# taz.de -- Marzahn-Hellersdorf vor der Wahl: Viel Frust im Nordosten
> Die CDU hat sich im Bezirk als „Kümmerer-Partei“ inszeniert, doch ihre
> Investoren-Politik macht sie in der Platte unbeliebt. Kann die Linke
> davon profitieren?
(IMG) Bild: Björn Tielebein, Direktkandidat für das Abgeordnetenhaus in Marzahn-Nord
Das Talcenter im Norden Marzahns hat schon bessere Zeiten gesehen. In dem
neben zwei Supermärkten gelegenen maroden Zweigeschosser gibt es außer
einem Bürgerbüro der CDU vor allem eins: Leerstand. Das kleine
Einkaufscenter in einem der sozial schwierigsten Kieze Berlins soll
abgerissen werden. So will es das Bezirksamt und so will es ein Investor,
der hier neu plant, und zwar vor allem Wohnungen. Viele Wohnungen. Berlin
braucht Wohnungen, keine Frage. Es soll hoch hinaus gehen, höher als die
elf Stockwerke der umliegenden Häuser. Und das ruft eine Bürgerinitiative
auf den Plan.
Der „Bürgerbeirat Zukunft Talcenter“ hat mehr als 1.000 Unterschriften
gegen den Bebauungsplan gesammelt und war auf der
Bezirksverordnetenversammlung. Die Bürger sind nicht grundsätzlich gegen
Neubau, aber sie wollen ein Wort mitreden. Sie wollen, dass hier am
äußersten Stadtrand mehr Infrastruktur für die Bewohner entsteht: Eine
Schule, Einkaufsmöglichkeiten, auch Ärzte sollen angesiedelt werden.
Marzahn-Hellersdorf ist der mit Ärzten am schlechtesten versorgte Bezirk
Berlins. Und einer, in dem mit am meisten neuer Wohnraum für neue Bewohner
entsteht. Das heißt: Noch mehr Menschen müssen in Zukunft um Termine in den
wenigen Arztpraxen betteln. Dabei nehmen schon jetzt viele Ärzte keine
neuen Patienten mehr an.
Eine Frau Anfang 60 schleppt eine schwere Einkaufstasche aus einem
Supermarkt neben dem Talcenter. „Warum werden die Hochhäuser nicht einfach
am Grunewald gebaut, sondern immer bei uns?“, macht sie ihrem Ärger Luft.
Die Antwort ist einfach: Das Bebauungsrecht sieht vor, dass in einem
Wohngebiet nur das gebaut werden darf, das sich baulich in die vorhandene
Struktur einfügt: also Einfamilienhäuser mit viel Grün drumherum zu
Einfamilienhäusern mit viel Grün drum herum – und Hochhäuser zu
Hochhäusern.
## Denen da oben eins auswischen
Die Frau mit der Einkaufstasche übersetzt das so: Marzahn habe eben wieder
„die Arschkarte“ gezogen. Die taz kennt sie nicht, aber dass eine Zeitung
aus dem Westteil der Stadt hierher in die Oberweisbacher Straße kommt, um
mit Bürgern zu sprechen, findet sie dann doch bemerkenswert. „Politiker
lassen sich hier ja nicht blicken, nicht mal im Wahlkampf“, schimpft sie.
Ihre Stimme wird sie „wahrscheinlich wieder“ Gunnar Lindemann von der AfD
geben, der hier schon bei den letzten Wahlen das Direktmandat gewonnen hat.
„Damit kann man denen da oben ja am besten eins auswischen“, sagt sie.
