# taz.de -- Kritik an VW-Klimaprojekt in Tansania: Volkswagen lässt die Massai-Herden schneller rotieren
       
       > Die Krise des Autobauers ist Thema der VW-Hauptversammlung. Sie zeigt
       > sich auch an einem Kohlenstoffprojekt in Tansania.
       
 (IMG) Bild: Soll für das VW-Projekt jahrhundertelang erprobte, nachhaltige Weidemethoden ändern: Massai in Tansania mit seinen Rindern
       
       19.000 Jobs weniger in diesem Jahr allein in Deutschland, weniger Autos, zu
       wenig Rendite, zu wenig Elektromobilität, zu wenig Zukunft – die Frage, ob
       der [1][Sparkurs bei Volkswagen] Früchte trägt, ist das eigentliche große
       Thema bei der virtuellen Hauptversammlung der Volkswagen AG an diesem
       Donnerstag. Da scheint das Anliegen, das Menschenrechtsorganisationen wie
       die Gesellschaft für bedrohte Völker, das FoodFirst Informations- und
       Aktions-Netzwerk (Fian), Misereor, Survival International und der
       Dachverband der Kritischen Aktionäre beim Anlegertreffen zur Sprache
       bringen wollen, klein.
       
       Und doch erzählt deren Kritik am Kohlenstoffprojekt von VW in Tansania viel
       über den Stellenwert, den Klimaschutz derzeit für Europas größten – und
       strauchelnden – Autobauer hat: nur noch einen sehr kleinen.
       
       Für das Klima-Kompensationsprojekt sollen die Massai in Tansania ihre
       Weidewirtschaft komplett umstellen. Betroffen ist eine Fläche von 900.000
       Hektar, etwa die Hälfte Hessens. Damit sich VW in Europa Gutschriften auf
       seine CO₂-Emissionen anrechnen kann, sollen die Indigenen ihre [2][Herden
       schneller als bislang im Kreis] treiben. Anstatt etwa alle drei Monate soll
       das Vieh künftig etwa alle zwei Wochen auf denselben Planquadraten in der
       Savanne weiden, damit die Gräser besonders viel Kohlenstoff speichern.
       Dafür gibt es einen eigenen Rapid Rotational Grazing Plan – also einen
       Schnellgrasrotierungsplan.
       
       „Lokal angepasste, traditionelle Strukturen des Weidemanagements sollen
       durch realitätsferne Vorgaben ersetzt werden. Dass Volkswagen über Art und
       Weise der Weidewirtschaft der Massai bestimmen will, verletzt grundlegende
       Menschenrechte der betroffenen Gemeinschaften“, kritisieren die
       Organisationen. Die von VW mit der Durchführung des Projekts beauftragte
       Münchner Firma [3][Climatepartner] betont hingegen, „nachhaltigen
       Pastoralismus zu unterstützen, indem Überweidung und Landdegradierung
       verhindert werden“.
       
       ## Mehr als 100 Beschwerden
       
       „Was die Menschen vor Ort berichten, ist eindeutig: Die betroffenen
       Gemeinden wollen nicht jahrzehntelang den Regeln eines deutschen Konzerns
       unterworfen sein – auf ihrem Land, das sie seit Generationen
       bewirtschaften“, sagt auch Linda Poppe von Survival International.
       
       Einige Gemeinden haben sich bereits verpflichtet, 40 Jahre lang ihre
       Weiderouten zu verändern, damit VW für die Produktion des Stahls für seine
       Fahrzeuge weiter CO₂ in die Luft blasen kann. Dafür gibt es
       Ausgleichszahlungen, etwa 20.000 Euro für Dorfgemeinschaft, Projektierer
       und Regierung plus später weiteres Geld über die Zertifikate, schätzen
       Experten.
       
       Wenig, und auch deshalb ist der Ärger um das Longido and Monduli Rangelands
       Carbon Project vor Ort groß. Allein im April gingen im Rahmen der
       Zertifizierung [4][mehr als 100 Beschwerden] dagegen ein. Zur Einreichung
       habe es nur etwa einen Monat Zeit gegeben, und die Betroffenen sollen auch
       davon nur über die NGOs erfahren haben. „Dass die Betroffenen nicht aktiv
       über die Online-Beschwerdemöglichkeit informiert wurden, zeigt, wie
       problematisch das ganze Projekt aufgesetzt ist“, kritisierten die
       Organisationen.
       
