# taz.de -- AfD mit Rekordergebnissen: Stadt, Land, ein bisschen Frust
> Die AfD fährt in Mecklenburg-Vorpommern ein Rekordergebnis ein und landet
> knapp vor der SPD. Berlin hingegen enttäuscht die Rechtsextremen.
(IMG) Bild: Stärkste Kraft trotz blassem Spitzenkandidat: die AfD hat in Mecklenburg-Vorpommern gewonnen, blieb aber in Berlin schwach
Während Tino Chrupalla unter Jubelstürmen an der Seite von Spitzenkandidat
Leif-Erik Holm in Schwerin erneut ein Rekordergebnis feierte, verfolgte
Parteichefin Alice Weidel die Wahlergebnisse im Berliner Abgeordnetenhaus.
Hier gab es Partystimmung nur mit Abstrichen: Umringt von Medien und
rechtsextremen YouTubern, gab es auch dort zunächst Riesenjubel über das
Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern, die Ergebnisse aus Berlin sorgten dann
aber eher für Ernüchterung.
Die extrem rechte Partei legte zwar deutlich zu, hatte sich aber deutlich
mehr erhofft. Als die Linke laut der Prognose um 18 Uhr auf fast 25 Prozent
kommt, redet man sogar von einer „Katastrophe“, bevor es dann zum
pflichtschuldigen Applaus und Umarmungen für die eher blasse Berliner
Spitzenkandidatin Kristin Brinker gab.
Unterm Strich ist es aber ein erfolgreicher Abend für die extrem rechte
AfD: In Mecklenburg-Vorpommern erreichte sie laut Hochrechnungen am Abend
37,9 Prozent – ein Plus von 21,2 Prozentpunkten. Damit wurde sie stärkste
Kraft, bleibt allerdings weit von der absoluten Mehrheit entfernt.
In Berlin bleibt die AfD deutlich hinter ihren eigenen Erwartungen zurück
und kommt laut Hochrechnungen am Sonntagabend auf mehr als 15 Prozent. Das
lag wohl auch am sozialpolitisch geprägten Wahlkampf. Sowohl Weidel als
auch Chrupalla fühlten sich mit ihrem Kurs der Fundamentalopposition
bestärkt und forderten beide den Rücktritt von Kanzler Merz. Man wähnt sich
also einen Schritt weiter am Fernziel der Zerstörung der CDU, die in beiden
Ländern deutlich verlor.
## Deutschlands Demokratiekrise
Vor allem das Wahlergebnis in Mecklenburg-Vorpommern manifestiert
allerdings die tiefe und wohlgemerkt gesamtdeutsche Demokratiekrise. Nach
Thüringen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt hat die AfD nun ein weiteres
Bundesland, in dem sie mit einer Sperrminorität demokratische Prozesse
blockieren kann. Eine Verfassungsänderung, die mehr Resilienz schaffen
sollte, scheiterte vor der Wahl an der CDU. Jetzt kann die AfD etwa
Richterwahlen für das Landesverfassungsgericht verhindern. In der kommenden
Legislaturperiode müssen acht Richter:innenposten neu besetzt werden.
Im Wahlkampf setzte die AfD in Mecklenburg-Vorpommern auf bewährte
Strategien aus anderen Ost-Bundesländern: Slogans wie „Vollende die Wende“,
Simson-Ausfahrten und die Forderung, das DDR-Schulfach „Produktive Arbeit“
wieder einzuführen, zielten auf ostdeutsche Identität und trafen einen
Nerv.
Doch es fehlte eine charismatische Spitzenfigur wie Ulrich Siegmund in
Sachsen-Anhalt. Leif-Erik Holm, der Spitzenkandidat, trat nicht einmal auf
der Landesliste an. Er wollte nur Ministerpräsident werden, andernfalls
sein Bundestagsmandat behalten. Der Sound des ehemaligen Radiomoderators
könnte auch noch aus der Lucke-AfD stammen. Nicht zuletzt deswegen gilt
Holm für viele im extrem rechten Landesverband als verzichtbar – und
langfristig austauschbar. Teile des Landesverbands gelten als zerstritten.
Nicht gilt das [1][für die völkischen Hardliner, die hinter Holm die Fäden
ziehen] – Generalsekretär Dario Seifert etwa, der früher in der NPD-Jugend
war. Oder Thore Stein auf Listenplatz 2 aus einer rechtsradikalen
Burschenschaft und mit Vergangenheit beim völkischen Bund „Sturmvogel“.
Oder Daniel Fiss mit einer Vergangenheit ebenfalls in der NPD-Jugend sowie
bei den „Nationalen Sozialisten Rostock“. Die Liste ließe sich fortsetzen.
Mecklenburg-Vorpommern zeigt, wie weit die AfD auch ohne Zugpferd in einem
ostdeutschen Flächenland kommt. Hier gilt, was früher für die SPD im
Ruhrgebiet galt: Selbst ein Besenstiel könnte gewählt werden. Rückenwind
aus Sachsen-Anhalt stärkte die AfD-Wählerschaft zusätzlich.
In Berlin hingegen zeigt sich, wie man die AfD schlagen kann: Mit einem
Wahlkampf, der sich an sozialen Themen abseits von Migration orientiert.
Interessant: Die Linke mobilisierte laut Nachwahlbefragungen hier mehr
Nicht-Wähler als die in diesem Bereich ebenfalls starke AfD. Anders sah es
in Mecklenburg-Vorpommern aus, wo die AfD laut Infratest dimap rund 67.000
Nicht-Wähler:innen mobilisierte und damit deutlich vor allem anderen
Parteien lag, also rund ein Drittel ihrer Wählerschaft. Zudem gewann sie
hier ordentlich von SPD und CDU.
Erneut stellt sich vor allem mit Blick auf Mecklenburg-Vorpommern die
Frage, was die AfD stark gemacht hat: Ist es die Brandmauer, also die
politische Isolation der Rechtsextremen entlang formaler machtpolitischer
Kriterien, die nun wegmüsse?
Die monokausale Erklärung, dass die Brandmauer gescheitert sei, verkennt,
dass die Ausgrenzung tatsächlich inhaltlich nie stattgefunden hat. Die CDU
unter Merz hat schließlich versucht, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Merz
versuchte eine „Alternative mit Substanz“ zu sein. Er wollte AfD-Wähler mit
Anti-Migrationspolitik zurückgewinnen. Wie in vielen anderen Ländern hat
das die Konservativen in eine Existenzkrise gestürzt: Er hat damit den
Rechtsextremen politisch recht gegeben und damit auch den
gesamtgesellschaftlichen Diskurs nach rechts verschoben. Die AfD-Wähler
fühlten sich erst recht ermutigt, wählen aber das Original.
Wahrscheinlich dürfte sein, dass es nicht die eine Erklärung für den Erfolg
der AfD gibt, sondern eine Vielzahl: Neben der Normalisierung gibt es auch
[2][empirisch haltbare Befunde]: Ukrainekrieg, Fluchtbewegungen, steigende
Energiepreise, Inflation, den Abbau von Industriearbeitsplätzen, eine
unpopuläre Bundesregierung, Defizite in der öffentlichen Daseinsvorsorge,
die Verankerung der AfD im ländlichen Raum und in der Kommunalpolitik sowie
ihre Dominanz in den sozialen Medien.
20 Sep 2026
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