# taz.de -- AfD nach Landtagswahlen: Weidel und die Legende von den „linken Nazis“
       
       > Nach den Wahlen verbreitet die AfD-Chefin einen rechten Mythos. Ihrem
       > Ziel, die CDU zu zerstören, rückt die AfD derweil ein Stück näher.
       
 (IMG) Bild: Alice im Märchenland: Auftritt der AfD-Vorsitzenden am Montag bei der Bundespressekonferenz
       
       Zu Beginn der Pressekonferenz nach den AfD-Wahlerfolgen von
       Mecklenburg-Vorpommern und mit Abstrichen auch in Berlin sagte Alice Weidel
       noch, sie habe eine versagende Stimme. Doch nach einer Stunde CDU-Mobbing
       fand die AfD-Bundesvorsitzende am Ende der Bundespressekonferenz dennoch
       genug Kraft für eine ordentliche Portion Geschichtsrevisionismus angesichts
       des Sieges der Linkspartei in Berlin.
       
       Auch Hitler sei Sozialist gewesen, behauptete Weidel [1][nicht zum ersten
       Mal]: „Adolf Hitler hat eine völlig links gerichtete Politik gemacht. Er
       war ein Linksradikaler, ein Linksextremist.“ Wenn man sich mit der Historie
       beschäftige, bestätige sich das. Zudem erinnere sie das Berliner
       Wahlergebnis an Erich Honecker, so Weidel sichtlich aufgewühlt.
       
       Wer sich [2][tatsächlich mit „der Historie“] beschäftigt, weiß, dass
       Rechtsextreme bis Konservative seit der Nachkriegszeit gerne die Legende
       der angeblichen „linken Nazis“ nutzen – zur Relativierung der eigenen
       Verantwortung, später auch zur Geschichtsklitterung und zur Verharmlosung
       der eigenen Ideologie. Der Vollständigkeit halber: Tatsächlich hatte Hitler
       sich mit konservativen Eliten und Unternehmertum verbündet und direkt nach
       der Machtergreifung die Gewerkschaften zerschlagen, Errungenschaften der
       Arbeiter*innenbewegung zurückgedreht, Kommunisten und
       Sozialdemokraten eingesperrt und ermordet.
       
       Die NSDAP war antimarxistisch, der sogenannte „sozialrevolutionäre“ Flügel
       war vor allem antisemitisch, enteignet haben die Nazis vor allem Juden.
       Getrieben wurden sie dabei von Ideologien der Ungleichwertigkeit, wie die
       AfD und die sogenannte „Neue Rechte“ sie heute vertritt. Die Schuldumkehr
       und das Wettern über den angeblichen „Schuldkult“ soll vor allem über
       ideologische Kontinuitäten hinwegtäuschen.
       
       Als ein niederländischer Journalist Weidel folgerichtig fragte, warum sie
       diese Täter-Opfer-Umkehr betreibe, ob sie eigentlich verwirrt sei oder ob
       sie ihre Wähler*innen damit vorsätzlich verwirre, sagte Weidel mit
       gerecktem Zeigefinger: „Vielleicht sind Sie ein bisschen verwirrt!“ Wenn
       der Faschismus wiederkehre, werde er sich nicht Faschismus nennen, sondern
       Antifaschismus, so Weidel.
       
       ## AfD sieht keinen Anlass zu Mäßigung
       
       So spricht die Frau, die 2029 Bundeskanzlerin werden will. Ihre extrem
       rechte Partei führt in den Umfragen und sieht nach den Wahlsiegen in
       Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern keinen Anlass zur Mäßigung. Ihre
       Partei will demnächst in Sachsen-Anhalt die Regierung stellen und könnte
       versuchen, nicht nur mit einem Landtagspräsidenten ihr revisionistisches
       Weltbild zum Mainstream zu machen. Am Montag berichtete das
       ARD-Hauptstadtstudio, dass AfD und BSW sich auf einen Kandidaten für das
       Landtagspräsidium einigen konnten.
       
