# taz.de -- Berlin Art Week 2026: Alles so schön glatt hier
> Die Berlin Art Week feiert 15-jähriges Jubiläum und tischt groß auf. Was
> bleibt von mehr als 120 teilnehmenden Institutionen, Festivals, Galerien,
> Messen und Off-Spaces?
(IMG) Bild: Kümmert sich nicht um den Rest der Welt. Filmstill aus: Gordon Matta-Clark, Conical Intersect, 1975
Einen massiven Klotz haben die Baseler [1][Stararchitekten Herzog & de
Meuron mit dem Berlin Modern] gerade in das Berliner Kulturforum
gequetscht. Das Museum soll in Zukunft die Kunst für die Öffentlichkeit
feiern, macht aber knapp Halt vor der breiten Potsdamer Straße wie ein
verschrecktes Kutschpferd vor der Bahnschranke. Dabei könnte hier am
Kulturforum, [2][Zentrum der Berlin Art Week], vor der Scharoun’schen
Staatsbibliothek einfach mal ein riesiger, öffentlicher, urbaner Platz
entstehen. Ein bisschen radikaler darf man schon denken, liefen doch gerade
während dieser Kunstwoche im Inneren des Rohbaus von Berlin Modern die
Filme von Gordon Matta-Clark, in denen er Häuser und Stadträume zerfräst
und zersägt, als wären sie ein Stück Butter.
Stattdessen zieht an der breiten Straßenachse nur mau mal ein Stadtbus
vorbei, es sei denn die Prinzessin von Katar und Großmäzenin Al-Mayasa bint
Hamad bin Khalifa Al Thani braust mit ihrer Limousinen-Flotte vor die Neue
Nationalgalerie, wo sie in den letzten Tagen auch gleich verkündete, dass
Gerhard Richter für sie in Doha einen eigenen Pavillon gestalten wird.
Allgemeinen Aufruhr konnte man da vernehmen, dass der katarische Reichtum
aus Erdöl- und Gasgeschäften auch den „größten deutschen Künstler der
Gegenwart“, so die Prinzessin, korrumpiere, als wäre der Kunstbetrieb sonst
rein von globalem Kapital. Ohnehin war diese Kunstwoche eine der
Kunstmarkt-Schwergewichte und des Bling-Bling, fast so, als wäre man auf
der weltgrößten Kunstmesse in Basel – Ersan Mondtag trug demonstrativ Gucci
bei der Party zu seiner Performance-Reihe in der Gemäldegalerie, eine
saudi-arabische Delegation sei da gewesen. Der Direktor der Neuen
Nationalgalerie, Klaus Biesenbach, holte Maurizio Cattelan in die Neue
Nationalgalerie und zieht Matta-Clark auf riesige Projektionsflächen,
obwohl dieser zu Lebzeiten lieber im Illegalen Architektur zersägte.
Auch Trisha Browns wieder aufgelegte Performance „Walking on the Wall“ von
1971 hatte was Subversives: Ihre Performer:innen liefen einfach mal in
der Horizontalen entlang der Glaswände der Neuen Nationalgalerie, als wäre
die Schwerkraft ausgehebelt. Warum nicht ganz real und ganz lokal einfach
nebenan die Trägheit von Stadtplanung und Berliner Behörden sprengen, denkt
man sich dann, und die Potsdamer Straße zu einem großen, autofreien Platz
erklären.
Denn der öffentliche Raum und wie wir unsere Körper darin verhandeln,
tauchten viel auf in diesen Tagen: Anys Reimann tunkt auf ihren
collagierten Malereien im Charlottenburger Antonymen Salon die Schwarze
Frau lieber ins Dunkel der Nacht, und Rachel Monosov fragte bei einer
Performance im Künstlerhaus Bethanien, welchen repräsentativen Zwängen man
in der Öffentlichkeit ausgesetzt ist: Menschen waren an meterlange Zöpfe
gespannt und rollten in die Geduld herausfordernden Slow-Motion-Bewegungen
weiße Fahnen ein und aus. Und bei einem Panel im Hamburger Bahnhof, wo die
Direktorin des Kunstmuseums Magdeburg, Annegret Laabs, nun nach dem
AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt [3][eine Welle der Kulturkürzungen befürchtet],
kam der Ruf auf, die Kunst müsse vor allem ins Öffentliche. Sophie Jung
## Mundgerechte Häppchen
1976 war es, als [4][Gordon Matta-Clark] im New Yorker MoMA PS1 vertikal
ausgerichtete, rechteckige Öffnungen durch drei Stockwerke des Gebäudes
schnitt. „Doors Floors Doors“ hieß die Arbeit, sie war Teil der Ausstellung
„Rooms“, die die Institution für zeitgenössische Kunst damals eröffnete. Es
erstaunte also wenig, dass es nun ausgerechnet Matta-Clark war, dessen
Arbeiten anlässlich der Art Week im Rohbau des Berlin Modern gezeigt
wurden, kuratiert vom Direktor der Neuen Nationalgalerie, Klaus Biesenbach,
persönlich. Schließlich war dieser ab 2010 acht Jahre lang Leiter des
MoMA-Ablegers.
Was dann doch erschütterte, war die Biederkeit. Hatte man erwartet, dass im
Stile Matta-Clarks in die Baustelle des Rohbaus eingegriffen werden würde,
wurde man bitter enttäuscht: Was man sah, waren Filme. Die sind zweifellos
toll, verwandelten aber die einst so radikalen Werke des
Dekonstruktionskünstlers lediglich in museale Nostalgie und Sehnsucht. Nach
einer analogen Zeit vor der kompletten Einverleibung jeden Funken Lebens in
globale Markt- und Markenlogiken, die in dieser Art Week allgegenwärtig auf
die Spitze getrieben zu sein schienen.
