# taz.de -- Forstwissenschaftlerin über Waldbrände: „Der Trend geht hin zu Megabränden“
> An riesige Waldbrände wird Europa sich gewöhnen müssen. Wie sich die
> Wälder dennoch erholen und wie wir Megabrände verhindern können, erklärt
> Magdalini Pleniou.
(IMG) Bild: Im griechischen Dadia-Nationalpark keimt nach dem verheerenden Brand 2023 neues Leben auf
taz: Frau Pleniou, 2026 gilt schon als Waldbrand-Jahr. Gibt es in Europa
tatsächlich jedes Jahr [1][mehr und stärkere Brände]?
Magdalini Pleniou: In mediterranen Ökosystemen wie Griechenland steigt die
Gesamtzahl der Brände nicht jedes Jahr an, in einigen Gebieten hat sie sich
aufgrund besserer Erkennung und Bekämpfung sogar stabilisiert oder ist
zurückgegangen. Doch die Brände werden größer, intensiver, treten häufiger
auf und sind schwerer zu kontrollieren. Der Trend geht hin zu Megabränden,
die sich rasend schnell ausbreiten, ihr eigenes Wetter erzeugen und selbst
die modernsten Brandbekämpfungssysteme überwältigen.
taz: Das klingt, als könnte man die Feuer kaum noch in den Griff bekommen.
Pleniou: Das muss man auch nicht unbedingt. Waldbrände sind nicht von Natur
aus zerstörerisch. Feuer ist ein natürlicher und notwendiger Prozess für
viele Ökosysteme, und manche benötigen sogar Feuer, um gesund zu bleiben.
Brände können aber destruktiv werden, wenn sie zu häufig oder zu intensiv
sind oder unter extremen Bedingungen auftreten. Deswegen müssen wir
präventiv arbeiten, zum Beispiel mit Brandschneisen.
taz: Wie können Menschen vor Ort Brände verhindern?
Pleniou: Die Einheimischen sind diejenigen, die die Vegetation
bewirtschaften, das Land pflegen und oft als Erste Brände entdecken. Ein
erfolgreiches Beispiel für diese Zusammenarbeit ist der gezielte
Weidebetrieb in Spanien und Portugal, wo Landwirte mit ihrem Vieh
Brandschneisen erhalten und so brennbare Masse reduzieren. Das stellt eine
wirksame, kostengünstige Strategie zum Brennstoffmanagement dar und
unterstützt gleichzeitig die lokale Wirtschaft und traditionelle
Lebensgrundlagen.
taz: Der feuersicherste Wald ist also einer, der von Menschen nachhaltig
bewirtschaftet wird?
Pleniou: Ohne Einheimische, die Vieh weiden lassen, Holz ernten und den
Wald pflegen, enthält die Landschaft mehr brennbare Stoffe, was in der
Folge zu katastrophalen Waldbränden führen kann. Die Einbindung lokaler
Gemeinschaften gewährleistet bessere Entscheidungen, verringert Konflikte
und führt dank ihres Wissens und ihrer Unterstützung zu nachhaltigeren
Ergebnissen.
taz: Sie forschen in Griechenland. Wie gut unterstützt Sie die dortige
Regierung?
Pleniou: Zentral ist die Frage, wie Ressourcen und Finanzmittel verteilt
werden. Untersuchungen zeigen immer wieder, dass wir Geld für die
Brandbekämpfung ausgeben, während deutlich weniger darein investiert wird,
langfristig zu planen und die Brennstoffmenge zu reduzieren. Der Ansatz der
Regierung räumt oft der unmittelbaren Sicherheit von Menschen und Eigentum
Vorrang ein, was natürlich notwendig ist. Im Gegensatz dazu konzentrieren
sich Umweltverbände auf die langfristige Widerstandsfähigkeit des
Ökosystems.
taz: Wie können politische Entscheidungen denn konkret dazu beitragen, das
Waldbrandrisiko zu verringern?
Pleniou: Raumplanung ist zum Beispiel eines der wirksamsten Instrumente zur
Bewirtschaftung dieser Hochrisikogebiete. Die Tragödie des Waldbrands 2018
in Mati bei Athen ist ein bemerkenswertes Beispiel. Das Gebiet war dicht
und oft unreguliert bebaut außerdem gab es zu wenig Fluchtwege. Deswegen
konnte sich schnell ausbreitendes Feuer zu einer riesigen Katastrophe mit
hohen Verlusten an Menschenleben entwickeln
taz: So viel zur Vorbeugung. Wie kann die Regeneration von Wäldern nach
Bränden gezielt gefördert werden?
