# taz.de -- Indigenen-Kongress in Nairobi: Vorwurf: Grüner Kolonialismus
       
       > Vertreter*innen von Indigenen fordern in Nairobi die Rückgabe von
       > Land. Es wurde ihnen im Namen von Naturschutz oder CO2-Kompensation
       > genommen.
       
 (IMG) Bild: Kichwa in Peru kritisieren, dass sie für einen Nationalpark vertrieben worden seien: Eine Familie erntet Blumen
       
       „Wir sind zusammengekommen, um unsere Leben und unsere Gebiete zu
       verteidigen“, sagt Marisol García Apagüeño auf einem Kongress indigener
       Vertreter*innen im kenianischen Nairobi am vergangenen Freitag. „Hört
       auf, unser Land zu kommerzialisieren und uns zu kriminalisieren“, ruft sie.
       
       Apagüeño ist vom Volk der Kichwa in Peru. Die Gemeinschaft wurde Apagüeño
       zufolge 2001 vertrieben, als auf ihrem Gebiet der Nationalpark Cordillera
       Azul eröffnet wurde. Später kamen sogenannte CO2-Kompensationsprojekte
       hinzu.
       
       Über diese Projekte können sich Unternehmen Gutschriften auf
       Treibhausgas-Emissionen anrechnen lassen. Sie kaufen also CO2-Zertifikate,
       auch Carbon Credits genannt, die zum Beispiel Waldschutzprojekte zur
       Bindung von Emissionen finanzieren. Die Maasai in Tansania etwa haben sich
       dazu verpflichtet, [1][40 Jahre lang ihre Weiderouten zu verändern], so
       sollen Gräser besser wachsen, die dann Kohlenstoff speichern. Über dieses
       Projekt hat beispielsweise Volkswagen CO2-Zertifikate gekauft.
       
       ## „Wir wissen es besser“
       
       Apagüeño ist eine von rund 60 Indegenen-Vertreter*innen aus 16 Ländern und
       4 Kontinenten, die in Nairobi Naturschutz- und CO2-Kompensationsprojekte
       als grünen Kolonialismus anprangern. Veranstaltet wurde der Kongress von
       den Organisationen Conservation Solutions Afrika und Survival
       International. Gemeinsam stellen die indigenen Vertreter*innen die
       [2][„Nairobi-Deklaration“] vor, in der sie die Rückgabe ihrer Gebiete und
       die Wahrung ihrer Rechte fordern.
       
       „Unsere Gebiete werden über Kohlenstoffmärkte, Biodiversitätsgutschriften
       und CO2-Kompensationsprogramme verkauft, die das zerstörerische Verhalten
       transnationaler Konzerne als umweltfreundlich tarnen“, heißt es dort. „Wir
       fordern Selbstbestimmung und Selbstverwaltung. Der Naturschutz muss von den
       indigenen Völkern geleitet werden, denn wir wissen es besser“.
       
       Von den Kichwa in Peru zu den Karen in Thailand oder den Baka in Kamerun –
       die Geschichten der indigenen Völker in Nairobi klingen ähnlich. Auf
       insgesamt 6 Sprachen erzählen die Vertreter*innen von ihrem Beitrag zu
       Natur- und Klimaschutz. Sie beschreiben, wie Umweltverbände, andere
       Nichtregierungsorganisationen, Firmen, Investoren und Regierungen ihr Land
       als fortan anderweitig verwaltete Schutzgebiete deklarieren, die angeblich
       Natur und Tiere schützen, Emission binden oder reduzieren sollen.
       
       ## Kriminalisierung, Vertreibung, Widerstand
       
       Sie kritisieren fehlende Informationen über Kompensationsprojekte und einen
       Missbrauch des „Prinzips der freien, vorherigen und informierten
       Zustimmung“ (FPIC), dem solche Projekte unterliegen. Sie reden von
       Korruption, Polizeigewalt und Kriminalisierung und von Vertreibung von
       ihren Gebieten. Und sie erzählen von ihrem Widerstand, Protesten,
       Gerichtsprozessen.
       
