Er hatte darum geschworen, die Stadt zu strafen, indem er
das erste Lebewesen, das ihm aus ihr entgegenkäme, den Kopf abschlagen
würde.
Ausgerechnet seine Schwester sei ihm entgegengekommen, so die Geschichte.
Gottlob sei ihr dann ihr Lieblingshund vorausgesprungen. Er starb an ihrer
Stelle.
Zur Segnung durch den Diakon werden die Hunde von Kleinkindern begleitet,
von alternativ wirkenden Jugendlichen, von konservativen älteren Paaren –
ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Einige schmunzeln ein bisschen.
Manche lächeln verzückt. Nebendran wirbt Plan International zum
Weltmädchentag mit dem Slogan: „Lasst uns gemeinsam laut sein!“ Es ist ganz
leise an ihrem Stand. Gegen die Hunde anzukommen wäre auch schwer.
Um 11.25 Uhr ist alles vorbei. Die einzigen Tiere, die noch bleiben, liegen
in den Fritteusen eines Verkaufswagens für Backfisch, gleich neben dem
Nordwestturm des Doms. Jeder Segen für sie wäre vergeblich.
17 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Harff-Peter Schönherr
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