# taz.de -- Nach der Wahl in Marzahn-Hellersdorf: „Für uns im Bezirk ist es eine Katastrophe“
> Die AfD wird in Marzahn-Hellersdorf stärkste Kraft und dominiert künftig
> im Bezirksparlament. Antifaschist*innen warnen vor den Folgen.
(IMG) Bild: AfD am Stadtrand beliebt: Blick auf Marzahn-Hellersdorf und angrenzende Felder in Brandenburg
Mika Warkentin (Name geändert) blickt am Morgen nach den Wahlen in Berlin
ernüchtert auf die Ergebnisse in ihrem Heimatbezirk Marzahn-Hellersdorf:
„Die hohen AfD-Werte kommen nicht aus heiterem Himmel. Trotzdem ist es für
uns im Bezirk eine Katastrophe. Rechte Gewalt hat hier massiv zugenommen,
wir leben mit unserer Angst seit Jahren“, sagt sie zur taz.
Warkentin ist Teil der [1][M6-Antifa, einer queerfeministischen Gruppe aus
Marzahn-Hellersdorf]. Sie zeichnet ein düsteres Bild von der Situation in
dem Bezirk: „Vor allem queeren und migrantischen Menschen schlägt Hass
entgegen. Die Betroffenen berichten, dass sie Übergriffe jederzeit in ihrem
Alltag erleben – etwa wenn sie zum Supermarkt oder zur Sparkasse gehen.“
Es sind Verhältnisse, die sich in den Wahlergebnissen aus dem Bezirk
widerspiegeln. Die extrem rechte AfD hat hier [2][bei der Wahl zum Berliner
Abgeordnetenhaus] in fünf von sechs Wahlkreisen die Direktmandate gewonnen,
teils mit Werten von bis zu 44 Prozent.
Was nach Sachsen-Anhalt klingt, ist Realität im Nordosten von Berlin. Das
zeigt sich auch auf Bezirksebene. Bei der Wahl zur
Bezirksverordnetenversammlung (BVV) ist die AfD mit rund 34 Prozent mit
Abstand stärkste Kraft geworden, dahinter folgen die Linke mit 20 und die
CDU mit 18 Prozent. Nach der letzten Wahl 2023 war noch die CDU mit 31
Prozent Siegerin vor der AfD gewesen, die knapp 20 Prozent geholt hatte.
## Hohe AfD-Ergebnisse am Stadtrand
Besonders hohe Ergebnisse hat die Partei dabei vor allem in Gebieten
erzielt, die an Brandenburg grenzen. In einem Wahllokal im Nordosten von
Marzahn etwa stimmten 60 Prozent für die AfD. Nur im Süden des Bezirks, wo
die weitläufigen Ein- und Zweifamilienhaussiedlungen von Kaulsdorf,
Mahlsdorf und Biesdorf liegen, konnte die CDU einigermaßen mithalten.
Für [3][die künftige BVV] mit insgesamt 55 Sitzen bedeutet das: Die AfD
erhält 20 Sitze, die Linke 12, CDU 11. Dann folgen mit je 4 Sitzen die SPD
und das BSW, das in Marzahn-Hellersdorf sein bestes Ergebnis erzielt hat.
Ebenfalls vertreten sind die Grünen mit drei Sitzen und die
[4][Tierschutzpartei] mit einem.
## Drei AfD-Stadträte?
Marzahn-Hellersdorf ist damit der einzige Bezirk in Berlin, in dem die AfD
die meisten Sitze in der BVV gewonnen hat. Das hat gravierende Folgen für
die Zusammensetzung des künftigen Bezirksamts. Laut dem Proporzsystem darf
die AfD drei Kandidat*innen nominieren, die Linke zwei und die CDU
einen.
Das bedeutet zwar nicht, dass die Vorschläge der AfD auch gewählt werden.
Bereits in der vergangenen Legislatur stand der AfD in Marzahn-Hellersdorf
sowie in weiteren Bezirken je ein Stadtratsposten zu. Die übrigen
Fraktionen stimmten aber immer gegen die Nominierten, sodass die Posten
unbesetzt blieben.
Aber während ein unbesetzter Posten im Bezirksamt kein Problem war, sieht
das bei gleich drei Sitzen wohl anders aus. Rechtlich wäre das wohl
möglich, aber realistisch ist es nicht. Es droht also ein Dilemma: Die
AfD-Kandidat*innen akzeptieren – oder eine Blockade der Verwaltung
verursachen.
