# taz.de -- AfD Mecklenburg-Vorpommern: Herr Holm und die radikalen Männer
       
       > Auch in Mecklenburg-Vorpommern will die AfD die Wahl gewinnen.
       > Spitzenkandidat Leif-Erik Holm gibt sich betont bürgerlich. Doch hinter
       > ihm tummeln sich Radikale.
       
 (IMG) Bild: In Sachsen-Anhalt war mehr Lametta: Leif-Erik Holm, AfD-Spitzenkandidat in Mecklenburg-Vorpommern, spricht in Bad Doberan
       
       Ein Dienstagnachmittag im Luftkurort Bad Doberan, ein paar Kilometer von
       der Ostseeküste entfernt. Die Bäder-Dampflok Molli fährt Touristen am
       kleinen Marktplatz vorbei. Auf dessen Boden ist ein großer Regenbogen
       gemalt. Rund 40 überwiegend junge Menschen haben sich davor aufgestellt und
       halten Schilder mit Slogans hoch: „Kein Bock auf alte Naive“, „Die AfD ist
       gegen Mietendeckel, Arbeitsrechte & Mindestlohn“. Sie protestieren still,
       friedlich, ohne Sprechchöre und Polizeiabsperrung gegen die AfD-Kundgebung,
       die hier heute kurz vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am 20.
       September stattfindet.
       
       Unter den Teilnehmenden der AfD-Veranstaltung sind ein paar übliche
       Dorfneonazis in Szeneklamotten sowie rechtsextreme Youtuber. Der lokale
       AfD-Kandidat Thomas de Jesus Fernandes („Mach dein Kreuz bei Jesus“) raunt,
       dass es im Westen ja nur noch einen Weißen pro Schulklasse gebe. Ansonsten
       aber tritt die AfD hier deutlich weniger radikal auf als zuletzt etwa der
       Landesverband Sachsen-Anhalt.
       
       Dennoch wirkt dessen Spitzenkandidat Leif-Erik Holm, ein
       Bundestagsabgeordneter und ehemaliger Radiomoderator mit dem Charme eines
       Sparkassenbeamten, zwischen all den Lonsdale-Klamotten und ein paar
       Rockerkutten etwas deplatziert. Im Wahlkampf versuchte er, Elemente des
       zuletzt sehr erfolgreichen Event-Wahlkampfs seines Parteikollegen Ulrich
       Siegmund aus Sachsen-Anhalt zu importieren: posierte lächelnd in Videos und
       lud zur „Mopedausfahrt“ ein – die allerdings schiffte im Regen ab.
       
       In den Umfragen reicht es dennoch für 37 Prozent, die extrem rechte Partei
       liegt damit leicht vor der SPD, die aktuell die Ministerpräsidentin stellt.
       Eine Regierungsbildung an den Rechtsextremen vorbei dürfte damit reichlich
       kompliziert werden. Eine Sperrminorität ist der AfD wohl sicher, und auch
       die absolute Mehrheit ist nicht so weit weg – zumal mit den Grünen, dem BSW
       und sogar der CDU mehrere Parteien an der Fünfprozenthürde herumdümpeln.
       
       ## Hinter den Kulissen sieht es deutlich anders aus
       
       Holm fordert hier im Wahlkampf keine „millionenfache Remigration“,
       „Rüstungsgüter für die Abschiebeoffensive“ oder dass Deutschland auch nur
       mit 60 Millionen Menschen leben könne, wie es seine Parteifreunde in den
       vergangenen Wochen taten. Auch auf dem Marktplatz in Bad Doberan gibt es
       keine Hetze gegen „kulturfremde Fachkräfte“, kein Geraune über angebliche
       gefälschte Briefwahlen und nur lächerliche zwei Deutschlandfahnen.
       
       So richtig springt dann auch der Funke bei den rund 150 angegrauten
       Besucher*innen nicht über, die in Camp-David-Klamotten auf Bierbänken
       ausharren, in Westen Handyvideos drehen und mit „Alice für
       Deutschland“-Kappen Streuselkuchen essen. In Sachsen-Anhalt war mehr
       Spektakel.
       
