# taz.de -- Festivalleiterin über Bismarck-Denkmal: „Der Kolonialismus ist keine abstrakte Geschichte“
> Die Bismarck-Statue im Hamburger Alten Elbpark ist umstritten. Auf dem
> Fluctoplasma Festival findet dort ein postkolonialer Rundgang statt.
(IMG) Bild: Dunkle Kolonialvergangenheit: Otto von Bismarck
taz: Nina Reiprich, warum ist [1][Otto von Bismarck] eine derart
umstrittene Person in der Aufarbeitung deutscher Kolonialverbrechen?
Nina Reiprich: Bismarck gilt oft als Held, der das Deutsche Reich geeint
hat. Als Reichskanzler traf er aber auch Entscheidungen, die wegweisend für
das Entstehen des deutschen Kolonialreichs waren. 1885 lud er zur
Kongo-Konferenz ein, in der Kolonialmächte den afrikanischen Kontinent
unter sich aufteilten. Seine Politik hat es mit ermöglicht, dass später der
Genozid an den Nama und Herero verübt wurde und es zu den Massenmorden nach
dem Boxeraufstand in China um 1900 kam. Wie auch bei anderen militärischen
Figuren steht bei Bismarcks Gedenken die Frage im Zentrum: Kann man
Errungenschaften von Personen stehen lassen und trotzdem ihre Verbrechen
klar benennen? Oft scheint diese Gleichzeitigkeit nicht möglich zu sein.
taz: Das Bismarck-Denkmal im Alten Elbpark überragt den Hamburger Hafen,
ein Hauptstandort der deutschen Kolonialwirtschaft. Welche Rolle spielte
der [2][Baakenhafen] konkret?
Reiprich: Bereits im 19. Jahrhundert starteten Hamburger
Unternehmer*innen dort mit ihren Handelsschiffen. Sie legten einen
Grundstein für den deutschen Kolonialismus. Anfang des 20. Jahrhunderts
fuhren deutsche Kolonialsoldaten im Baakenhafen los, um den [3][Genozid an
den Nama und Herero] zu verüben. Heute soll an diesem Ort, der so bedeutsam
für deutsche Kolonialverbrechen war, [4][eine Oper gebaut werden] –
finanziert von einer Stiftung, deren Vermögen durch die Entmenschlichung
und Vertreibung jüdischer Kaufleute mit aufgebaut wurde. Der Baakenhafen
zeigt, wie verflochten unsere Geschichte häufig ist. Er erfordert, unsere
Erinnerungskultur multiperspektivisch zu denken.
taz: Inwiefern?
Reiprich: Das Gedenken an Deutschlands verschiedene Gewaltgeschichten darf
nicht gegen einander ausgespielt werden. Die Shoah aufzuarbeiten, steht
nicht im Widerspruch zu dem Gedenken an den deutschen Kolonialismus. Sie
sind [5][beide Teil der deutschen Geschichte].
taz: 2022 schrieb die Hamburger Kulturbehörde einen Wettbewerb für eine
künstlerische Intervention an der Bismarck-Statue aus. [6][Keine der
Einreichungen wurde umgesetzt], da ein Vorschlag allein der Komplexität
nicht gerecht werde. Kann ein zweistündiger Rundgang das?
Reiprich: Natürlich kann man in zwei Stunden nicht alles diskutieren. Aber
die Rundgänge sind ein Versuch der Stadt Hamburg, über die
Vielschichtigkeit der Kolonialgeschichte in ein Gespräch zu kommen: von
Bismarck bis zur späteren Verschränkung kolonialer Ideologien mit dem
Nationalsozialismus. Deshalb gibt es während des Festivals mehrere
Rundgänge an unterschiedlichen Standorten – städtische und privat
organisierte.
taz: Akteure, wie die AfD relativieren deutsche Kolonialverbrechen und
warnen vor dem angeblichen Einreden einer „weißen Schuld “. Wie kann eine
dekoloniale Perspektive auf den Gedenkort helfen, einem
Kolonialrevisionismus entgegenzutreten?
Reiprich: Koloniale Heldengeschichten sind in rechten Narrativen leider
enorm verbreitet. Aber auch gesamtgesellschaftlich besteht viel
Unwissenheit. Koloniale Aufarbeitung ist in unseren Lehrplänen kaum
vertreten und wenn, dann oft als die Geschichte anderer Nationen.
taz: Fehlt deshalb der persönliche Bezug zum deutschen Kolonialismus?
Reiprich: Ja. Selten wird dieselbe Frage der familiären Schuld gestellt,
wie es im Kontext der NS-Vergangenheit der Fall ist. Das liegt natürlich
auch daran, dass die Verstrickungen deutscher Familien ins NS-Regime viel
größer waren. Aber es ist wichtig, diese persönliche Beziehung auch
hinsichtlich der Kolonialzeit herzustellen. Der Kolonialismus ist keine
abstrakte historische Geschichte. Wir handeln immer noch in Zusammenhängen,
die von der Kolonialzeit geprägt sind. Wir müssen verstehen, dass unser
Einkaufs- oder Urlaubsverhalten koloniale Abhängigkeiten bis heute
reproduziert.
21 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Anouk Boelsen
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