# taz.de -- Start der Sondierungsgespräche in Berlin: Sie wollen reden – miteinander statt übereinander
> In der neuen Woche beginnen Sondierungen über ein Linksbündnis. Die
> Grünen und die SPD haben eine Einladung der Linkspartei dazu angenommen.
(IMG) Bild: Elif Eralp (Linke) hat zu Sondierungsgesprächen eingeladen, Grüne und SPD haben die Einladung angenommen
Sie wollen miteinander reden, nicht mehr übereinander – und über Inhalte:
Im Laufe der neuen Woche kommen die Delegationen von Linken, Grünen und SPD
zum ersten Mal zu Sondierungsgesprächen zusammen, um auszuloten, ob es eine
gemeinsame Koalition geben könnte.
Erst am Freitag hatte [1][ein Parteitag der Linken] grünes Licht für die
Aufnahme von Verhandlungen gegeben. Von den Grünen-Landesvorsitzenden Nina
Stahr und Phimon Ghirmai hieß es gleich nach dem Parteitag: „Wir sind
bereit, baldmöglichst in Verhandlungen einzusteigen.“
Die SPD folgte am Samstag. Dort lag die Entscheidung beim Landesvorstand.
Der habe einstimmig beschlossen, die „von der Linkspartei ausgesprochene
Einladung zur Aufnahme von Sondierungsgesprächen“ anzunehmen, hieß es etwas
steif in einer Samstagabend von der SPD verbreiteten Pressemitteilung.
In die Sondierungen schicken die Parteien ihr Spitzenpersonal. Für die
Linken sollen die Spitzenkandidatin bei der Abgeordnetenhauswahl, Elif
Eralp, die Parteivorsitzenden Kerstin Wolter und Maximilian Schirmer, der
Fraktionschef Tobias Schulze und die ehemalige Staatssekretärin für Wohnen,
Wenke Christoph, sondieren. Die Grünen schicken ihr Spitzen-Duo von der
Wahl, Bettina Jarasch und Werner Graf, sowie die Landesvorsitzenden Philmon
Ghirmai und Nina Stahr.
## Hitzige Diskussion über „Regierungsfähigkeit“
Für die SPD sind der Landes- und Fraktionsvorsitzende Steffen Krach, die
Co-Fraktionschefin Derya Çağlar, die Co-Landesvorsitzende Bettina König und
bis zu zwei andere Landesvorständler oder weitere Mitglieder mit Expertise
angekündigt. Erst wenn es konkret wird – später in den
Koalitionsverhandlungen – bilden sich dann Arbeitsgruppen mit
Fachpolitiker*innen zu konkreten Politikfeldern.
In den Tagen vor der Verabredung zu den nun beginnenden Sondierungen hatte
es eine hitzige, bundesweite Diskussion über die „Regierungsfähigkeit“ des
Berliner Wahlsiegers gegeben, die von Antisemitismus-Vorwürfen durchzogen
war. Es meldeten sich Kritiker aus der CDU, aber auch von den Grünen
[2][und der SPD zu Wort]. Auch wenn das Störfeuer nachgelassen hat und man
sich jetzt an einen Tisch setzt – eine Zusammenarbeit ist noch lange nicht
in trockenen Tüchern.
Denn zum einen ist der Druck immens: Die Linke geht als Wahlsiegerin, aber
auch mit weitreichenden Wahlversprechen in die Verhandlungen. Grüne und SPD
wiederum stehen unter scharfer [3][Beobachtung durch ihre jeweiligen
Bundesspitzen], die sich wegen der anhaltenden Antisemitismus-Vorwürfe
zuletzt skeptisch gegenüber einer Zusammenarbeit mit der Linken gezeigt
hatten.
Zum anderen sind Sondierungen noch lange keine Koalitionsverhandlungen.
Hier klären die Parteien erst einmal in kleiner Runde die grundsätzliche
Frage, ob sie zusammen regieren, und nicht wie. Und ob die SPD eine
Koalition mit der Linken eingeht, ist völlig offen. Auch die Grünen dürften
den Preis für ein Regierungsbündnis in die Höhe treiben.
## SPD ist weiter gegen Enteignung
Denn trotz inhaltlicher Schnittmengen gibt es mindestens drei große
Streitthemen, um die es in den kommenden Tagen gehen dürfte. Da ist
natürlich die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne – das zentrale
Wahlversprechen der Linken, das mit den Grünen wohl zu machen wäre. Die SPD
nennt das jedoch eine „rote Linie“, will die Umsetzung [4][des
Volksentscheids aus dem Jahr 2021] verhindern und hatte im Wahlkampf
erfolglos versucht, mit ihrem Nein zur Enteignung die Gunst der
Berliner*innen zu gewinnen.
Identitätsstiftende Kernthemen der Grünen wiederum sind Mobilität sowie
Umwelt- und Klimaschutz. Insbesondere bei der Verkehrswende hatte [5][die
damalige Grünen-Verkehrssenatorin Bettina Jarasch] Tempo gemacht – bis die
Wiederholungswahl 2023 der rot-grün-roten Regierungskoalition unter
SPD-Führung ein abruptes Ende bereitet hatte.
Jetzt gibt es also aus Grünen-Sicht wieder die Gelegenheit, anzupacken.
