# taz.de -- Kunst aus China in Kasseler Ausstellung: Fündig werden sie in der Wirklichkeit
       
       > Was wissen wir über chinesische Kunst? Die Schau „The China Moment“ im
       > Kasseler Kunstverein spiegelt Chinas spannungsreichen Weg in die
       > Gegenwart.
       
 (IMG) Bild: Landschaft mit staatlichem Erdölunternehmen: Hong Hao & Yan Lei, „Snow Bull“, 2009, Ansicht „The China Moment“ documenta Insitut
       
       Im Mai 1997 erging an einhundert chinesische Künstler die Einladung,
       parallel zur anstehenden documenta X an einer Ausstellung chinesischer
       Kunst teilzunehmen. Das Schreiben unter offiziellem documenta-Briefkopf war
       unterzeichnet von einem Kurator namens Ielnay Oahgnoh. Bitte wer? Manche
       durchschauten den Scherz, andere nicht – und reagierten verärgert, als der
       Schwindel aufflog.
       
       Yan Lei und Hong Hao, beide Anfang dreißig, hatten sich die Einladung
       ausgedacht und an die Künstlerkollegen adressiert. Sie legten damit bloß,
       wie groß das Bedürfnis war, an der documenta als vermeintlicher Drehscheibe
       des Weltkunstgeschehens teilzunehmen. Das war 1997 noch nicht
       selbstverständlich. Die documenta diente als Symbol des Ausbruchs aus
       nationaler und provinzieller Enge.
       
       Fünfzehn Jahre später wurde Yan Lei tatsächlich zur documenta-Teilnahme
       eingeladen; eine hübsche Ironie der Geschichte. Sie ist vermerkt im Katalog
       der Ausstellung „The China Moment. Contextualizing Individualism in Chinese
       Contemporary Art“, mit der das documenta Institut im Fridericianum erstmals
       an die Öffentlichkeit tritt. Die von den Kurator:innen Mi You, Su Wei
       und Anna-Lisa Scherfose erarbeitete Ausstellung samt begleitendem, Katalog
       hat sich damit gleich ein denkbar schweres Thema gewählt, denn: Was wissen
       wir schon über chinesische Kunst?
       
       Die Frage geht tatsächlich weit tiefer; denn was wissen wir schon über die
       chinesische Geschichte der jüngeren Zeit? Es die Geschichte des
       atemberaubenden Wandels von Wirtschaft und Gesellschaft bei gleichzeitiger
       Aufrechterhaltung des politischen Systems, das heißt, der ungeschmälerten
       Vorherrschaft der [1][kommunistischen Partei und ihres allmächtigen
       Vorsitzenden.]
       
       ## Der von Deng Xiaoping losgetretene Wandel
       
       Chinas Weg in die Gegenwart unterscheidet sich grundlegend von den Wegen
       anderer Länder, worauf Institutsdirektor Heinz Bude im Katalog hinweist.
       Auch im Bereich der Kunst: Denn so etwas wie „zeitgenössische Kunst“ gab es
       im Land der jahrhundertealten Akademien nicht. Sie entstand erst mit dem
       von [2][Deng Xiaoping im Jahr 1979 losgetretenen Wandel]. Im Westen wuchs
       fortan das Interesse. Doch inzwischen scheint der „China Moment“ schon
       wieder vorbei, wie die Ko-Kuratorin und Kasseler Professorin Mi You,
       Autorin der Monografie „Art in a Multipolar World“, anmerkt.
       
       Die Ausstellung, die sich als Forschungsprojekt versteht, stellt
       unterschiedliche Formen des Individualismus zur Diskussion „Individualismus
       als Reaktion“ ist das erste Kapitel überschrieben, und es beginnt mit dem
       tragischen Schicksal von Daton Dazhang. „I saw Death“ von 1998 ist ein
       fotografisches Selbstporträt mit bohrendem Blick. Die wiederholte
       Beschäftigung mit dem Tod führte schließlich zum Selbstmord Anfang 2000, im
       Katalog als „Wendepunkt“ für die Kunstszene bezeichnet.
       
       Lu Jie und Qiu Zhjie unternahmen wenig später eine Art Reenactment des
       legendären „Langen Marsches“ des Vorsitzenden Mao, indem sie dessen Weg mit
       Künstlern und lokalen Bewohnern nachstellten – und der Figur eines Babys
       aus Kunststoff, die immer mitgetragen und auf den Fotografien von Jhiang
       Jie festgehalten ist; eine Reise durch Ort, Zeit und Veränderung.
       Provokativer ist Wang Guangyi, der sich in der Serie „Cold War Aesthetics“
       von 2007 mit den spezifischen Formen militärischer Propaganda der Mao-Zeit
       auseinandersetzt.
       
       Es fällt auf, wie stark die in Kassel gezeigten Künstler ihrerseits
       Feldforschung betreiben und die vorgefundene Wirklichkeit dokumentieren.
       Fotografie und Video sind die gebotenen Mittel. Erst im zweiten Kapitel,
       „Individualismus als Partizipation“, findet sich Malerei, bei Hang Hao &
       Yan Lei – den Urhebern der documenta-Schwindeleinladung! – in Gestalt eines
       Monumentalgemäldes als gemalter Collage, angesiedelt rings um eine
       Tankstelle des Ölkonzerns „Sinopec“ im Schneetreiben („Snow Bull“, 2009).
       
       In einer Ecke der Kasseler Ausstellung überrascht dann eine grün patinierte
       Bronzeskulptur: eine Sitzfigur, die auf einem der Weidekörbe ausruht, in
       denen in Naturalform die Pacht abzuliefern ist. „Der Hof des
       Pachteintreibers“ heißt die 114 lebensgroße Tonfiguren umfassende Szene,
       die, 1965 kurz vor der Kulturrevolution geschaffen und vorgestellt, durch
       Maos Ehefrau Jiang Qing zum Modell des sozialistischen Realismus erklärt
       und landauf, landab vorgeführt wurde.
       
       [3][Harald Szeemann] wollte das Figurenensemble auf seiner legendären
       documenta 5 von 1972 vorstellen, was nicht gelang; erst 1999 konnte in
       Venedig zumindest eine Nachbildung gezeigt werden (und erhielt prompt den
       Goldenen Löwen).
       
       Es ist nicht zuletzt das nach Kassel als Gastgeschenk gelangte
       Bronzefigürchen, an dem sich der Abstand der post-kommunistischen Kunst
       ermessen lässt. Und nicht größer könnte der Abstand zum K[4][ollektivismus
       sein, den der namenlose Mann in Wang Bings] anderthalbstündigem Video „Man
       with no Name“ von 2009 hält, ein Mann allein in einem ortlosen Land, mit
       dem puren Überleben beschäftigt, ohne Kontakt zu irgendwelchen Dritten –
       „Individualismus in der Gestalt stillen Widerstands“, wie der Katalog dazu
       anmerkt.
       
       25 Positionen werden gezeigt, von einzelnen Künstlern bis hin zu
       Kollektiven. Was der Betrachter an ihnen erkennen kann, ist der Abstand zur
       westlich globalisierten Kunstszene. China, einmal mehr kommt es zu
       Bewusstsein, ist ein eigener Kontinent.
       
       9 Feb 2026
       
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