# taz.de -- Kanada als Sehnsuchtsland: Oh, wie schön ist Kanada
       
       > Kanada ist in. Was steckt hinter den Phantasien, die sich mit dem
       > zweitgrößten Staat der Erde verbinden? Und können wir wirklich beste
       > Freunde werden?
       
 (IMG) Bild: So schön ist Kanada, hier Lake Louise und die Plain of Six Glaciers
       
       Die Blätter an den Bäumen verfärben sich orange-braun, einige fallen und
       werden vom kühlen Wind und den vorbeifahrenden Autos aufgewirbelt. Die
       Sonne hängt in einem Meer aus Blau über einem See, der so gigantisch ist,
       dass ich sein Ende kaum ausmachen kann. Ich spaziere durch die Straßen
       Torontos, freue mich über jedes Geschäft, das eine Pride-Flagge am Fenster
       kleben hat (es sind so viele!) und trinke später meinen Filterkaffee in
       einem kleinen Café mit Holzveranda. Ach wie schön du bist, Kanada.
       
       Jetzt, da es wieder Herbst wird, denke ich zurück ans letzte Jahr, als ich
       ungefähr zur gleichen Zeit ins Land der malerischen Landschaften, der
       Bären, des Eishockeys und des Ahornsirups reiste. Mit meiner romantisierten
       Vorstellung von Kanada bin ich wohl kaum allein, wahrscheinlich waren es
       sogar nie meine eigenen Gedanken, die dieses Bild zauberten. Vielmehr ist
       es – wie so oft – eine Vorstellung, ein Versprechen, das uns nur allzu gern
       in Filmen und Büchern vermittelt wird. Oder: gutes Marketing.
       
       Auch Ursula von der Leyen, die Präsidentin der Europäischen Kommission,
       scheint von Kanada zu träumen. Sie schlug vor, dass es [1][das erste
       „assoziierte Mitglied“ der EU] werden soll. Für den Vorschlag bekam sie
       gleich ein Küsschen links und rechts vom kanadischen Premierminister Mark
       Carney.
       
       Dabei sind unsere Länder bereits eng verbunden, sollen aber durch das
       Freihandelsabkommen noch bessere Buddies werden. Wie genau das aussehen
       soll, steht noch nicht fest. Ein Anfang könnte sein, dass alle
       EU-Bürger*innen ein Fläschchen Ahornsirup bekommen. Bonusmaterial: Trump
       springt nun wie ein wütendes Rumpelstilzchen im Dreieck und droht mit – was
       sonst – [2][hohen Zöllen.]
       
       ## Orange als Farbe der Solidarität
       
       Schon bevor die USA unter Donald Trump zur Autokratie mutierten und nun
       immer mehr US-amerikanische Wissenschaftler*innen, Journalist*innen und
       Aktivist*innen nach Kanada auswandern oder zumindest darüber
       nachdenken, wurde das Land in zahlreichen Erzählungen als Zufluchtsort
       idealisiert.
       
       Man denke nur an „The Handmaid’s Tale“, dessen Fiktion gerade Realität zu
       werden scheint. Im Kontrast dazu steht Kanada als leuchtendes Ahornblatt
       der Demokratie, als Nachfolger des amerikanischen Traums sozusagen und als
       Sehnsuchtsland schlechthin. Diese Verkörperung sehen wir auch in Serien wie
       „Sterling Point“, „Heated Rivalry“ oder „Every Year After“. Die
       Kanada-Romantisierung ist real.
       
       Dabei könnte die Wirklichkeit teils nicht ferner liegen: In Kanada, das
       flächenmäßig das zweitgrößte Land der Welt ist, vollzieht sich die
       Klimakrise doppelt so schnell wie sonst wo. Die nördlichen Territorien, die
       bis in die Arktis reichen, werden vom Gletscherschmelzen und von
       Überschwemmungen geprägt, während im Süden des Landes Dürreperioden,
       Tornados un[3][d drastische Waldbrände das Klima bestimmen.]
       
       [4][Beziehungsweise bestimmt die Klimakrise die Brände und macht sie umso
       wahrscheinlicher.] Das hat schon oft große Evakuierungen provoziert, wie
       2023, als zwischen Mai und Juni 15.000 Menschen in der Provinz Québec zur
       Vorsicht ihre Häuser verlassen mussten und Tausende sie verloren. Die
       Forschung hat einen eigenen Namen für diese Extreme: „Feuerwetter“.
       
       Und während ich gedanklich noch dem orangen Herbst im vergangenen Jahr
       hinterher hänge, haben die meisten Kanadier*innen eine ganz andere
       Assoziation mit der Farbe. [5][Orange steht für Solidarität mit der
       indigenen Bevölkerung des Landes.] Denn wenig überraschend hat auch Kanada
       eine dunkle und gar nicht so alte Vergangenheit. Im 19. und 20. Jahrhundert
       wurden mehr als 150.000 indigene Kinder von ihren Eltern getrennt und in
       „Residential Schools“ gesteckt. Das Ziel: indigenes Wissen und Kultur
       ausradieren.
       
       [6][Mehr als 6.000 Schüler*innen starben in den Erziehungsanstalten und
       15.000 reichten später Klage wegen sexuellem und körperlichem Missbrauch
       ein]. Die letzte dieser Einrichtungen wurde erst 1996 geschlossen, die
       Aufarbeitung begann mit viel Gegenwind in den Nullerjahren und ist bis
       heute nicht abgeschlossen. Immer wieder werden Massengräber gefunden oder
       andere Details kommen ans Licht, die das Land in eine selbstverschuldete
       Identitätskrise versetzen. In diesem Punkt scheinen unsere Länder gute
       Buddies zu sein, immerhin.
       
       So sehr ich mich Chappell Roans Kanada-Eskapismus in ihrem Song „The
       Subway“ anschließen möchte und im Hinterkopf der Gedanke schlummert, wenn
       alles den Bach runtergeht, dann „well, fuck this city, I'm moving to
       Saskatchewan“. So sehr drängt sich eine Frage auf, mit der sich
       insbesondere weiße Menschen beschäftigen sollten: Kanada, warst du jemals
       schön?
       
       19 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Selina Hellfritsch
       
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