       Weil es die letzte Frage während der Pressekonferenz war, blieb danach
       keine Zeit mehr, um nachzuhaken, wie Weidel denn zur Auffassung des in
       Mecklenburg-Vorpommern frisch gewählten Landtagsabgeordneten Nikolaus
       Kramer steht. Dieser hatte in einem internen AfD-Chat ein Foto der SS mit
       den Worten kommentiert: „[3][Ein schwarzer Block ist nicht grundsätzlich
       scheiße].“ Auch Thommy Thormann, der Gegendemonstranten „in Grund und Boden
       verbieten“ würde, und Thore Stein, der [4][beim völkischen Bund
       „Sturmvogel“ aktiv] war, holten Direktmandate. Kramer gewann sogar mit 51,2
       Prozent.
       
       Noch absurder erscheint es, wenn diese antidemokratische Partei behauptet,
       in Mecklenburg-Vorpommern allen im Schweriner Landtag vertretenen Parteien
       die Hand reichen zu wollen. Gleichzeitig entlarvt Dario Seifert,
       Generalsekretär der AfD MV und einst Mitglied der NPD-Jugend, diese Floskel
       als unglaubwürdig. Er schließt eine Zusammenarbeit mit SPD, Linken und
       Grünen kategorisch aus – der Kurs bleibt, wenig überraschend,
       Fundamentalopposition.
       
       Mit 32 Abgeordneten ist die AfD im Landtag zum dritten Mal stärkste Kraft
       und kann mit ihrer Sperrminorität das Landesverfassungsgericht blockieren.
       Zwar verfehlte sie ihr Ziel der absoluten Mehrheit, doch ihrem
       mittelfristigen Plan, der Zerstörung der CDU, ist sie näher gekommen. Die
       Christdemokraten blieben unter der Fünfprozenthürde.
       
       Mit den Landtagswahlen rückt die AfD ihrem Ziel eines autoritären
       Gesellschaftsumbaus näher. Das Parteiensystem der Berliner Republik zeigt
       Risse, in Sachsen-Anhalt liegt es in Trümmern. Die AfD steht grinsend
       daneben – ihre Strategie geht auf.
       
       Die Strategie, die die AfD dorthin brachte, ist die [5][Spaltung der
       Gesellschaft entlang Kulturkampfthemen und Migration], um die Union in eine
       Identitätskrise zu stürzen und diese langfristig zu ersetzen. In
       Mecklenburg-Vorpommern ist ihr das parlamentarisch erstmals geglückt. Die
       CDU unter Merz ist mit ihrem Anti-Migrations- und Anti-Wokeness-Kurs der
       AfD dabei voll auf den Leim gegangen und hat zugleich den Diskurs für
       extrem rechte Positionen erweitert, während die Wähler*innen das
       Original bevorzugen.
       
       Die normalisierte AfD nennt sich selbstbewusst Volkspartei und erhält
       tatsächlich breite Unterstützung – vor allem von arbeitenden und
       selbstständigen Männern vor dem Rentenalter. Keine Überraschung: In
       Mecklenburg-Vorpommern punktete die AfD vor allem in ländlichen Regionen
       und ehemaligen Hochburgen der NPD. Schwach blieb sie in größeren Städten
       mit weniger Abwanderung, niedriger Arbeitslosigkeit und höherem Einkommen.
       Die [6][Wählerwanderung zeigt] auf, dass die AfD an erster Stelle rund
       66.000 Nichtwähler*innen motivierte, aber auch von Wechselwählern von
       SPD (48.000) und CDU (32.000) profitierte.
       
       In Berlin erreichte die AfD mit 16,2 Prozent zwar einen Rekord, blieb aber
       hinter ihren Erwartungen zurück. Dennoch holte sie 22 Direktmandate – vor
       allem im Osten der Stadt, aber auch in westlichen Außenbezirken wie Spandau
       und Reinickendorf.
       
       21 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Weidel-Musk-Talk-auf-X/!6061470
 (DIR) [2] https://www.geschichte-statt-mythen.de/Blog/klassische-mythen/linke-nationalsozialisten
 (DIR) [3] /AfD-Fraktionschef-in-Erklaerungsnot/!5479316
 (DIR) [4] /AfD-Mecklenburg-Vorpommern/!6213575
 (DIR) [5] /Maessigungsversuch-der-AfD/!6097185
 (DIR) [6] https://bsky.app/profile/juliusk.bsky.social/post/3mvz7smwnb22e
       
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 (DIR) Gareth Joswig
       
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