Der AfD-Spitzenkandidat in Marzahn-Hellersdorf, Michael Adam, beanspruchte
bereits das Amt des Bezirksbürgermeisters für seine Partei. Das
Vorschlagsrecht liege „eindeutig“ bei der AfD. Allerdings hat die AfD keine
absolute Mehrheit und müsste für die Wahl des Bezirksbürgermeisters eine
Zählgemeinschaft mit einer anderen Fraktion bilden, was als
unwahrscheinlich gilt.
## Linke und CDU müssten kooperieren
Gleichzeitig müssten jedoch Linke und CDU zusammenarbeiten, um ihrerseits
eine Mehrheit für eine Kandidatin aus ihren Reihen zu erzielen. Ob das
angesichts des Unvereinbarkeitsschlusses in der CDU klappt, ist jedoch
offen.
Zumal völlig unklar ist, wie sich die BSW-Fraktion positioniert. Dessen
Bezirksverband hatte sich [5][offen für eine Zusammenarbeit mit AfD in
„Sachfragen“ gezeigt]. Weil in der BVV eine einfache Mehrheit bei Wahlen
und Abstimmungen gilt, könnten teilweise ein paar Enthaltungen reichen, um
Vorschläge durchzubringen.
Mika Warkentin von der M6-Antifa sagt, sie befürchte „fatale Auswirkungen
für die soziale Infrastruktur“ in Marzahn-Hellersdorf. Ein von der AfD
dominiertes Bezirksamt oder zumindest Bezirksparlament könne wichtigen
Angeboten für queere und geflüchtete Menschen die Gelder streichen. „Das
sind Zufluchtsorte“, sagt Warkentin. Soziale Träger hätten Angst, dass ihre
Stellen wegbrechen.
Die Antifa-Gruppe will weiterhin außerparlamentarisch für die Verbesserung
der Lebenslage der Menschen in dem Bezirk kämpfen. Ihre Hoffnungen in eine
mögliche rot-grün-rote Regierung sind sehr begrenzt. Der Stadtrand von
Berlin werde von Parteien und zivilgesellschaftlichen Akteuren kaum
mitgedacht, kritisiert Warkentin. Und sagt: „Es ist ohnehin so: Man kann
nur den Kapitalismus wählen. Doch erst, wenn wir den Kapitalismus
überwinden, werden sich die Umstände zum Besseren wenden.“
22 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Protest-gegen-die-AfD/!6200065
(DIR) [2] /AfD-bei-Berlin-Wahl/!6213642
(DIR) [3] https://wahlen-berlin.de/wahlen/BE2026/Afspraes/bvv/ergebnisse_bezirk_10.html
(DIR) [4] /Tierschutzpartei-im-Wahlkampfmodus/!6213739
(DIR) [5] /BSW-vor-Wahl-in-Berlin/!6213646
## AUTOREN
(DIR) Hanno Fleckenstein
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Wahlen in Berlin
(DIR) Schwerpunkt AfD
(DIR) Schwerpunkt AfD in Berlin
(DIR) Berlin Marzahn-Hellersdorf
(DIR) Berliner Bezirke
(DIR) Bezirksamt
(DIR) GNS
(DIR) Reden wir darüber
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) BSW vor Wahl in Berlin: Wahlkampf mit Wanderpredigerin
Mit viel Optimismus rechnet sich das BSW Chancen bei der Berlin-Wahl aus.
Auf Landesebene wird die Partei aber wohl keine Rolle spielen – anders als
in einigen Bezirken.
(DIR) Marzahn-Hellersdorf vor der Wahl: Viel Frust im Nordosten
Die CDU hat sich im Bezirk als „Kümmerer-Partei“ inszeniert, doch ihre
Investoren-Politik macht sie in der Platte unbeliebt. Kann die Linke davon
profitieren?
(DIR) Protest gegen die AfD: „Wir haben kein Vertrauen in eine vermeintliche Brandmauer“
Am Freitag startet die AfD ihren Wahlkampf für Marzahn-Hellersdorf. Antifas
halten mit einem Konzert dagegen – und sagen auch SPD und CDU den Kampf an.