       Auch in seiner Rede ist Holm sichtlich auf bürgerliches Auftreten und
       Verharmlosung bedacht. Er verspricht keine „Vision“, sondern lediglich ein
       halbes Prozent weniger Grunderwerbssteuer. Mehr sei bei dem Landeshaushalt
       zunächst nicht drin. Radikal wirkt hingegen seine Forderung nach einer
       „Rückführungspolizei“, die unwillkürlich an die amerikanische
       Einwanderungsbehörde ICE erinnert, die zuletzt gewalttätig gegen
       Immigranten vorgegangen war. Der Marktplatz gerät daraufhin kurz in
       Wallung.
       
       Und wie sieht es mit dem übrigen AfD-Personal in Mecklenburg-Vorpommern
       aus?
       
       Schon auf Platz zwei der Landesliste steht Thore Stein,
       Agrarwissenschaftler und parlamentarischer Geschäftsführer der AfD sowie
       Schwiegersohn des weit rechten Netzwerkers Gernot Mörig, dem Initiator des
       berüchtigten „Remigrationstreffens“ von Potsdam. Stein bewegt sich schon
       länger in der rechtsextremen Szene. Zu Studienzeiten schloss er sich der
       weit rechten [1][„Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn“] an.
       Ein Foto, das der taz vorliegt, zeigt ihn 2009 auf einem [2][Treffen des
       völkischen Sturmvogels in Mecklenburg-Vorpommern]. Der Bund beschrieb sich
       zur Gründung als „volkstreu eingestellte Deutsche“, der gegen den
       derzeitigen „Ungeist“ stehe, „der unser Volk derzeit jeden Atemzug
       verpestet“.
       
       Später suchte Stein die Nähe zu den Identitären, den Vordenkern des
       „Remigration“-Kampfbegriffs. Mit „Remigration“ ist die massenweise
       Ausweisung von Migranten gemeint. 2022 sprach Stein im Podcast des
       Identitären-Projekts „Ein Prozent“ über das Konzept von Umwelt und Heimat,
       forderte eine „Renationalisierung“ der Landwirtschaft. Und der Rassismus
       schien klar durch, als er zuletzt erklärte, es gehe ihm um einen „gesunden
       Menschenschlag“.
       
       ## Typische Karriere: NPD-Jugend, Identitäre Bewegung, AfD
       
       Stein steht auch Revisionismus nicht fern. In einem internen Chat der AfD
       Mecklenburg-Vorpommern aus diesem Frühjahr, der in Auszügen der taz
       vorliegt, diskutierten mehrere AfD-Funktionäre über das Gedenken an den 8.
       Mai 1945, die Befreiung Deutschlands vom Faschismus – und kritisierten,
       dass ein AfD-Vertreter bei einer solchen Veranstaltung in Lalendorf dabei
       war, an einem sowjetischen Ehrenmal. Angesichts des Vorgehens der Roten
       Armee gegen die deutsche Zivilbevölkerung 1945 „verbietet sich jegliche
       Teilnahme an Siegesfeiern zum 8./9.05“, schrieb Stein. Die sowjetische
       Armee sei „kein antifaschistischer Befreier“ gewesen. Stein ließ eine
       taz-Anfrage zu all dem unbeantwortet.
       
       Auch andere vertreten im Chat die Position. David Jenniches aus Schwerin,
       Listenplatz 11, nannte den 8. Mai „unsere katastrophale Niederlage“, eine
       Teilnahme am Gedenken „unpassend“. Noch schärfer äußerte sich Daniel Fiß,
       einst führender Identitärer – und heute Referent des AfD-Fraktionschefs
       Enrico Schult und [3][im Vorstand der AfD-Parteijugend] in
       Mecklenburg-Vorpommern. „Was hat man dort als AfDler einer
       deutsch-souveränen Partei mit positivem Identitätsbezug zur eigenen
       Geschichte verloren?“, ätzte Fiß über seinen Parteikollegen. Das
       8.-Mai-Gedenken sei eine „antideutsche Unterwerfungsveranstaltung“. Auf
       taz-Nachfrage erklärte Fiß, es sei ihm nicht um das generelle Gedenken
       gegangen, sondern um eine Beteiligung an einem sowjetischen Ehrenmal.
       
