# taz.de -- Pflegende Angehörige über Pflegereform: „Durch die Hintertür werden Kosten eingespart“
> Der sozialen Pflegeversicherung steht ein harter Sparkurs bevor.
> Pflegende müssten noch mehr leisten, warnt Nicole Knudsen vom Verein „Wir
> pflegen“.
(IMG) Bild: Kosten sparen bei der Pflegeversicherung bedeutet, bei den pflegenden Angehörigen soll gespart werden
taz: Frau Knudsen, auf einer Skala von 1 bis 10, wie erschöpft sind
pflegende Angehörige zurzeit?
Nicole Knudsen: Je nach Pflegesituation zwischen 6 und 10, würde ich sagen.
Pflegende Angehörige haben häufig finanzielle Einbußen, wenn sie den Job
aufgeben oder Stunden reduzieren müssen. Auch emotional sind sie belastet,
denn sie werden kaum gesehen, kaum wertgeschätzt. Jetzt kommt auch noch
diese sehr unschön geführte Diskussion über Einsparungen bei der Pflege
hinzu. Das bedeutet allergrößte Verunsicherung.
taz: Das Pflegeneuordnungsgesetz soll die Pflege neu aufstellen – und die
klammen Kassen der sozialen Pflegeversicherung (SPV) stabilisieren. Wie
bewerten Sie die Reform?
Knudsen: Grundsätzlich fänden wir eine Reform gut, die ist dringend
geboten. Das [1][Pflegeneuordnungsgesetz] geht aber in die falsche
Richtung. Das fängt an bei den neuen Pflegebudgets. Die sollen vermeintlich
vereinfachen und entbürokratisieren, doch durch die Hintertür werden damit
vor allem Kosten eingespart. Nach unseren Berechnungen sind das zwischen
500 und 1.000 Euro im Jahr pro Angehörigen oder Pflegebedürftigen. Hinzu
kommen die Veränderungen bei den Pflegegraden, und bis jetzt sind auch noch
die Rentenkürzungen für pflegende Angehörige im Gespräch.
taz: Gerade die Ideen, [2][die Rentenpunkte für pflegende Angehörige zu
kürzen, haben für einen Aufschrei gesorgt]. Gesundheitsministerin Nina
Warken (CDU) will trotzdem dabei bleiben, das hat sie in einem
[3][Gastbeitrag in der Welt ] betont. Glauben Sie, dass die Bundesregierung
beim Koalitionsausschuss noch mal umschwenkt?
Knudsen: Wir hoffen, Frau Warken und die Bundesregierung haben mittlerweile
festgestellt, dass eine solche Rentenkürzung keine gute Idee ist. Im Moment
ist die häusliche Pflege ein Stabilisierungsfaktor im gesamten
Pflegesystem. Wenn pflegenden Angehörigen aber die Renten gekürzt werden,
müssten sie arbeiten gehen, um ihre spätere Rente zu sichern. Da freut sich
vielleicht der Arbeitsmarkt, aber niemand kann nebenbei 30 oder 40 Stunden
pflegen.
taz: Welche Folgen hätte das?
Knudsen: Viel mehr Pflegebedürftige müssten in stationäre Versorgung. So
viele freie Plätze gibt es erstens gar nicht, und zweitens kämen auf die
Kommunen deutlich mehr Anträge auf Sozialhilfe zu. Es gäbe also auf ganzer
Linie mehr Verlierer als Gewinner.
taz: Ab Pflegegrad 2 konnten Kurzzeit- und Verhinderungspflege bisher
Angehörige entlasten. Jetzt sollen die Budgets zusammengelegt werden, was
würde das im Alltag verändern?
Knudsen: Gerade die Verhinderungspflege ist etwas sehr Niedrigschwelliges.
Wenn Angehörige zum Beispiel mal einen Arzttermin haben und die Pflege für
ein paar Stunden nicht aufrechterhalten können, konnte man bisher über die
Verhinderungspflege unkompliziert Ersatz abrechnen. Wenn das jetzt wegfällt
oder in anderen Budgets versteckt wird, ist das komplett intransparent,
bürokratisch, maximal unflexibel – und eine extreme Zusatzbelastung für die
Pflegenden. Es wird den unterschiedlichen Pflegesituationen überhaupt nicht
mehr gerecht.
taz: Von welchen Gruppen von Pflegenden sprechen wir eigentlich genau?
Knudsen: Das geht von Menschen, die ihre demenziell erkrankten hochaltrigen
Partner pflegen, über Mütter, die ihr Kind mit einer
Autismus-Spektrum-Diagnose pflegen, oder auch junge Menschen mit
Pflegeverantwortung, sogenannte „Young Carers“. Insbesondere [4][diese
Gruppen, die womöglich jahrzehntelang pflegen], werden in dem Reformentwurf
überhaupt nicht mitgedacht. Dabei machen sowohl pflegende Eltern als auch
pflegende Kinder und Jugendliche jeweils rund 10 Prozent der pflegenden
Angehörigen aus. Wenn sich eine Gesellschaft inklusiv und sozial nennen
möchte, dann muss sie diese Pflegefamilien auch besonders schützen.
taz: Das Gesetz sieht stattdessen vor, die Schwellenwerte bei der
Einstufung in die Pflegegrade anzuheben. Als pflegebedürftig zu gelten,
würde also zukünftig wieder schwieriger werden?
