# taz.de -- Rede zur Lage der EU: Die Pläne der Ursula von der Leyen
> Die EU-Kommissionspräsidentin hat ihre jährliche Rede vor dem
> EU-Parlament gehalten. Es ging um ein Social-Media-Verbot für Kinder,
> Verteidigung, Hitze und Kanada.
(IMG) Bild: Rede vor dem Europaparlament: „Wendepunkte unserer Zeit“
An diesem Mittwochmorgen hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen
(CDU) ihre jährliche Rede „State of the European Union“, kurz SOTEU, vor
dem EU-Parlament in Straßburg gehalten. Darin präsentierte sie eine halbe
Stunde lang ihre Pläne für den Brüsseler Politikbetrieb für das kommende
Jahr und darüber hinaus – und wirbt um Mehrheiten.
Zum ersten Mal befand sich auch ein Regierungschef im Publikum: der
kanadische Premierminister Mark Carney.
Was von der Leyen genau plant: Eine Übersicht.
Social-Media-Verbot für Kinder unter 13 Jahren
Die EU-Kommission will den Zugang zu sozialen Netzwerken für Kinder unter
13 Jahren in den EU-Mitgliedsländern beschränken. „Keine sozialen Netzwerke
unter dem Alter von 13 Jahren. Kein eigenes Nutzerkonto unter dem Alter von
15 Jahren“, sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.
Die großen Plattformen sehen schon jetzt in ihren Geschäftsbedingungen ein
Mindestalter von 13 Jahren vor. Die Internetwächter in Brüssel kritisierten
jedoch wiederholt, dass diese Altersgrenze nicht richtig durchgesetzt
werde. Das soll sich durch die neuen Vorgaben ändern – die Plattformen
sollen in die Pflicht genommen werden.
Die Beweislast solle umgekehrt werden, sagte von der Leyen: „Die
Plattformen müssen beweisen, dass sie sicher sind. Es geht nämlich nicht
darum, dass unsere Minderjährigen auf soziale Medien zugreifen. Es geht
darum, wann und in welchem Ausmaß wir sozialen Medien den Zugang zu
Minderjährigen erlauben.“
Ab 13 Jahren dürfen Jugendliche künftig nach von der Leyens Vorstellung
etwas mehr: Dann sollen sie „Mini-Konten“ nutzen dürfen, die von den Eltern
eingerichtet und beaufsichtigt werden, mit begrenzten Funktionen und
zeitlicher Einschränkung. (dpa)
„Assoziierte“ EU-Mitgliedschaft für Kanada
Von der Leyen will Kanada den Weg zu einer assoziierten Mitgliedschaft in
der Europäischen Union ebnen. Das Land könnte damit das erste assoziierte
Mitglied der EU werden, sagte sie.
Trumps Zölle und seine wiederholten Äußerungen, Kanada könne zum 51.
US-Bundesstaat werden, haben Ottawa dazu veranlasst, engere wirtschaftliche
und sicherheitspolitische Beziehungen zu Europa anzustreben. Von der Leyen
kündigte an, auf dem bestehenden Freihandelsabkommen Ceta aufzubauen und
eine umfassendere „Allianz für die Zukunft“ zu schaffen. Diese solle einen
gemeinsamen Raum für Wohlstand und wirtschaftliche Sicherheit bilden. (ap)
Einen eigenen Artikel 4 für die EU
Die EU-Kommissionspräsidentin will einen von der Nato unabhängigen
Alarmmechanismus für Sicherheitskrisen unterhalb der Schwelle eines
bewaffneten Angriffs schaffen. „Wir brauchen einen Mechanismus analog zum
Artikel 4 des Nato-Vertrags“, sagte die deutsche Spitzenpolitikerin. Zudem
kündigte von der Leyen ein Konzept für einen Europäischen Sicherheitsrat
an. (dpa)
Weitreichende Winterhilfe für die Ukraine
Der Ukraine hat von der Leyen für den bevorstehenden Winter die
weitreichendste Unterstützung der Europäischen Union seit Beginn des
russischen Angriffskriegs zugesagt. Der kommende Winter werde für die
Ukraine der härteste seit Kriegsbeginn werden, so die
Kommissionspräsidentin. Gemeinsam mit Partnern wolle die EU humanitäre
Hilfe leisten und die Strom- und Wärmeversorgung der Ukraine stärken.