Pleniou: Viele Menschen glauben, die Lösung nach einem Brand bestehe darin,
sofort Bäume zu pflanzen. Forschungsergebnisse belegen jedoch, dass die
natürliche Regeneration effektiver ist. Wenn zu viele falsche Baumarten in
dichten Reihen gepflanzt werden, kann das die Erholung des Ökosystems
beeinträchtigen und sogar das Risiko künftiger Brände erhöhen.
taz: Also einfach alles lassen wie es ist?
Pleniou: Ganz so einfach ist es nicht. In stark geschädigten Gebieten, in
denen eine natürliche Erholung nicht möglich ist, kann eine
Wiederaufforstung notwendig sein. Als Erstes müssen wir jedoch den Boden
schützen. Erosion ist oft die größte Gefahr für die Erholung. Da reicht es
schon, wenn man verbrannte Vegetation an Ort und Stelle lässt, kleine
Barrieren an Hängen errichtet und die Gebiete in den ersten Jahren nicht zu
intensiv als Weidefläche nutzt.
taz: Gibt es Wendepunkte, an denen sich ein Wald nicht mehr erholen kann?
Pleniou: Viele mediterrane Arten sind an Feuer angepasst und können sich
ohne menschliche Hilfe regenerieren oder aus Samen keimen. In diesen
Landschaften ist Feuer nicht per se eine Katastrophe, sondern erst mal ein
Erneuerungsmechanismus. Daher ist es vor allem entscheidend, wiederholte
Brände zu verhindern, denn junge Ökosysteme sind sehr anfällig. Wenn zu
früh ein weiterer Brand auftritt, kann das die Landschaft dauerhaft in
Busch- oder Grasland verwandeln.
taz: Sie haben auch im Dadia-Nationalpark geforscht. Dort hat es [2][2023
den größten Waldbrand in der Geschichte] der EU gegeben. Was konnten Sie
beobachten?
Pleniou: Im Dadia-Wald lassen die Analysen eine eindeutige Schlussfolgerung
zu: Der Schweregrad des Brandes ist der wichtigste Faktor, der die
Regeneration nach einem Brand beeinflusst. In Gebieten mit geringer bis
mäßiger Brandschwere bleiben lebende Wurzeln und Samen erhalten und die
Gebiete können sich innerhalb weniger Vegetationsperioden meistens aus
eigener Kraft erholen. Im Gegensatz dazu gehen Gebiete mit hoher
Brandschwere typischerweise mit Vegetationsverlust und geschädigten Böden
einher. In solchen Fällen ist eine natürliche Regeneration weniger
wahrscheinlich.
taz: Woran erkennt man, ob der Wald sich wirklich erholt?
Pleniou: In mediterranen Ökosystemen keimen nach einem Brand entweder
Samen, etwa von Kiefern, oder neue Wurzeln treiben wie bei Eichen und
Sträuchern aus Wurzeln aus, die überlebt haben. Viele Arten sind an Feuer
angepasst und im Rahmen ihres Lebenszyklus darauf angewiesen. Eine stabile
Regeneration ist erst dann erreicht, wenn die neue Baumgeneration die
Fortpflanzungsreife erreicht hat und eigene Samen produzieren kann – ein
Prozess, der bei mediterranen Kiefern etwa 15 bis 25 Jahre dauert. Wenn
Brände zu häufig auftreten oder zu intensiv sind, insbesondere in
Verbindung mit Dürre und Bodendegradation, kehren einige langsam wachsende
oder feuerempfindliche Arten lokal möglicherweise gar nicht zurück.
taz: Wie gut lässt sich ein kritisches Waldbrandjahr anhand von [3][Daten]
vorhersehen?
Pleniou: Wir können die Risikofaktoren über Wetter- und Klimaindikatoren,
Temperaturabweichungen und Trockenheitswerte recht gut vorhersagen. Sehen
wir beispielsweise einen warmen Sommer und geringe Niederschläge im Winter,
steigt die Wahrscheinlichkeit eines kritischen Waldbrandjahres deutlich an.
Allerdings gibt es wichtige Einschränkungen. Waldbrände werden nach wie vor
häufig – ob absichtlich oder nicht – von Menschen verursacht. Außerdem
werden sie von kurzfristigen Wetterbedingungen wie starken Winden
beeinflusst. Daher können Klimadaten zwar darauf hindeuten, dass eine
Saison sehr gefährlich ist, aber sie können nicht zuverlässig vorhersagen,
ob ein bestimmtes Jahr katastrophal verlaufen wird.
3 Oct 2026
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(DIR) Marco Fründt
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