# taz.de -- Pflegende Angehörige: Mehr Arbeit zu Hause, weniger Arbeit am Markt
> Immer mehr Pflegebedürftigen werden zu Hause betreut. Das hat Folgen für
> den Arbeitsmarkt, warnt eine neue Studie. Patientenschützer haben eine
> andere Perspektive.
(IMG) Bild: Pflege zuhause oder wie Ökonomen es nennen: Verpuffte Arbeitskraft
Der wachsende Vereinbarkeitskonflikt zwischen der Pflege von Angehörigen
und der Erwerbsarbeit wird den Arbeitsmarkt künftig spürbar belasten. Davon
geht zumindest eine am Dienstag veröffentlichte Analyse der Bertelsmann
Stiftung und des Forschungsinstituts Prognos aus. Wenn immer mehr Menschen
im Erwerbsalter ihre Angehörigen zu Hause pflegen, könnte im Jahr 2045
Arbeitskraft im Umfang von 229.000 Vollzeitstellen fehlen.
Schon heute reduzieren viele ihre Arbeitszeit oder geben den Job ganz auf,
um Angehörige zu betreuen. [1][Laut der Analyse] entfallen dadurch im Jahr
2026 etwa 184.000 Vollzeitstellen. Der demografische Wandel und die
alternde Gesellschaft könnten diesen Verlust bis 2045 um fast 25 Prozent
steigern.
„Wenn sich an der Situation informell Pflegender nichts ändert, wird die
gesellschaftliche Alterung dem Arbeitsmarkt in den nächsten 20 Jahren immer
mehr Erwerbspotenzial entziehen – gerade dann, wenn jede Arbeitskraft
dringend gebraucht wird“, sagt Eric Thode, Arbeitsmarktexperte bei
Bertelsmann.
## Vor allem Frauen pflegen Angehörige daheim
Rund sechs Millionen Pflegebedürftige gibt es derzeit in Deutschland. Drei
Viertel werden laut Bertelsmann von ihren Angehörigen zu Hause betreut. Das
heißt: Etwa 4,6 Millionen Menschen – 8,7 Prozent aller Personen im
Erwerbsalter – pflegen schon heute. Bis 2045 könnte dieser Anteil
schätzungsweise auf 13,3 Prozent steigen.
Der wachsende Vereinbarkeitskonflikt würde vor allem Frauen belasten: Denn
sie stellen derzeit fast zwei Drittel der Pflegenden. Gleichzeitig pflegen
Frauen häufiger sehr zeitintensiv, mindestens zehn Stunden pro Woche. Für
das Jahr 2045 geht die Modellrechnung davon aus, dass rund 580.000 Frauen
wegen ihrer Pflegeverantwortung so weniger oder gar nicht erwerbstätig sein
werden. Von dem Verlust der insgesamt 229.000 Vollzeitäquivalente entfielen
demnach ganze 173.000 auf Frauen.
„Wir dürfen den wachsenden Pflegebedarf nicht mit Rückschritten bei der
Gleichstellung bezahlen“, sagt dazu Michaela Hermann von Bertelsmann.
Schränken Frauen ihre Erwerbstätigkeit weiter ein oder geben sie auf,
„verlieren sie ihre beruflichen Perspektiven – und der Arbeitsmarkt
dringend benötigte Fachkräfte“. Die Arbeitsmarktexpertin fordert, dass
Politik und Unternehmen Angehörige besser unterstützen: durch flexiblere
Arbeitszeiten, Homeofficemöglichkeiten und Hilfen beim Wiedereinstieg.
## Patientenschützer: „Nicht als Verlust betrachten“
Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, warnt davor,
die Pflege von Angehörigen vor allem als Verlust für den Arbeitsmarkt zu
betrachten: „Ohne Zweifel werden immer mehr pflegende Angehörige auf dem
Arbeitsmarkt fehlen. Aber ohne ihre Arbeitszeit wäre die Pflege von fünf
Millionen Menschen daheim gar nicht möglich.“
Laut Brysch entlasten pflegende Angehörige das Pflegesystem jährlich um 206
Milliarden Euro. Dem stünden Rentenversicherungsleistungen für Angehörige
von nur fünf Milliarden Euro gegenüber. Im Rahmen der [2][Reform der
Pflegeversicherung] stand kurzzeitig zur Debatte, diese zu kürzen. Brysch
kritisierte auch eine unzureichende finanzielle Anerkennung der
Angehörigenpflege und die im Reformgesetz geplanten Einschnitte bei
Verhinderungs- und Kurzzeitpflege.
Die Veröffentlichung der Studie fällt in eine hitzige Rentendebatte. Die
Regierungsfraktionen erwägen derzeit scheinbar, [3][ob Pflege- und
Erziehungszeiten weiterhin als Beitragsjahre für die Rente ab 45
Beitragsjahren berücksichtigt werden]. „Ein sozialpolitischer Skandal“, der
Frauen besonders treffen würde, sagt VdK-Präsidentin Verena Bentele: „Eine
solche Regelung würde komplett zu Lasten von Frauen gehen – und zwar genau
der Frauen, die Sorgearbeit leisten und die genau deshalb überproportional
von Altersarmut betroffen sind.“
20 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2026/angehoerigen-pflege-fehlende-vereinbarkeit-mit-dem-job-gefaehrdet-im-jahr-2045-mehr-als-200000-stellen
(DIR) [2] /Pflegereform-Ein-Spargesetz-dass-prekaere-Gerechtigkeitsfragen-aufwirft/!6217663
(DIR) [3] /Koalition-streitet-ueber-abschlagsfreie-Rente-Trifft-es-am-Ende-die-Frauen/!6222606
## AUTOREN
(DIR) Amelie Sittenauer
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