       Die Menschenrechtsorganisation Global Witness berichtet regelmäßig, dass
       Indigene weltweit [3][unter den am meisten verfolgten und getöteten
       Umweltschützer*innen] sind. Pranab Doley etwa, der auf dem Kongress
       sprechen sollte, wurde Mitte Juli festgenommen, als er gegen ein Luxushotel
       im indischen Kaziranga protestierte. Er wird mittlerweile [4][auf Grundlage
       des Nationalen Sicherheitsgesetzes festgehalten], das es den Behörden
       erlaubt, Personen auch ohne Gerichtsverfahren über längere Zeit
       einzusperren.
       
       Der Kongress zeigt eine Video-Botschaft von Doley aus dem Jahr 2019. Er
       sitzt in einer Gruppe von Frauen, Männern und Kindern und sagt auf
       Englisch: „In der Euphorie, den Erfolg des Artenschutzes zu feiern, solltet
       ihr nicht vergessen, dass die größten Verfechter des Artenschutzes die
       indigenen Völker sind“.
       
       Es sei ihnen zu verdanken, so Doley, dass Kaziranga den höchsten Bestand an
       Nashörnern hat, dass hier Elefanten und Tiger geschützt wurden. „Ich sende
       euch ein SOS, einen Notruf: Wir werden wie Kriminelle behandelt, unser Land
       wurde uns von verschiedenen Behörden im Namen des Naturschutzes und der
       Industrie weggenommen.“
       
       ## Mangelnde Effizienz von Kompensationsprojekten
       
       Viele Studien stützen die Aussagen der indigenen Vertreter, die besseren
       Naturschützer zu sein. Wissenschaftler der [5][University of British
       Columbia veröffentlichten] im Mai eine Analyse von 111 Studien. Das Fazit:
       Indigene Völker schützten die biologische Vielfalt und Kohlenstoffspeicher
       gleich oder besser als von Regierungen ausgewiesene Schutzgebiete. Im
       bolivianischen Amazonas [6][fanden Wissenschaftler*innen 2012] heraus,
       dass es 6 Mal weniger Abholzung in indigen verwalteten Gebieten gab als in
       Naturschutzgebieten.
       
       Auf der anderen Seite gibt es Zweifel darüber, wie effektiv
       CO2-Kompensationsprojekte sind. Eine [7][Auswertung von 2024 in der
       Fachzeitschrift Nature Communications] von 65 Studien fand, dass nur etwa
       16 Prozent der Emissionen aus den CO2-Zertifikaten tatsächlich vermieden
       wurden.
       
       Gleichzeitig ist das Kompensationsgeschäft Milliarden wert und wächst.
       Viele Staatschefs im Globalen Süden [8][wollen damit Geschäfte machen]. Die
       Europäische Union hat Ende 2025 beschlossen, dass EU-Mitgliedstaaten, um
       das Klimaziel für 2040 zu erreichen, ab 2036 einen kleinen Teil durch den
       Kauf von CO2-Klimazertifikaten kompensieren dürfen.
       
       In Nairobi warnen die Vertreter*innen der indigenen Völker vor
       Versprechen von Regierungen, Organisationen oder Unternehmern, die solche
       Projekte an sie verkaufen wollen. Die argumentieren oft, dass die
       Bewohner*innen an den Einnahmen beteiligt werden. Was bei ihnen
       ankomme, sei aber gering und keine Kompensation für den Verlust ihres
       Landes.
       
       27 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /VW-und-Maasai/!6071555
 (DIR) [2] https://www.survivalinternational.org/articles/9038/nairobideclaration/
 (DIR) [3] /Toetungen-von-Aktivistinnen/!6213595
 (DIR) [4] https://www.bbc.com/news/articles/c0ej24qd3qpo
 (DIR) [5] https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/pan3.70310
 (DIR) [6] https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0378112711003215
 (DIR) [7] https://www.sciencemediacenter.de/angebote/metastudie-emissionsminderungen-aus-klimaschutzprojekten-deutlich-geringer-als-angegeben-24160
 (DIR) [8] /Nachteile-fuer-afrikanische-Laender/!5975958
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Leila van Rinsum
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) CO2-Kompensation
 (DIR) Indigene
 (DIR) Naturschutz
 (DIR) Menschenrechte
       
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