# taz.de -- AfD-Hochburg in Mecklenburg-Vorpommern: Deutsche Hölle Demmin
> In der Kleinstadt Demmin in Vorpommern muss man nach begeisterten
> AfD-Anhängern nicht lange suchen. Mehr als jeder Zweite wählte hier
> rechtsextrem.
(IMG) Bild: Bonjour tristesse: Demmin bei der Visite von Sachsen-Anhalts AfD-Posterboy Ulrich Siegmund kurz vor der Landtagswahl
Eine einschläfernde Tristesse geht an diesem Septembermontag von dem
riesigen Parkplatz am Rand der vorpommerschen Kleinstadt Demmin aus. Tedi,
Kik, Jysk, Aldi, die üblichen Discounter. Der Andrang hält sich in Grenzen.
Wenigstens bei Aldi ist die ganze Zeit was los.
„Du siehst ja fertig aus. Habt ihr noch lang gesoffen?“, brüllt ein junger
Mann mit zutätowiertem Hals und einem Bier in der Hand quer über den
Parkplatz einer – tatsächlich leicht derangiert wirkenden – Frau zu. Ohne
stehen zu bleiben, ruft sie zurück: „Ja, ist aber auch wegen der
Schwangerschaft.“ Unklar, ob das ein Witz sein soll. Beide lachen. Dann
verschwindet sie im Aldi.
Der Mann, nennen wir ihn Ricky, ist 24 und arbeitet als Glasfasermonteur.
Entspannt lehnt er sich ans Geländer vor den Einkaufswagen und zündet sich
eine Kippe an, während er mit der taz spricht. Grund für die gute Laune ist
hier ohne Frage das Wahlergebnis der AfD bei der Landtagswahl in
Mecklenburg-Vorpommern am Tag zuvor.
Die Partei ist landesweit mit über 38 Prozent stärkste Kraft geworden. In
Demmin, das [1][schon seit den 2000er Jahren als rechtsextreme Hochburg]
gilt, bekam sie sogar deutlich mehr. 53,3 Prozent der Wähler:innen haben
hier ihr Kreuz bei der AfD gemacht.
## Fremde anpampen
Ricky fingert noch eine Marlboro aus dem Bigpack und erzählt dabei, wie
tolerant er sei. Er habe Freunde, die die Linke wählten, aber auch
„richtige Rechtsextremisten“. Wie die so drauf sind? „Wenn die wieder einen
Fremden auf der Straße anpampen oder sonst was mit dem machen, da bin
selbst ich dann raus“, versichert er. Um dann hinterherzuschieben: „Weil
man ja erst mal gar nicht weiß, ob der hier geboren ist.“
Der gebürtige Anklamer ist in Demmin selbst Zugezogener. Seine neue
Heimatstadt liegt rund 40 Kilometer südwestlich von Greifswald und hat
9.500-Einwohner:innen. Auf ihrer Website wirbt sie um „Fremde“ mit dem
Marketingslogan: „… hat was!“ Was Demmin außer einem Nazi-Problem haben
soll, erschließt sich auf den ersten Blick nicht.
Das nach der Wende wiederaufgebaute Rathaus ist ganz hübsch. Ansonsten
wurde das im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörte Zentrum mit
Plattenbauten vollgedonnert. Überregional bekannt ist die Stadt allenfalls
durch ihren Neonaziaufmarsch am 8. Mai.
Den organisiert seit 2007 die NPD beziehungsweise die Nachfolgepartei, Die
Heimat. Man gedenkt damit des Massensuizids Deutscher vor der herannahenden
Roten Armee 1945. Dagegen mobilisiert ebenfalls seit Jahren eine kleine
[2][örtliche Gruppe Antifaschist:innen].
## 23-Jährige will zurück in die DDR
Das Einzige, was Ricky dann auch „scheiße“ findet: dass nicht mehr in
Mecklenburg-Vorpommern so ticken wie er und über die Hälfte der
Wähler:innen in Demmin und die AfD somit die absolute Mehrheit verpasst
hat.
„Deutschland muss endlich erwachen“, gibt eine 23-jährige Schülerin mit
streng zurückgebundenen blonden Haaren zu Protokoll. „Damit alles wieder
wird wie in der DDR.“ Sie wirkt, als hätte sie nur auf den Moment gewartet,
diese Sätze aufzusagen.