Zudem solle die ukrainische Luftverteidigung ausgebaut werden.
US-Patriot-Abwehrraketen müssten dazu dringend geliefert werden. Die EU
müsse jedoch gemeinsam mit der Ukraine die Abhängigkeit von einem einzigen
Lieferanten verringern. Dazu solle ein kostengünstiges, modulares
Raketenabwehrsystem entwickelt werden, bei dem das ukrainische Projekt
„Freyja“ im Mittelpunkt stehe. (rtr)
Schnellerer Ausbau der Erneuerbaren
Seit Beginn des Irankriegs hat die EU zusätzlich 90 Milliarden Euro für die
Einfuhr fossiler Brennstoffe ausgegeben. Und das „ohne auch nur ein
einziges Energie-Molekül mehr zu bekommen“, sagte von der Leyen vor dem
Europaparlament.
Durch die Schließung der Straße von Hormus habe man einmal mehr schmerzhaft
zu spüren bekommen, wie teuer Europas generelle Abhängigkeit von
importierten fossilen Brennstoffen ist. „Deshalb müssen wir bei unseren
eigenen, erschwinglichen und sauberen Energien viel mehr tun“, so die
Chefin der EU-Kommission. „Wir müssen dadurch unabhängig werden.“
Für diese Unabhängigkeit müsse Europa stärker elektrifiziert werden, sagte
von der Leyen. Das Ziel der Kommission ist es, den Anteil der Elektrizität
bis 2040 zu verdoppeln. Eingespart werden sollen bis dahin Schätzungen
zufolge bis zu 260 Milliarden Euro an fossilen Importkosten. Damit die
erzeugte Energie auch verfügbar ist, müssten Netzanbindungen beschleunigt,
Speicher ausgebaut und Investitionen beschleunigt werden. (dpa)
Europäischer „Plan für Hitzewellen“ und „Allianz für Klimaversicherung“
Nach den Hitzerekorden und Waldbränden in diesem Sommer bezeichnete von der
Leyen den Klimawandel als einen der „Wendepunkte unserer Zeit“. „Europa
kann, muss und wird bei seinen Klimazielen Kurs halten“, versprach sie in
ihrer Rede. Zudem werde die Kommission einen „europäischen Plan für
Hitzewellen vorstellen“.
Von der Leyen forderte „bessere Frühwarnsysteme und bessere Krisenvorsorge
im Gesundheitswesen“. Europa müsse den Klimawandel eindämmen und sich
gleichzeitig anpassen. „Dieser Sommer darf sich nicht wiederholen.“ 660.000
Hektar Land seien in der EU insgesamt verbrannt, 35.000 Menschen an den
Folgen der Hitze gestorben. Flüsse wie die Donau und der Rhein
„verschwinden vor unseren Augen“.
Die Kommission werde in den nächsten Wochen die am meisten gefährdeten
Gebiete in Europa ermitteln, kündigte von der Leyen an. Auch eine „Allianz
für Klimaversicherung“ wolle die Behörde ins Leben rufen. Sie verwies
darauf, dass nur rund ein Viertel der Katastrophenschäden in Europa durch
private Versicherungen abgedeckt seien. Zu oft müsse der Staat aushelfen.
Europa ist laut Wissenschaftlern der Kontinent, der sich infolge des
globalen Klimawandels am schnellsten erwärmt. Diesen Sommer wurden weite
Teile Europas, darunter auch Deutschland, wiederholt von teils
langanhaltenden extremen Hitzewellen erfasst. Die Folgen davon waren unter
anderem Temperaturrekorde, heftige Waldbrände, extrem niedrige Pegelstände
der Flüsse und zahlreiche Hitzetote. (afp)
Beratung mit Entwicklern über die Eindämmung von KI-Risiken
Die Kommission will mit führenden KI-Entwicklern darüber beraten, wie die
Risiken dieser Technologie begrenzt werden können. Darüber hinaus wolle die
EU in Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Partnern wie Kanada oder
Großbritannien die Regulierung der Branche vorantreiben, kündigte von der
Leyen an.