Statt jungen Positionen die Chance zu geben, etwas wirklich Visionäres auf
der Baustelle auszuprobieren, wurde dort der Geist des Drastischen
lediglich beschworen. Es ist schwer vorstellbar, dass der schon 1978
verstorbene Matta-Clark damit einverstanden gewesen wäre, der schließlich
einst als Beitrag einer Ausstellung mit Beiträgen seiner ehemaligen
Professoren („I hate what they stand for“) mit einem Luftgewehr die Fenster
des Ausstellungsraumes herausschoss.
Doch die Präsentation passt zum Zeitgeist. Alles so schön glatt hier.
Zyniker könnten anmerken, dass in diesem Jahr eben auch nur vom
Wirtschafts- und nicht vom Kultursenat gefördert wurde, doch natürlich
fügte sich damit nur zufällig die Form zum Inhalt. Als weiteres
Gegenwartssymptom kam meist die Gegenkultur in mundgerechten Häppchen. Die
hatte es auch in Form von Patisserie im Adlon Kempinski gegeben, wo,
angeführt von der Künstlerin Sunny Pudert, die wohl begehrteste Performance
der Art Week stattfand. Doch in der ikonischen Royal-Suite, aus deren
Fenster Michael Jackson einst sein Baby hielt, waren die Plätze begrenzt.
Unten in der Lobby drängten sich die Wartenden. Der konzentrierte Wahnsinn
der „Ordinary Tales of City Madness“ blieb – wie im echten Leben – halt nur
Wenigen vorbehalten.
Erstaunlich leer blieb es dafür Freitagnacht in der Moabiter
Arminiusmarkthalle. Die Münchner Krawallnudeln von [5][Chicks on Speed]
gaben dort ein DJ-Set zum Besten, um die Bar der [6][Galerie Ebensperger]
mit ihrer Vorliebe für abwegige Räumlichkeiten am neusten Standort
einzuweihen. Zwischen Bier und Neonschminke fand sich hier zumindest breite
Konsensstimmungen in der Nachbesprechung der Galerieausstellungen der
Potsdamer Straße: David Claerbout bei Esther Schipper: hot. Gerhard
Richters Ehefrau Sabine Moritz bei Max Hetzler: not. Hilka Dirks
## 14 Tage in einer Woche
Man muss sich schon auch auf den Füßen herumstehen wollen. Das Programm der
Berlin Art Week wird mit jedem Jahr satter, spätestens seit es um die
vollständige Formation des Gallery Weekends angereichert ist.
Das neue Festival Soft Power – nicht zu verwechseln mit dem bereits
etablierten, sehr guten Projektraum Soft Power – hat sich die Art Week
einverleibt samt zweieinhalbtägigem Rund-um-die-Uhr-Programm. Das
Designfestival Currents debütierte Art-Week-unabhängig über den Stadtraum
verteilt. Literaturfestival war außerdem und natürlich das Drachenfestival
auf dem Tempelhofer Feld.
Wie kompliziert kann man es machen, damit sich Kunstinteressierte bei
denkbar vielseitigem Angebot am Ende doch nur an denselben Orten
wiederfinden und im Wesentlichen auch dasselbe sagen? [7][Ersan Mondtag in
der Gemäldegalerie]: hui („Warst du früher auch immer im King Size?“), bei
Dittrich & Schlechtriem pfui, weil so viel Kopulationsgetue muss dann auch
nicht sein.
Vom Museumsneubau Berlin Modern erwartet man Großes, weil man Großes
erwarten will. Was hingegen niemand vergessen hat: die Sache mit dem
einstigen Nachwuchspreis. Maurizio Cattelans Tauben in der Neuen
Nationalgalerie jedenfalls werden nur mit Beisatz „ja, aber“ gut gefunden.
Innerhalb des S-Bahn-Rings sind sich also alle einig. Außerhalb des
S-Bahn-Rings liegen und lehnen die, die alles richtig gemacht haben. Zum
Beispiel im Kochhaus der DRK Kliniken Berlin Westend, wo Lu Yang zwei
bekannte Videoarbeiten zerstückelt und zwecks intimer Gucksituation auf
zehn Screens für je ein Krankenbett aufgeteilt hat. Oder auf dem Gelände
der Haubrok Foundation, wo UdK-Absolventin Seongwon Park ihre Reduktionen
Lichtenberger Fassaden in einer Industriehalle floaten lässt.
Auf den Treppenstufen des Privatmuseums [8][Fluentum in
Steglitz-Zehlendorf] passen plötzlich 120 Sekunden in eine Minute. Dort
taucht Arash Nassiri alles in Blau: die Prunkarchitektur seines
Insekten-Puppen-Videos, die unbehagliche Nazi-Pracht des Ausstellungsraums.
Der Final Boss der Entschleunigung: das Reethaus in – schon wieder –
Lichtenberg. Hier herrscht ab Eingangstür Schweigefuchsimperativ. Zu Füßen
von getrocknetem Schilfrohr und Waschbeton dösen ausgestreckt dicht
aneinander diejenigen, die zum Ende der Art Week nicht mehr viel zu sagen
haben. Klangkunst lässt den Raum vibrieren, eine Viertelstunde oder vier
Tage später: vollständige Entspannung. Während der Berlin Art Week am
besten rausfahren und rumliegen. Memo fürs nächste Jahr. Anna Meinecke
14 Sep 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Sophie Jung
(DIR) Hilka Dirks
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