       Dabei dürfte Fiß eigentlich gar nicht bei der AfD mitmischen: Die
       Identitären stehen explizit auf der Unvereinbarkeitsliste der Partei. Ganz
       zu schweigen von seinen früheren Aktivitäten in der NPD-Jugend inklusive
       Demo-Teilnahmen bei den [4][„Nationalen Sozialisten Rostock“]. Sein
       Arbeitgeber Enrico Schult, seit Juni Fraktionschef, ließ eine taz-Anfrage
       zur Mitgliedschaft bei den Identitären unbeantwortet. Auch Schult tritt wie
       Holm meist betont nüchtern auf, tat aber politische Bildung auch schon mal
       als [5][„demokratisches Geschwätz“] ab, warnte bei Geflüchteten vor einer
       [6][„Invasion“].
       
       Noch derber äußert sich Nikolaus Kramer, Schults Vorgänger als
       Fraktionschef, jetzt Direktkandidat in Vorpommern. Der frühere Polizist
       machte schon 2017 Schlagzeilen, weil er in einem AfD-Chat ein Foto der
       SS‑Leibstandarte Adolf Hitler teilte, mit dem Spruch: [7][„Ein schwarzer
       Block ist nicht grundsätzlich scheiße.“] Zuletzt bezeichnete sich Kramer
       als [8][„Remigrationsbeauftragten“ der AfD], wetterte über Messergewalt als
       „importiertes Gewaltmuster“ oder beklagte einen deutschen „Schuldkult“. Und
       auch er sucht die Nähe zu den Identitären, lud in seinen Podcast deren
       Vordenker Martin Sellner und „Ein Prozent“-Chef Philipp Stein ein.
       
       Für deftige Sprüche im Landesverband ist auch Tommy Thormann bekannt,
       AfD-Direktkandidat aus Rügen. Auch er fabuliert von einem „Schuldkult“ und
       drohte im Frühjahr auf einer Kundgebung linken Gegendemonstranten, man
       werde sie „in Grund und Boden verbieten“, wenn die AfD an die Macht komme.
       Er freue sich schon, wenn bei ihnen „morgens um sechs Uhr die Polizei
       klingelt“.
       
       Kurios: Auch mit einem verurteilten Bankräuber tritt die AfD an, Sascha
       Gläser aus Rostock. Der hatte 2012 eine Bank in Duisburg überfallen, war
       dafür zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Lokale
       Medienberichte machten das zuletzt publik. Die AfD erklärte daraufhin, sie
       habe davon nichts gewusst. Und Gläser bekundete, dass er das Mandat nicht
       annehmen werde, sollte er es gewinnen.
       
       Dazu kommen weitere Radikale in den AfD-Reihen, mit denen die Partei keine
       Probleme hat. Haik Jäger etwa, ein Polizist und für die AfD
       Kreistagsmitglied in Nordwestmecklenburg. Er gehörte früher zum
       Nordkreuz-Netzwerk, deren Mitglieder sich auf einen Tag X, einen Umsturz,
       vorbereiteten, dafür Feindeslisten anlegten und Leichensäcke besorgten. Bei
       Jäger fanden Ermittler [9][3.000 Schuss Munition]. Zu dem Netzwerk gehörte
       auch Maik Flemming, der damals schon in einem internen Chat für die AfD
       warb. Heute ist er für die Partei Stadtrat in Schwerin.
       
       Oder Christoph Grimm, AfD-Bundestagsabgeordneter, [10][der
       Identitären-Comics an Grundschulen] verteilte und ebenso zum 8. Mai
       erklärte, dieses Datum sei „ein Tag der Vernichtung“, es müsse „Schluss mit
       der Selbsterniedrigung sein“. Oder der Stralsunder Dario Seifert, der
       früher bei der NPD-Jugend aktiv war und ebenso bekundete, man müsse sich
       freimachen vom „antideutschen Tätermythos des linken Mainstreams“.
       