Doch gerade bei den Themen Radwegeausbau, Verkehrsberuhigung, Parkplätze
und öffentlicher Nahverkehr sind sich Grüne, SPD und Linke keinesfalls
immer einig. Dabei geht es zwar nicht unbedingt um das Ob, sondern das Wie:
Geschwindigkeit von Veränderungen sowie Fragen nach Prioritäten –
Innenstadt, Außenbezirke – und der Sozialverträglichkeit.
Welche Themen der SPD am Herzen liegen, ist nach dem desaströsen Wahlkampf
indes schwer zu beantworten. Die Sozialdemokraten sind eine Antwort
schuldig geblieben, was sie eigentlich erreichen wollen – und nicht nur,
was sie verhindern wollen.
## Linke will Verfassungsschutz abschaffen, die SPD nicht
Aus Fraktionskreisen heißt es nun, man wolle [6][den Schwerpunkt auf die
Wirtschaft] sowie die innere Sicherheit legen. Gerade bei der Innenpolitik
stehen dabei wohl kontroverse Diskussionen an. Denn während die SPD das
Innenressort seit zehn Jahren besetzt und dabei teils weitreichende
Gesetzesverschärfungen zu verantworten hat, stehen Grüne, aber noch viel
mehr die Linke den Sicherheitsbehörden traditionell kritisch gegenüber.
Die Linken [7][fordern etwa eine Abschaffung des Verfassungsschutzes]. Von
der SPD heißt es hingegen, Kürzungen bei der Polizei oder gar eine
Abschaffung des Verfassungsschutzes seien mit ihr nicht zu machen. Vor
diesem Hintergrund ist denkbar, dass sich die SPD einen gesichtswahrenden
Kompromiss bei der Vergesellschaftungsfrage mit Zugeständnissen auf dem
Feld der inneren Sicherheit erkauft.
Am Ende hängt aber fast alles wie so oft an der Frage nach dem Geld. Die
künftige Koalition erbt eine desolate Haushaltslage. Der Landesrechnungshof
geht für die Jahre 2026 bis 2029 von einer jährlichen Finanzierungslücke
von rund 5 Milliarden Euro aus. Hinzu kommen eine begrenzte Möglichkeit zur
Aufnahme von Krediten, geringe Rücklagen, eine steigende Zinsbelastung und
eine schwächelnde Konjunktur. Die neue Regierung muss außerdem erst einmal
1,2 Milliarden Euro an die Landesbeamt*innen blechen – die Nachzahlung
hatte das Bundesverfassungsgericht verfügt.
Keine guten Aussichten für ein Bündnis, das sich soziale und nachhaltige
Politik auf die Fahnen schreiben will. Es drohen Kürzungsdebatten und
schwierige Kompromisse.
27 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Rot-Rot-Gruen-in-Berlin/!6216371
(DIR) [2] /Vor-dem-Start-von-Sondierungen/!6215886
(DIR) [3] /Debatte-ueber-Antisemitismus/!6215294
(DIR) [4] https://download.statistik-berlin-brandenburg.de/eb55b8b784d62692/df8fedf66eb0/SB_B07-04-02_2021u00_BE.pdf
(DIR) [5] /Gruene-Spitzenkandidatin-im-Wahlkampf/!5907165
(DIR) [6] /SPD-stellt-Wahlprogramm-vor/!6153316
(DIR) [7] https://dielinke.berlin/fileadmin/download/2026/Wahlprogramm_AGH_2026_Die_Linke_Berlin.pdf
## AUTOREN
(DIR) Hanno Fleckenstein
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Wahlen in Berlin
(DIR) Sondierungsgespräche
(DIR) Sondierung
(DIR) Grüne Berlin
(DIR) Die Linke Berlin
(DIR) SPD Berlin
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Social-Auswahl
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Streit über Antisemitismusvorwurf: Linke zeigt Dobrindt an
Der Bundesinnenminister kommentiert in der Sendung „Maybrit Illner“ einen
Versprecher über die Berliner Linke Elif Eralp. Die stellt Strafanzeige.
(DIR) Sondierungsgespräche in Berlin: Zurück auf dem Boden der Realpolitik
In der Hauptstadt nehmen Linke, Grüne und SPD jetzt Kurs auf ein
Linksbündnis. Leicht wird es nicht.
(DIR) Sondierungen in Berlin: SPD will mit Linken über Regierungsbildung sprechen
Die SPD sieht hohe Hürden für eine Koalition mit der Linken unter Elif
Eralp in der Hauptstadt. Die Grünen machen ihre Teilnahme von klaren
Zusagen abhängig.
(DIR) Parteitag nach der Wahl: Linkspartei macht den Weg für Sondierungen frei
Nach der Wahl kommt es in der kommenden Woche zu Gesprächen zwischen
Linkspartei, Grünen und SPD. Kritik an der Sondierungsgruppe zogen die
Genossen zurück.
(DIR) Diskussion über mögliche Koalitionen: Der Druck auf die Grünen steigt
Ex-Senator Wesener hält ein Linksbündnis für alternativlos. Der langjährige
Parteivordenker Ralf Fücks hingegen warnt vor „politischem Dammbruch“.