# taz.de -- Initiatorin über Festival zu Einsamkeit: „Es lohnt sich, Utopien zu entwickeln“
> Das Superzart*-Festival im Deutschen Schauspielhaus sucht nach Wegen aus
> der gesellschaftlichen Einsamkeit. Binäres Denken müsse überwunden
> werden.
(IMG) Bild: Noch ist es ein bisschen utopisch: Patriarchat entwaffnen
taz: Vergangenes Jahr hat das Superzart*-Festival dem Patriarchat den Kampf
angesagt, dieses Jahr der Einsamkeit. Wieso haben Sie jetzt dieses Thema
gewählt?
Insina Lüschen: Ich glaube, es ist eine gute Fortführung. Dem Patriarchat
den superzärtlichen Kampf anzusagen, hängt ja auch damit zusammen, wie wir
Gesellschaft strukturiert haben. In einer Weise, die uns in die
Vereinzelung, in die Einsamkeit führt. Neuere Studien und Zahlen der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigen, wie bedrohlich diese Einsamkeit
gesundheitlich und psychisch ist, dass sie als Pandemie wahrgenommen wird.
Wir würden vermutlich alle sagen, nicht einsam sein zu wollen. Und doch
passiert es uns, weil man sich der Einsamkeit strukturell kaum entziehen
kann.
taz: Wo genau in der gesellschaftlichen Struktur sehen Sie Gründe für die
massive Einsamkeit?
Lüschen: Im binären Denken eigentlich. Die Welt ist einfach mehr als
ja/nein, schwarz/weiß, wir/ihr oder Mann/Frau.
taz: Und das wirkt ausschließend?
Lüschen: Ja, binäres Denken wird der Komplexität von Gesellschaft einfach
nicht gerecht. Zum Beispiel in der absoluten Ausrichtung auf Kernfamilien,
denen sich alles unterzuordnen hat. Wir haben Strukturen, die auf
romantischer Liebe beruhen. Und das kann klappen. Aber die
Wahrscheinlichkeit, dass uns das aus der Einsamkeit führt, ist gering.
taz: Wer ist besonders von Einsamkeit betroffen?
Lüschen: Letztendlich alle gesellschaftlichen Gruppen. Wir haben eine
riesige Einsamkeit unter Müttern. Auch Kinder sind betroffen, auf eine ganz
andere Weise. Bei marginalisierten Gruppen, die von Rassismus, Queer- oder
Behindertenfeindlichkeit betroffen sind, ist Einsamkeit natürlich immer
noch ein größerer Faktor.
taz: Was können wir dagegen tun?
Lüschen: Wenn wir ins Verbündetsein kommen wollen, müssen wir sagen:
Solange auch nur eine einzelne Person in der Gesellschaft nicht frei von
Diskriminierung oder Einsamkeit ist, betrifft es uns alle. Wir haben alle
die Verantwortung, dem zu begegnen. Und ich glaube, es lohnt sich, da
Utopien zu entwickeln und auch wirklich auszugestalten.
taz: Utopien wollen Sie nun auch mit dem Superzart* entwickeln. Wie sieht
das aus?
Lüschen: Wir versuchen, so konkret wie möglich zu überlegen, wie eine Welt
ohne [1][Patriarchat], ohne [2][Einsamkeit], mit einer Umverteilung auf der
kapitalistischen Ebene, aussehen kann. Denn in dem Konkreten liegt die
Möglichkeit, den Weg dorthin leichter zu finden, als wenn unbewusst bleibt,
wo man überhaupt hinwill.
taz: Inwieweit ist eine künstlerische Herangehensweise sinnvoll, um Utopien
zu konkretisieren?
Lüschen: Es geht auch um das Erleben. Man kann ganz toll darüber sprechen,
wie sich Einsamkeit manifestiert. Aber was Kunst ja kann, ist, einen
emotionalen Zugang schaffen. Wir lernen besser, wenn wir etwas wirklich
erleben und mit einem Gefühl verknüpfen. Zu sehen: Wir sind eigentlich
nicht alleine. Dieses Gefühl kann uns mehr Kraft geben, füreinander
einzustehen.
taz: Wo sehen Sie derzeit Möglichkeiten, Strukturen für ein Zusammenleben
wider die Einsamkeit zu etablieren?
Lüschen: Vor allem geht es um den gedanklichen Ansatz. Was lasse ich
überhaupt zu oder was ist in Ordnung? Konkret [3][wollte ja zum Beispiel
die Ampelregierung Verantwortungsgemeinschaften ermöglichen], in denen man
mit mehreren Personen Erziehungs- und Sorgearbeit leisten kann. Das in ein
Gesetz mit rechtlicher Anerkennung und Absicherung zu gießen, wäre auf
struktureller Ebene ein Weg für Utopien gewesen. Ist nicht gekommen und
momentan auch nicht in Sicht.
taz: Die Möglichkeiten für [4][utopische Projekte] scheinen derzeit auf Eis
gelegt.
Lüschen: Aber gerade, weil es so wenig in Sicht ist, brauchen wir umso mehr
Visionen und vor allem mehr Sehnsucht. Ich glaube daran, dass wir unsere
Sehnsucht schüren sollten nach dieser Welt, in der wir gerechter,
selbstbestimmter und freier sein können. Es werden nie alle Widerstände aus
dem Weg geräumt sein. Aber der Umkehrschluss wäre, aufzugeben. Das mag ich
nicht denken und will ich nicht zulassen. Je bedrohlicher es von außen
wird, desto näher müssen wir zusammenrücken.
15 Oct 2026
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