       ## Holm gilt als austauschbar
       
       An der Personalie Seifert wird besonders deutlich, wie der Landesverband
       tickt. Der Mann aus der NPD-Jugend war in der AfD zwei Jahre lang für Ämter
       gesperrt war, auch auf Druck von Holm. Diesen Mai wurde Seifert dennoch zum
       Generalsekretär der AfD in Mecklenburg-Vorpommern gewählt, Holm war dagegen
       machtlos – während er Seifert früher aus der Partei schmeißen wollte. Der
       neue Generalsekretär bekam 92 Prozent bei seiner Wahl. Das zeigt deutlich,
       wer eigentlich das Sagen im Landesverband hat. Holm gilt als vorzeigbares,
       aber auch austauschbares Aushängeschild.
       
       Eine taz-Anfrage an Spitzenkandidat Holm zu all diesen Leuten ließ dieser
       unbeantwortet. An anderer Stelle kritisierte er teils deren Wortwahl,
       erklärte aber auch, dass die Personen politische Entwicklungsprozesse
       durchgemacht hätten. Doch selbst Holm verteidigte zuletzt das
       „Remigrationskonzept“ oder erklärte, der Islam sei zuvorderst eine
       politische Ideologie und damit „absolut unvereinbar“ mit „unseren
       Vorstellungen“.
       
       Der Rechtsextremismusexperte und Linkenpolitiker Daniel Trepsdorf nennt die
       AfD in Mecklenburg-Vorpommern ein „besonders dichtes Sammelbecken
       gewaltaffiner Rechtsextremisten und dubioser Charaktere“. Dies habe System
       und werde auch von der Spitze um Holm „wohlwollend begleitet“.
       
       Beim AfD-Umfeld wird daraus auch gar kein Hehl mehr gemacht. Anders als
       früher werde „drauf geschissen“, welche Vergangenheit die Leute haben,
       jubilierte nach der Sachsen-Anhalt-Wahl der „Ein Prozent“-Leiter Philip
       Stein. Dies sei ein Durchbruch für das „Zusammenwachsen der patriotischen
       Bewegung“.
       
       Holm dagegen versucht öffentlich die Radikalen hinter sich nicht zu
       thematisieren und erklärte zuletzt, er reiche nach der Wahl allen Parteien
       die Hand. Die lehnen das bisher unisono ab. SPD-Spitzenkandidatin und
       Ministerpräsidentin Manuela Schwesig sagte dazu explizit: „Niemals darf
       unser Land in die Hände von Extremisten fallen.“
       
       16 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.aida-archiv.de/2011/06/14/kommers-der-extrem-rechten-qburschenschaftlichen-gemeinschaftq-in-muenchen/4/
 (DIR) [2] /Deutscher-Jugendbund-Sturmvogel/!5149872
 (DIR) [3] https://katapult-mv.de/artikel/neue-afd-jugendorganisation-gruendet-landesverband-mit-altbekannten-rechtsextremen/
 (DIR) [4] https://www.endstation-rechts.de/news/rostock-neonazi-gruppe-aktionsblog-verboten
 (DIR) [5] https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/demokratisches-geschwaetz-afd-landeschef-schult-loest-empoerung-aus,politischebildung-100.html
 (DIR) [6] https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/landtagswahl/enrico-schult-afd-das-interview-zur-landtagswahl-im-faktencheck,mvwahl-218.html
 (DIR) [7] /AfD-Fraktionschef-in-Erklaerungsnot/!5479316
 (DIR) [8] https://www.ostsee-zeitung.de/lokales/vorpommern-greifswald/greifswald/greifswald-afd-mann-zu-streit-nach-remigrations-post-wollen-nicht-alle-migranten-ausweisen-OAQQMPOYHVHT7GMR2URM7FE7WU.html
 (DIR) [9] /Bilanz-zum-Hannibal-Netzwerk/!5977591
 (DIR) [10] /Bilanz-zum-Hannibal-Netzwerk/!5977591
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Konrad Litschko
 (DIR) Gareth Joswig
       
       ## TAGS
       
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