       „Strikte, realitätsferne Vorgaben“ 
       
       Deshalb werden sie beim Aktionär*innentreffen gemeinsam mit einer
       Vertreterin der Massai über die Auswirkungen des Projekts vor Ort
       berichten. Über den Druck auf Massai-Gemeinden, die Verträge zu
       unterzeichnen. Und über die fehlende Berücksichtigung von Frauen und
       Jugendlichen. „Das international verpflichtende Prinzip der freien,
       vorherigen und informierten Zustimmung wurde mehrfach verletzt“, sagt Roman
       Herre, Agrarexperte von Fian. „Gemeindemitglieder wurden weder ausreichend
       informiert noch wirksam in Entscheidungsprozesse einbezogen. Außerdem
       stellen Vorabzahlungen an Dorfräte eine problematische Einflussnahme dar.“
       
       Aus Sicht der NGOs lösen [5][Kompensationsprojekte] die Ursachen der
       Klimakrise nicht. „Konzerne, die zu den größten Verursachern der Klimakrise
       gehören, kaufen sich von ihrer Verantwortung frei, Emissionen konsequent im
       eigenen Unternehmen zu reduzieren“, sagt Selina Wiredu von Misereor. Das
       Projekt gehe „auf Kosten lokaler Gemeinschaften, die kaum zur Klimakrise
       beigetragen haben“.
       
       „Projekte, die die Kontrolle Indigener Völker über ihr Land ohne ihre
       Zustimmung einschränken und ihre Selbstbestimmung gefährden“, so Laura
       Mahler von der Gesellschaft für bedrohte Völker, „passen nicht in eine
       glaubwürdige Nachhaltigkeitsstrategie.“
       
       Dass die Klimakrise dem Konzern zu unwichtig ist, stört auch den BUND und
       den Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre. „Volkswagen
       muss verstärkt in die Produktion kleiner, [6][sparsamer E-Fahrzeuge,Made in
       Europe'] investieren“, mahnten die Verbände am Mittwoch. Dafür müssten
       Finanzmittel im Unternehmen gehalten werden, anstatt sie durch hohe
       Dividenden abfließen zu lassen. „Es ist höchste Zeit, dass ID Polo, ID.1
       und kleine, sparsame E-Fahrzeuge endlich auf die Straße kommen.“
       
       17 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /VW-praesentiert-schwaechstes-Ergebnis-seit-11-Jahren-Zehntausende-Stellen-werden-gestrichen/!6161165
 (DIR) [2] /VW-und-Maasai/!6071555
 (DIR) [3] https://volkswagen-climatepartner.com/project/monduli-longido/
 (DIR) [4] https://www.fian.de/aktuelles/pressemitteilung-volkswagen-in-tansania-ueber-100-beschwerden-lokaler-gemeinden-gegen-kohlenstoffprojekt/
 (DIR) [5] /CO2-Zertifikate/!6131289
 (DIR) [6] /Forderungen-des-Renault-Chefs/!6032450
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kai Schöneberg
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) Volkswagen
 (DIR) CO2-Kompensation
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Autoindustrie
 (DIR) Volkswagen
 (DIR) Volkswagen
 (DIR) Volkswagen
 (DIR) Volkswagen
 (DIR) Verbrenner
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) Zentralafrika
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Jobabbau in der Autoindustrie: Porsche auf Sparkurs
       
       Der Sportwagenbauer will weitere Stellen streichen – und erntet Kritik
       dafür. Eine Einigung mit den Gewerkschaften über die Sparpläne steht noch
       aus.
       
 (DIR) Krise der deutschen Autobauer: China ist kein Absatzmarkt mehr
       
       2024 waren Autos noch Deutschlands wichtigstes Handelsgut mit China. Nun
       liegen sie nur noch auf Platz drei. Das hat Folgen.
       
 (DIR) Kampfansage an die Belegschaft: Volkswagen sucht die maximale Konfrontation
       
       VW-Chef Blume will den Konzern schrumpfen, um den Gewinn zu erhöhen. Die
       Schließung von Werken steht im Raum. IG Metall rüstet sich zum Abwehrkampf.
       
 (DIR) Nach Aufsichtsratssitzung in Wolfsburg: Ringen um VW-Sparpläne
       
       VW muss sparen: Aufsichtsrat kündigte Halbierung der Modellpalette an und
       berät über Werksschließungen und Stellenabbau. IG Metall kündigte Proteste
       an.
       
 (DIR) Stellenstreichung bei VW: Bis zu 100.000 Jobs sollen wegfallen
       
       Volkswagen will einem Medienbericht zufolge bis zu 100.000 Stellen
       streichen. In Deutschland sollen vier Werke geschlossen werden.
       
 (DIR) Physikerin über die deutschen Autobauer: „Die Zukunft der Autobranche ist emissionsfrei“
       
       Die deutschen Autokonzerne verhalten sich arrogant, sagt die Physikerin
       Birgit Scheppat. Sie müssten umsteuern – dann gelinge auch das Comeback.
       
 (DIR) VW und Maasai: Lebenslängliches Greenwashing
       
       Die Maasai in Tansania sollen ihre Rinderherden für 40 Jahre regelmäßig von
       einer Weide auf die andere treiben. VW will so Kohlenstoff-Emissionen
       wettmachen.
       
 (DIR) VW eröffnet Werk in Kigali: Ruandische Wertarbeit
       
       Afrika boomt, auch bei Mobilität und Verkehr. Ruanda will ganz vorne mit
       dabei sein und hat jetzt den VW-Konzern ins Land geholt.