Knudsen: 2017 wurde zuletzt definiert, wie und ab wann eine
Pflegebedürftigkeit vorliegt, auch ein Begutachtungsverfahren wurde
eingeführt. Statt drei Pflegestufen gibt es seither fünf Pflegegrade.
Dieses System ist ein Ergebnis eines langen wissenschaftlichen
Forschungsauftrages und es war erstmals nicht defizitorientiert, sondern
stellte die Selbstständigkeit der pflegebedürftigen Person in den
Vordergrund. Wir unterstützen ausdrücklich, dass es dabei bleibt.
taz: Als ein großer Erfolg wurde damals angesehen, dass auch kognitive
Beeinträchtigungen stärker berücksichtigt wurden.
Knudsen: Genau, beispielsweise Demenzerkrankungen wurden stärker
berücksichtigt. Ich habe selbst über sieben Jahre meinen demenziell
erkrankten Mann gepflegt, ich weiß, wie hoch der Betreuungsaufwand selbst
bei einer beginnenden Demenz ist. Und da soll die Pflegebedürftigkeit jetzt
umdefiniert werden. Das verringert doch nicht die tatsächliche Zahl der
Pflegebedürftigen. Die Pflegeversicherung muss eine bedarfsgerechte
Versorgung sicherstellen. Denn diese Menschen haben ja einen realen
Pflegeaufwand und jahrelang in die Pflegekasse eingezahlt.
taz: Was würde das für pflegende Angehörige bedeuten?
Knudsen: Pflegende Angehörige müssen noch mehr leisten, [5][weil das
Pflegesystem Menschen mit geringerem Pflegebedarf nicht mehr auffängt].
Insbesondere beim Einstieg ins Pflegesystem.
taz: Die Idee der Bundesregierung ist ja, dass durch Prävention überhaupt
die Menschen seltener oder erst später pflegebedürftig werden.
Knudsen: Ginge es tatsächlich um Präventionsmaßnahmen zur Verhinderung von
Pflegebedürftigkeit, könnte man beim jetzigen Klassifizierungssystem
bleiben. Dann würden beim Pflegegrad 1 diese Präventionsmaßnahmen greifen.
So könnte man Pflegekarrieren verhindern oder abmildern und zeitlich
strecken. Wenn Präventionsmaßnahmen aber erst bei Pflegegrad 2 greifen
sollen, liegt bereits eine Pflegebedürftigkeit vor. Präventiv muss doch
heißen, dass etwas passiert, bevor das Kind im Brunnen liegt.
taz: Wurden diese Punkte, die auch von anderen Pflegeverbänden geäußert
werden, denn von der Bundesregierung gar nicht berücksichtigt?
Knudsen: Na ja, wir durften uns äußern. Aber für den 210 Seiten langen
Referentenentwurf hatten wir eine Woche Zeit. Um ihn durchzulesen,
durchzuarbeiten, Konsequenzen abzuchecken, eine Stellungnahme zu schreiben
und uns für die mündliche Anhörung vorzubereiten. Wir arbeiten aber
ehrenamtlich. Unserer Meinung nach ist das nicht wirklich Partizipation.
Wenn wir Verbände uns an demokratischen Prozessen partizipativ beteiligen
sollen, dann müssen wir das auch leisten können.
taz: Pflegeverbände haben immer wieder kritisiert, dass die Reform zu stark
auf die Einnahme- und zu wenig auf die Ausgabenseite blickt. Was wäre ihre
Idee?
Knudsen: Es gibt andere Möglichkeiten, um Kosten zu stabilisieren, das
belegen wissenschaftliche Studien, [6][so schreibt es auch der
Pflegeexperte Heinz Rothgang]. Das ginge zum Beispiel durch das Besteuern
aller Einkommen, aus Arbeit, Kapitalerträgen oder Mieteinnahmen. Man könnte
die Beitragsbemessungsgrenze nach oben verschieben. Das wäre eine Stärkung
der Einnahmenseite. Und man könnte die soziale Pflegeversicherung auch
völlig neu denken und alle Bürgerinnen und Bürger in eine
Pflegeversicherung einzahlen lassen, also auch Beamte, Abgeordnete und
Selbstständige.
taz: Was erwarten Sie jetzt von dem weiteren Prozess?
Knudsen: Wir würden uns freuen, wenn sich die Gesundheitsministerin und die
Abgeordneten des Bundestags bewusst machen, dass sie selbst eventuell mal
pflegebedürftig werden können oder Pflege irgendwann ihren Alltag bestimmt.
Und dass sie das im Auge behalten, wenn sie sich mit der Frage
auseinandersetzen, wie eine gute und menschenwürdige Pflege zukünftig in
Deutschland organisiert und finanziert sein soll.
29 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Geplante-Pflegereform/!6181292
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(DIR) [4] /Lohnersatz-fuer-pflegende-Angehoerige/!6085953
(DIR) [5] /Pflegereform-und-Einsparungen/!6176858
(DIR) [6] https://www.wido.de/fileadmin/Dateien/Dokumente/Publikationen_Produkte/GGW/2025/wido_ggw225_rothgang.pdf
## AUTOREN
(DIR) Amelie Sittenauer
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