Zuletzt hat die Debatte um die Risiken künstlicher Intelligenz (KI) an
Fahrt aufgenommen. Auslöser waren die Warnungen mehrerer Experten und auch
Vertretern der Branche, die Menschheit könnte die Kontrolle über die
Technologie verlieren und dadurch ihr eigenes Ende einläuten. Sie
plädierten daher dafür, das Tempo der Entwicklung zu drosseln.
In den vergangenen Monaten hatten hochentwickelte KI-Programme –
sogenannte KI-Agenten, die Aufgaben weitgehend selbstständig erledigen –
mehrfach Sicherheitsvorkehrungen umgangen und waren in die IT-Systeme
Dritter eingedrungen. US-Präsident Donald Trump will von einer
verschärften Regulierung der KI-Branche dennoch nichts wissen. Warnungen
vor den Gefahren der Technologie seien ein „Schwindel“ und spielten China
in die Hände. Die USA und die Volksrepublik liefern sich einen Wettlauf
um die technologische Vorherrschaft. Die Regierung in Peking setzt bei der
Begrenzung der KI-Risiken vor allem auf staatliche Kontrollen und strikte
Vorgaben für Entwickler. (rtr)
Handelsdefizit mit China mit allen Mitteln senken und Gründung einer neuen
EU-Agentur für kritische Rohstoffe
Die EU will ihr Handelsdefizit mit China mit allen zur Verfügung stehenden
Mitteln verringern. Das Ungleichgewicht habe einen kritischen Punkt
erreicht, sagte Kommissionspräsidentin von der Leyen. Im vergangenen Jahr
habe das Defizit im Warenhandel bei einer Milliarde Euro pro Tag gelegen.
Europa leide infolge eines zweiten „China-Schocks“ unter einer
Deindustrialisierung.
„Eines muss klar sein: Wir werden alle verfügbaren Instrumente nutzen, um
unsere Beziehungen wieder ins Gleichgewicht zu bringen“, sagte von der
Leyen. Worte seien gut, Taten aber besser. Es liege im Interesse beider
Seiten, gemeinsam eine Lösung zu finden.
Die Staats- und Regierungschefs der EU hatten die Kommission im Juni
aufgefordert, im Dialog mit China Fortschritte zu erzielen und
sicherzustellen, dass die Gemeinschaft über die notwendigen Instrumente
zur Verteidigung ihrer Interessen verfügt. Der für die Verhandlungen
zuständige EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič hatte erklärt, er wolle bis
Oktober konkrete Ergebnisse vorlegen.
Von der Leyen wies zudem auf die Abhängigkeit der EU von China bei
vielen kritischen Rohstoffen wie Seltene Erden hin. Es sei dringend
erforderlich, Reserven aufzubauen. Die EU werde eine neue europäische
Agentur für kritische Rohstoffe gründen, um die Beschaffung und Lagerung
für die 27 Mitgliedstaaten zu koordinieren. (rtr)
Kampf gegen „Ultranationalisten“ und „Anti-Europäer“
Die Kommissionspräsidentin sagte „Ultranationalisten“ und „Anti-Europäern“
den Kampf an. „Sie verachten unsere Werte und sie wollen unsere europäische
Einheit zerschlagen“, sagte sie in ihrer Rede. „Lassen Sie uns deshalb
nicht nur dagegen ankämpfen, sondern lassen Sie uns gemeinsam für unsere
europäische Idee kämpfen“, fügte sie hinzu.
Von der Leyen forderte auch, gegen russische Einflussnahme und
Desinformationen vorzugehen. „Die Bezeichnungen mögen unterschiedlich sein,
aber ihr Ziel ist dasselbe“, verdeutlichte sie. Ein „Kampf der Narrative“
solle „das Vertrauen in Europa schwächen“. Echte Sorgen, etwa über
Lebenshaltungskosten, würden „als Waffen eingesetzt, um einen Keil zwischen
uns zu treiben“, sagte die Kommissionspräsidentin. (afp)
16 Sep 2026
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