# taz.de -- Reform der Pflegeversicherung: Regierung schickt Frauen mit Vollgas in die Armut
> Töchter, Ehefrauen, Mütter, Schwestern: Wer Angehörige zu Hause pflegt,
> war schon immer kurz vorm Burn-out. Jetzt erst recht.
(IMG) Bild: Was, Herr Linnemann, machen Sie mit Ihrem schwerst mehrfach behinderten Kind, wenn die Schule zu hat?
„Verhinderungswiebitte?“, fragen meine Kolleg*innen, als sie hören, dass
ich wütend bin. „Schreib das doch mal auf!“ Ich glaube, sie hoffen, dass
ich ihnen erkläre, was das ist, Verhinderungspflege. Deshalb hier mal ein
paar Basics für alle, die das Glück haben, dass ihnen das sogenannte
[1][Pflegeneuordnungsgesetz] noch eine Weile ein bisschen wurscht sein
kann.
Etwa sechs Millionen Menschen in Deutschland sind derzeit pflegebedürftig,
die Kurve geht so steil nach oben wie das Milliardendefizit der
Pflegekassen. Also muss gespart, Pardon, „neu geordnet“ werden. Da rund
vier von fünf Pflegebedürftigen in Deutschland zu Hause versorgt werden,
heißt das: [2][Es trifft diejenigen, die pflegen]. Also in den allermeisten
Fällen die Töchter, Ehefrauen, Mütter, Schwestern.
Diese Frauen sind der größte – und billigste – Pflegedienst unseres Landes.
Nicht wenige von ihnen schlittern mit Vollgas in die Altersarmut, weil
Lohnarbeit in ihrem Familienalltag schlicht unmöglich ist. Schließlich kann
daheim jeden Moment jemand aus dem Bett fallen oder umkippen oder aufhören
zu atmen.
Viel zu viele von ihnen sind sozial isoliert, kurz vorm oder mitten im
Burn-out. Sie stützen, wickeln, lagern und füttern trotzdem weiter. Wenn
andere ins Kino gehen – oder auch auf Demos, um sich für das einzusetzen,
was ihnen wichtig ist –, dann sitzen sie vorm Rechner und legen zum dritten
Mal Widerspruch bei der Pflegekasse ein. Weil sie den Menschen lieben, den
sie versorgen, und weil sie wissen: Es tut niemand außer mir.
Ich habe selbst einen Bruder mit Behinderung. Er lebt in einer wunderbaren
Einrichtung, ich pflege ihn also nicht jeden Tag. Aber ich weiß, was es
bedeutet, das zu tun, aus eigener Erfahrung und von vielen anderen
pflegenden Familien. Ich weiß um die Erschöpfung und auch die Verzweiflung.
Es macht mich wütend, dass es mal wieder diejenigen trifft, die keine Kraft
und Zeit übrig haben, um sich zu wehren. (Aber das Geld für Tankrabatte,
das ist da.)
## Eine kluge Leistung wird abgeschafft
Okay, „Verhinderungspflege“. Die ist (noch!) dazu da, Pflegende zu
entlasten. Eine richtig gute Sache: Rund 3.500 Euro im Jahr können
pflegende Familien derzeit noch so verteilen, wie sie es brauchen. Die
einen holen sich dadurch wöchentlich Unterstützung, um selbst mal zum Arzt
zu gehen oder das nicht behinderte Kind von der Kita abzuholen. Andere
sparen das Budget an und stecken es zum Beispiel in die Sommerferien.
Denn was, Herr Linnemann, machen Sie mit Ihrem schwerst mehrfach
behinderten Kind, wenn die Schule zuhat? [3][Herr Merz sagt, Sie sollen
arbeiten] gehen. Aber wer passt auf Ihr Kind auf, während Sie zum
Bruttosozialprodukt beitragen? Mit der Verhinderungspflege können Sie die
Oma oder Nachbarin bitten einzuspringen und ihr eine kleine
Aufwandsentschädigung zahlen. Das ist super, weil diese Personen Ihr Kind
kennen und die Handgriffe, die zu tun sind. Niemand muss einen Antrag
stellen. So sieht Entlastung aus.
Diese klug aufgesetzte Leistung wird jetzt abgeschafft. Das Geld wird auf
andere Töpfe mit neuen Etiketten verteilt und so gut versteckt, dass es
niemand mehr findet. Und den Familien weniger bringt. Die 300 Euro, die
dann zum Beispiel unter dem Namen „Sozialraumbudget“ im Monat zur Verfügung
stehen sollen, sind nämlich futsch, wenn sie nicht genutzt wurden – und
dabei ist egal, ob ich keinen Bedarf hatte oder ob ich einfach niemanden
gefunden habe, der übernimmt. Es darf nur noch professionelle Hilfe
„eingekauft“ werden.
Wo soll die denn bitte herkommen? Schon mal von [4][Pflegekräftemangel]
gehört? Aber machen Sie sich keine Sorgen, lieber Herr Linnemann. Die paar
Frauen kriegen das schon irgendwie hin. Haben sie doch immer. Bis sie halt
eines Tages wirklich nicht mehr können.
Dann steht nicht nur ein Bett mehr in der Schlange zum Pflegeheim, sondern
zwei. Dumm nur, dass das den Staat mehr kostet, als daheim zu pflegen.
9 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/pflegeneuordnungsgesetz-pnog
(DIR) [2] /Pflegende-Angehoerige-ueber-Pflegereform/!6190147
(DIR) [3] /Merz-beklagt-dass-die-Menschen-zu-wenig-arbeiten---neue-Statistiken-zeigen-ein-anderes-Bild/!6198485
(DIR) [4] /Reform-der-Pflegeversicherung/!6178646
## AUTOREN
(DIR) Dunja Batarilo
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