Natürlich sei sie auch „bei Ulrich“ gewesen. „Der ist super nett.“ Leuchten
in ihren Augen. Ulrich Siegmund, der AfD-Wahlsieger von Sachsen-Anhalt, ist
vor gut einer Woche zur Wahlkampfunterstützung durch Mecklenburg-Vorpommern
getingelt. [3][Der Posterboy der Rechtsextremen] versprach dabei: „Im Osten
geht die Sonne auf, aber sie wird über ganz Deutschland scheinen.“
Die rund 20 AfD-Anhänger:innen, mit denen die taz hier spricht, nennen
immer wieder die gleichen Gründe für ihre Wahlentscheidung. Die meisten
sagen, teils nach kurzem Zögern und erst leise, aber ohne Zweifel, Scham
oder Angst in der Stimme: „Na, wegen den Ausländern, damit die dahin
geschickt werden, wo sie hingehören.“ So formuliert es etwa eine
Zehntklässlerin.
## AfD-Chef Schult will einmarschieren
Anders als Ricky weiß sie auch, wie der Mann heißt, dem sie ihre Erststimme
gegeben hat: dem gebürtigen Demminer Enrico Schult, der mit dem
Bundestagsabgeordneten Leif-Erik Holm zusammen Landesvorsitzender der AfD
ist und seit dem Sommer auch Fraktionschef im Schweriner Landtag.
Schult war mit Landeslistenplatz 1 der eigentliche „Spitzenkandidat“ der
extremen Rechten, während der blasse Holm für die Kameras den Grüßaugust
machen durfte. Die AfD bezeichnete Holm großspurig als
„Ministerpräsidenten-Kandidat“, ansonsten war er aber nur Direktkandidat in
Schwerin. Nachdem beides nicht geklappt hat, bleibt er jetzt einfach weiter
in Berlin.
Der 47-jährige Vermessungstechniker Schult war erfolgreicher. Im Wahlkreis,
zu dem Demmin gehört, holte er mit über 54 Prozent indes das landesweit
zweitbeste Erststimmenergebnis nach Manuela Schwesig, der
SPD-Ministerpräsidentin und direkten Holm-Konkurrentin in Schwerin.
Mit Blick auf die SPD, die Linke und die Grünen im Landtag, die absehbar
künftigen Koalitionäre in Schwerin, rief Schult noch am Wahlabend seinen
Anhänger:innen zu: „Wenn wir hier einmarschieren mit unserer Truppe.
Sie werden zittern vor uns. Und sie zittern zu Recht.“ Man könne ihm
glauben: „Die nächste Wahl werden wir für uns entscheiden und dann brauchen
wir keinen Koalitionspartner mehr.“
Am Tag darauf versucht er, sich vor Journalist:innen im Schweriner
Schloss „gemäßigt“ zu geben. Er jammert etwas, weil der Umgang mit seiner
Partei im Wahlkampf „nicht immer inhaltlich fair“ gewesen sei. Und
behauptet ansonsten, dass nach dem Scheitern der CDU an der
Fünfprozenthürde die AfD „die einzige Partei“ sei, „die
bürgerlich-konservative Positionen in den Landtag einbringen kann“.
Schließlich: „Die AfD ist ein Segen für die Demokratie.“
Auf taz-Nachfrage, wie das zusammengehen soll mit Extremisten wie dem
künftigen Landtagsabgeordneten [4][Tommy Thormann, der ein Direktmandat auf
Rügen holte] und politische Gegner:innen „in Grund und Boden verbieten“
möchte, wiegelt Schult ab. Das sei alles „aus dem Zusammenhang gerissen“.
Thormanns Direktmandat wertet er als „Zeichen, dass er das Vertrauen der
Menschen auf Rügen genießt“. Ein „Segen“ sei die AfD wegen der gestiegenen
Wahlbeteiligung.
Einer nicht geringen Zahl der eigenen Leute ist Schults Habitus und sein
Hervorkehren von vermeintlich bürgerlich-konservativen Positionen aber –
ähnlich wie bei Holm – sichtlich zu lasch und zu wenig rechtsradikal. Bei
der Wiederwahl zum Fraktionschef stimmt am Dienstag mehr als ein Drittel
der 32 AfD-Abgeordneten gegen Schult.
## Die anderen Stimmen
Auf dem Aldi-Parkplatz in Demmin trifft man dann auch auf genauso viele
Passant:innen, die nicht nur Schults Beteuerungen nicht glauben – sondern
die es seit Sonntag regelrecht mit der Angst zu tun bekommen haben. So auch
die drei Seniorinnen, die gerade vom Kuchenessen kommen.
Eine von ihnen, eine 81-jährige ehemalige Krankenschwester, sagt: „Ich
fürchte, dass mit der AfD noch mal ein Krieg kommt.“ Sie lebt von 1.000
Euro Rente im Monat. „In der Arztpraxis hatten wir ja keinen Tarifvertrag.“
Auch sie stört vieles an den aktuellen Verhältnissen. Dennoch habe sie mit
beiden Stimmen SPD gewählt.
23 Sep 2026
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