Dass die AfD gewählt wird, obwohl sich ihre Kandidaten kaum mal persönlich
sehen lassen, ärgert die anderen Parteien im Bezirk. „Es gibt viel Frust im
Norden Marzahns“, sagt Björn Tielebein, der für die Linken gegen Lindemann
antritt. „Das betrifft vor allem bundespolitische Themen wie Renten,
Pflege, Kinderarmut, aber auch steigende Mieten.“ Der 42-Jährige, der auch
Landesgeschäftsführer seiner Partei ist, [1][will im problembehafteten
Marzahner Norden enttäuschte Menschen zurückgewinnen]. „Wir als Linke
setzen uns für Mitbestimmung der Anwohnerinnen und Anwohner ein.“
Nicht nur am Talcenter macht eine Bürgerinitiative gegen Bebauungspläne mit
vielen neuen Wohnungen mobil. Auch an der Allee der Kosmonauten und der
Hohensaatener Straße wehren sich Bürger gegen Bauvorhaben von Investoren –
vergeblich. „Das Bezirksamt unter CDU-Mehrheit setzt die Wünsche von
Investoren um, statt mit Anwohnern zu sprechen, die nicht zubetoniert
werden wollen“, kritisiert Tielebein. Planungen, die ganze Kieze in den
Blick nehmen, fänden nicht statt, so Tielebein.
Der Ostbezirk ist nicht nur der Bezirk mit den wenigsten Ärzten pro
Einwohner. Hier arbeiten auch die wenigsten Lehrer in den Schulen. Sieht
man von den Gymnasien ab, haben fast alle Schulen eine unzureichende
Lehrerausstattung, zwischen 70 und 95 Prozent, konstatiert die bezirkliche
SPD. Zudem ist in dem Bezirk die Zahl der Quereinsteiger und auch die der
langzeiterkrankten Lehrer am höchsten.
## Die CDU und ihr „Kiezmacher“-Image
Zusammen mit Linken und Grünen fordern die Sozialdemokraten eine
gesamtstädtische Steuerung der Lehrkräfte. Aber ausgerechnet die aus dem
Bezirk stammende Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) hat
jedwede Steuerung bei der Besetzung freier Lehrerstellen abgeschafft.
Günther-Wünsch wohnt in einem der von Eigenheimen geprägten Ortsteilen im
Bezirk.
Die CDU, die stärkste Partei im Bezirk, ist in einem Dilemma. Einerseits
profiliert sie sich als Kümmerer für die kleinen Leute. „Kiezmacher“ nennen
sich CDU-Politiker, die sich um Ämter und Mandate bewerben. „Die
Kiezmacher“ steht auf den Wahlplakaten der Christdemokraten, und das oft
größer als der Parteiname. Die CDU hat damit schon vor Jahren eine Marke
installiert und will den Leuten damit sagen: Wir sind anders. wir kümmern
uns. In den Bürgerbüros der „Kiezmacherpartei“ finden Bürger konkrete Hilfe
bei den kleinen Dingen des Lebens.
Dass ihr Kreisvorsitzender Mario Czaja öfter mal mit CDUlern der Landes-
und Bundesebene quer liegt, ist Teil dieser Marke. Mit Ausnahme der letzten
Bundestagswahl im Februar 2025, wo ein im Bezirk kaum präsenter AfD-Mann
Czaja das Direktmandat wegschnappte, hat die Marke funktioniert.
Die andere Seite des Dilemmas: Viele Investoren im Bezirk sind
Christdemokraten oder sie stehen dieser Partei zumindest nahe. Sie spenden
für CDU-Events im Bezirk. Will man die nun verprellen, indem man ihre
Bauanträge nicht mehr durchwinkt, weil Bürgerinitiativen dagegen mobil
machen? Im Falle des Talcenters hat Mario Czaja noch vor der letzten
Berlin-Wahl 2023 die Betonpläne den Linken zugeschrieben und für den Fall
eines CDU-Wahlsieges Änderungen versprochen: ein gutes Ärztehaus, Erhalt
von Nahversorgung, Kita und Grün – nachzulesen noch heute auf seiner
[2][Website].
Inzwischen hat die CDU das Bezirksamt fest in der Hand und will davon
nichts mehr wissen. Das könnte ihr bei den Wahlen auf die Füße fallen –
ebenso wie der Gegenwind aus dem Kanzleramt. Heißt das freie Bahn für die
AfD?
## Migrationsrat als Büttel der CDU?
Fest steht: Der Bezirk ist schon lange bunt geworden. Viele Flüchtlinge
haben in Marzahn-Hellersdorf eine Wohnung finden können, es gibt auch recht
viele Flüchtlingsunterkünfte – und immer wieder Proteste von rechts
dagegen, [3][kürzlich sogar einen Anschlag].
In der Politik spiegelt sich die veränderte Zusammensetzung der Bevölkerung
nicht wider. Zwar haben CDU und AfD einige Russlanddeutsche in ihren
Reihen, die mit 25.000 die größte Zuwandergruppe im Bezirk sind. Dennoch
fühlt sich die Gruppe schlecht vertreten, auch von der bezirklichen CDU.
Das mag auch daran liegen, dass die Partei deren prominentesten Vertreter,
Walter Gauks, im vorigen Jahr [4][wegen mutmaßlicher Mauscheleien um den
Spätaussiedler-Verein Lyra Marzahn weitgehend fallen ließ]. Auch dessen
Ex-Frau Olga Gauks, die derzeit via Direktmandat in Marzahn-Mitte im
Abgeordnetenhaus sitzt, kandidiert nicht wieder.
Bei den Linken hat der Mitgliederzuwachs, anders als in anderen Bezirken,
nicht zu Kandidaturen von Migranten geführt. Pascal Grothe, Spitzenkandidat
der Grünen im Bezirk, berichtet hingegen von vielen neuen ukrainischen und
exilrussischen Mitgliedern in seiner Partei. „Da freuen wir uns auf viele
neue inhaltliche Impulse.“
Im Migrationsbeirat des Bezirks fühlen sich die Vertreter reihenweise von
der CDU nstrumentalisiert. Die taz hat mit zwei gegenwärtigen und einem vor
Monaten zurückgetretenen Mitglied gesprochen. Niemand will namentlich in
der Presse genannt werden. Aber alle sagen: „Der Bezirk will nur, dass wir
den CDU-Vorschlägen zustimmen, wir fühlen uns als Feigenblätter.“ So sollte
der Migrationsbeirat 2024 [5][die Fördergelder für den umstrittenen Verein
Lyra Marzahn abnicken]. Er weigerte sich.
Seitdem sei die Stimmung mies, so die Mitglieder. „Wir erhalten vom
Bezirksamt kaum noch Informationen. Es werden nicht einmal Informationen
vom Landesbeirat für Migration weitergeleitet.“ Mehrere Mitglieder hätten
auf eigenen Wunsch den Rat verlassen.
Daraufhin berief das Bezirksamt 2025 drei Mitglieder nach, eine
CDU-Mandatsträgerin ohne Migrationshintergrund und zwei Personen aus dem
Umfeld von Lyra Marzahn. Laut Bezirkssprecherin wurden diese neuen „auf
Vorschlag des Bezirksamts sowie der Bezirksverordnetenversammlung
ausgewählt.“ Das weist die grüne Bezirksverordnete Chantal Münster scharf
zurück. „Die BVV wurde nur informiert, sie hat nicht mitentschieden.“
Die Mitglieder des Migrationsbeirates, mit denen die taz gesprochen hat,
sagen: „Wir treten nicht erneut an, weil die Arbeit dort keinen Sinn macht.
Nach unserer Kenntnis wird von den aktiven Mitgliedern wohl niemand neu
kandidieren.“
24 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Haustuerrecherche-der-Linkspartei/!6155702
(DIR) [2] https://www.mario-czaja.de/tal-center/
(DIR) [3] /Anschlag-auf-Fluechtlingsunterkunft/!6201131
(DIR) [4] /Ermittlungen-des-LKA-Berlin/!6082419
(DIR) [5] /Senats-Beauftragter-Walter-Gauks/!6080815
## AUTOREN
(DIR) Marina Mai
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